„Sei still!“

Früher sprach man einfach vom "Zappelphilipp", heute heißt es AD(H)S-Syndrom. Es steht für Auffälligkeiten wie innere Unruhe, Aufmerksamkeitsprobleme, Vergesslichkeit, Tagträumereien. AD(H)S (=Aufmerksamkeitsdefizit-/Hyperaktivitätsstörung) meint: Die einen stehen ständig unter Strom, die anderen erscheinen eher abwesend bis lethargisch. Für die meisten Ärzte und Forscher ist AD(H)S eine medizinisch zu behandelnde Störung, an der vor allem junge Menschen leiden (3 bis 7 %). In rund der Hälfte aller Fälle verschwindet sie im Erwachsenenalter von alleine wieder. Manche älteren Leute sagen, es sei ein Phänomen der modernen Gesellschaft, dass Kinder und Jugendliche sich heutzutage nicht mehr richtig konzentrieren und stillsitzen können. Gegner behaupten gar, AD(H)S gäbe es als Krankheit nicht. Die Symptome seien lediglich ein Produkt unserer Zeit. Ich sprach mit Martin (25), einem betroffenen jungen Christen.

Wann und wie hast du gemerkt, dass du ADS hast?

Meine Mutter hat früh gemerkt, dass etwas bei mir anders war, als bei vielen Gleichaltrigen. Sie sagt, ich sei schon als kleines Kind lauter und ungeduldiger gewesen. Wenn ich anfing etwas zu erzählen wurde es immer abschweifend und ich kam nie auf den Punkt. Ich habe ich es jedoch selbst nicht wahrhaben wollen. Die Tragweite meiner Krankheit bemerkte ich erst im Teenageralter, wo ich auffällige Schwierigkeiten mit dem kurzfristigen Erinnern hatte, Dinge verlegte oder vieles vergaß. Außerdem bekam ich oft Sprüche zu hören wie „Sei still!“ oder „Beruhige dich endlich mal!“, obwohl ich gar nicht merkte, dass ich so unruhig war. Auch hatte ich wenige Freunde und wurde von Klassenkameraden oft gemieden, weil ich mich so auffällig verhielt.

Wie gehst du damit um?

Für mich war es zum großen Teil eine seelische Belastung, da ich durch die Reaktionen meiner Umgebung gemerkt habe, dass ich anders bin. Ich kam im Laufe der Zeit aber zur Erkenntnis, dass ich mich nicht krampfhaft ändern musste. Jetzt akzeptiere ich mich, wie ich bin, jedoch ist es trotzdem nicht einfach im Alltag. Schließlich wissen Fremde nichts von meiner Krankheit, wobei es eigentlich auch nicht als Krankheit empfinde. Erst wenn ich davon erzähle, haben sie Verständnis für meine Situation. Bei der Arbeit ist es einfacher. Ich bin Bäcker und der Sohn von meinem Chef hat auch ADS. Daher hat er Verständnis und sorgt bei der Arbeit dafür, dass ich abwechslungsreiche Tätigkeiten machen kann. Beispielsweise bin ich nicht nur beim Verkauf tätig, sondern ich fahre auch die Waren öfter mit dem Wagen aus.

Nimmst du Medikamente dagegen?

Schon als Kind hat mir meine Mutter Medikamente verabreicht. Bei ADS fehlen Botenstoffe im Gehirn: Sie können durch die Arznei Ritalin übertragen werden. Ritalin hat auch tatsächlich meine Hyperaktivität gedämpft und mir geholfen, mich z.B. in der Schule zu konzentrieren. Wichtig ist in dem Zusammenhang, dass meine Mutter mir konsequent Zeiten für Lernen und Hausaufgaben gesetzt hat. Sie hat feste Strukturen in meinen Tagesablauf gebracht. Als Kind fand ich das doof, im Nachhinein weiß ich, dass es mir geholfen hat einen Abschluss und eine Lehre zu schaffen. Ab dem Teenageralter nahm ich nur noch in den seltensten Fällen Ritalin, beispielsweise vor einer Prüfung. Ich lernte mehr und mehr, mich selbst mit meinen Verhaltensweisen auseinander zu setzen. In den meisten Fällen werden die fehlenden Botenstoffe, die Ritalin überträgt, ohnehin ab dem Erwachsenenalter wieder automatisch ausgeschüttet, so dass Medikamente nicht mehr nötig sind. Auf jeden Fall sollte man sehr vorsichtig damit umgehen, da es kein harmloses Medikament ist.

Manche Leute meinen ADS sei eine Erfindung. Was sagst du dazu?

Zunächst habe ich mich selbst viel darüber informiert. Einerseits kann ich nachvollziehen, dass Außenstehende nicht wissen können, worum es sich bei ADS handelt, denn es wird ja erst seit etwas mehr als 10 Jahren erforscht. Gegeben hat es diese Störung auch schon davor, aber das Bewusstsein in der Gesellschaft dafür muss erst wachsen. Andererseits haben mich verständnislose Reaktionen von außen schon gekränkt, vor allem als Teenager. Inzwischen habe ich mir da ein dickes Fell zugelegt und durch meinen Glauben auch ein ganz anderes Selbstbewusstsein bekommen. Bei Freunden ist es mir dagegen sehr wichtig, sie aufzuklären, damit sie mich besser verstehen können.

Hilft dir dein Glauben, damit besser zurechtzukommen?

Für mich ist ADS heute nicht mehr ein Paket, das ich mühselig mit mir herumschleppe. Ich kann mich jetzt so akzeptieren wie ich bin, da ich weiß, dass Gott mich auch so akzeptiert wie ich bin. Gott als liebender Vater hat mich mit meinen Stärken und Schwächen so geschaffen wie ich bin. Es hat für mich also alles einen Sinn, auch wenn ich ihn nicht immer verstehe oder sogar damit hadere. Auch bevor ich Christ wurde, habe ich irgendwie daran geglaubt, dass es einen Gott gibt. Jedoch habe ich ihn für ADS gehasst und mich wirklich als Außenseiter gefühlt. Als ich schließlich durch einen Jugendgottesdienst vom CVJM Esslingen Christ geworden bin, änderte sich meine Lebenssicht. Der ehrliche Umgang des Jugendgottesdienst-Teams mit meiner Situation hat mich beeindruckt und mir geholfen, mich selber besser zu akzeptieren.

Weitere Infos gibt es hier.

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1 Kommentar wurden bereits abgegeben

  • 1.  
    schrieb am 02.10.2008 15:11

    Hey ich habe auch ADHS, meine Mutter hatte viele Artikel über dieses Gebiet gelesen und mich auch früh untersuchen lassen, ich fand das immer normal.. Ich war aber leider immer sehr unruhig und hab schon viel Ärger in der Schule bekommen weil ich unkontrollierte Handlung machte. Am Anfang nahm ich erst Ritalin dann 16er COncerta dann 2x 16Concerta dann 32Concerta dann 54Concerta (Zahlen sind nicht ganz korrekt) teilweise auch noch für Hausaufgaben eine kleinere Dosis. In meiner Freizeit nehme ich häufig keine Tabletten, merke aber, dass ich schneller mich aufrege oder innerlich Aggressiv werde.

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