Scripted Reality: Alles echt ... vorgespielt

Betrunkene Teenager, überforderte Mütter, Hartz-4-Empfänger, die zur Monatsmitte schon nicht mehr wissen, wie sie ihren Kühlschrank füllen sollen. An solchen Schicksalen und gescheiterten Existenzen können wir täglich im Nachmittagsfernsehen teilhaben – und uns insgeheim denken: Gut, dass wir ein besseres Leben führen! Doch das Elend der anderen, an dem wir uns gern voyeuristisch weiden, ist in den seltensten Fällen wirklich echt – es ist eine Realität nach Drehbuch – „Scripted Reality“.
  • Echt oder gefaked? Viele Jugendliche halten die Geschichten in Scripted-Reality-Sendungen für real. Aber in Wahrheit handelt es sich nur um Zoff nach Drehbuch. Foto: Flickr/[cipher]

 

So könnte Dein Leben aussehen ...

Bist du auch derzeit schwanger mit einem Kind, dass du für deine lesbische Freundin austrägst, und wartest nur darauf, danach endlich an den Amazonas auswandern zu können, um dort mit einer Strandbar und kostenlosen Cocktails die Not der Ureinwohner zu lindern? Oder stalkt dich deine Ex-Freundin und zertrümmert vor deinem Haus dein Auto während dir deine aktuelle Freundin vor deiner ganzen Familie beichtet, dass sie eigentlich schon verheiratet ist, woraufhin deine Oma einen Asthmaanfall bekommt? Ist dir noch nie passiert? Ist auch unwahrscheinlich, aber man weiß ja nie.

Die Wirklichkeit außerhalb der Studios ist am billigsten

Nach diesem Schema gehen Sender wir RTL, Sat.1 und Pro7 vor, um auch unter der Woche am Nachmittag möglichst viele Zuschauer vor den Fernseher zu locken. Und es scheint zu funktionieren. Früher liefen am Nachmittag mal Kindersendungen und Familienserien, dann folgten Talkshows und Gerichtsserien, weil die billiger sind und unterhaltsamer für die Zielgruppe Hausfrau/Student/Arbeitsloser. Schließlich stellte man fest: die Wirklichkeit außerhalb der Studios ist sogar noch billiger zu produzieren und es zieht das Publikum genauso an. So entstand Reality TV.

Realität nach den Wünschen des Produzenten

Doch die Realität muss immer wieder mühsam den Wünschen des Produzenten angepasst werden. Wenn man den Darstellern also sowieso ständig sagen muss, was sie tun sollen, kann man doch auch gleich die ganze Show künstlich erstellen. Und da sind wir bei Scripted Reality (Wirklichkeit nach Drehbuch) angelangt. Die ist in Sendungen wie „Mitten im Leben“ oder „Familien im Brennpunkt“ zu sehen. Ob ein Fall erfunden ist oder nicht, erfährt man meist erst im Abspann. Und wer liest den schon?

Fast 80% der Jugendlichen halten die Geschichten für wahr

Offensichtlich jedenfalls nur weniger als ein Viertel der 861 befragten Schüler einer Studie der Gesellschaft zur Förderung des internationalen Jugend- und Bildungsfernsehens. Sie fand heraus, dass nur 22 Prozent der 6- bis 18-jährigen Zuschauer Scripted-Reality-Sendungen als erfundene Geschichten erkennen. Immerhin durchschaute die Hälfte der Befragten die Laiendarsteller und meinte, die gezeigten Szenen wären nachgestellte reale Fälle. Knapp ein Drittel hielt die Shows aber für absolute Realität. Je jünger die Befragten, desto eher hielten sie die gezeigten Fälle für Wirklichkeit.

Ein verzerrtes Bild

Fernsehforscherin Maya Götz befürchtet nun auf Grund dieser Studie, dass besonders Kinder und Jugendliche „ein verzerrtes Bild von Menschen und Milieus“ bekommen könnten. Das ist im Prizip die gleiche Befürchtung, die auch die meisten anderen Nachmittagssendungen und Showsformate im Laufe der Jahre schon heraufbeschworen hatten. Denn auch die gängigen Familien- und Comedyserien spielen eine Realität vor, die extrem selten ist und vom Durchschnitt der Bevölkerung und Fernsehzuschauer nicht gelebt wird. Der Unterschied zu Scripted-Reality-Shows: Letztere sind so gut wie nie als Fiktion gekennzeichnet, sondern leben vielmehr davon, dass sie für Realität gehalten werden.

Die gängigen Klischees werden bedient

„Was ist im Fernsehen schon echt?“ mag da eine berechtigte, wenngleich zynische Frage sein. Doch Shows, die sich als Dokus ausgeben, werden offenbar zumindest von jüngeren Zuschauern für wahr gehalten. Die laienhafte Kameraführung, die Schauspieler, die die gängigen Klischees über bestimmte (Rand-)Gruppen unserer Gesellschaft widerspiegeln, die Probleme und die häufig primitive Handlung, die von einer einfachen, eher vulgären Sprache, und einem rücksichtslosen Miteinander lebt, wirken offensichtlich glaubwürdig. Nicht, weil sie der Realität entsprechen, sondern weil sie die Klischees der Zuschauer bedienen. Dadurch kultivieren Scripted-Reality-Shows Vorurteile über die dargestellten Gruppen, über Hartz-4-Empfänger, Alleinerziehende, Kinderreiche und schwangere Teenager.

Die Laiendarsteller zahlen einen hohen Preis

Für viele der Laiendarsteller ist sicherlich ein bisschen schnell verdientes Geld der Anreiz, sich für Scripted-Reality-Formate zur Verfügung zu stellen. Doch dadurch, dass die Sendungen nicht als Fiktion gekennzeichnet werden, entstehen denen, die uns im Fernsehen angeblich an ihrem kaputten Leben und ihren Problemen teilhaben lassen, schnell auch ganz persönliche Probleme. Die ARD-Sendung „Panorama“ stellte eine Familie vor, die für RTL Alltagsprobleme vorgespielt hatten. Tochter Catherine wird nun in der Schule gehänselt, auch Mutter Ramona wurde erst nach dem Dreh klar, welche Auswirkungen der kurze Fernsehauftritt für ihre Familie haben würde.

Öffentlich-rechtliches Fernsehen als Alternative?

Als der duale Rundfunk 1984 zugelassen wurden, sollten die zusätzlichen Fernsehsender – das „Privatfernsehen“ – noch für eine Vielfalt der Standpunkte, für Qualität und Bildung der Zuschauer sorgen. Davon ist heute nicht mehr viel zu spüren. Hohe Einschaltquoten und günstige Produktionen sind wichtiger als die Bildung der Zuschauer. Die müssen sich die Rezipienten woanders suchen. Als Alternative mit Bildungsauftrag galten lange Zeit die öffentlich-rechtlichen Sender. Doch ob das so bleibt, ist fraglich. Denn: Auch der NDR plant mittlerweile Scripted-Reality-Shows.

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