Öffentlich-rechtliche Quotengier
Sie sind Quotengarant im Privatfernsehen: „Scripted Reality“-Formate (z.B. „Die Schulermittler“ bei RTL). Flimmern uns künftig auch bei der ARD gecastete Dokus von der Mattscheibe entgegen? Thomas Frickel, Chef der Arbeitsgemeinschaft Dokumentarfilm (AG DOK), enthüllte am 20. Oktober derartige Pläne des NDR. „Die deutschen Gebührenzahler sollen ruhig wissen, wie sehr öffentlich-rechtliche Programm-Macher inzwischen von der Quotengier des Privatfernsehens infiziert sind.“
Die AG DOK hat ein internes NDR-Papier von Anfang Juni 2010 veröffentlicht, in dem erörtert wird, inwieweit die öffentlich-rechtlichen Sender Formate einführen sollten, bei denen gecastete Laiendarsteller realitätsnahe Situationen nachspielen. Diese seien von echtem Dokumentarismus kaum zu unterscheiden, würden aber deutlich billiger und erfolgsversprechender sein, weil die Situationen durch das Drehbuch künstlich dramatisiert und emotionalisiert werden könnten.
Fingierte Wirklichkeit verdrängt tiefgründige Recherche
In dem brisanten NDR-Papier heißt es über diese „Scripted Reality“-Programme: „Schon seit einigen Jahren auf dem Schirm, haben sie sich vor allem seit 2009 vor allem bei RTL am Nachmittag sehr quotenstark entwickelt. Die fiktionalen Serien im Doku-Stil bieten dramaturgisch spannende Geschichten zum relativ günstigen Preis.“ Eine 45-minütige Sendung koste etwa 40.000 Euro, rechnet der NDR-Mitarbeiter Christian Stichler vor.
Dennoch empfiehlt er keine Kopie des Privatfernsehens. Da die Sehgewohnheiten der Zuschauer der Öffentlich-Rechtlichen andere seien, müsse man einen Mittelweg finden. So könnte man zum Beispiel die Erlebnisse eines Anwalts oder die Ereignisse in einem Krankenhaus im Doku-Stil nachspielen lassen und dem Zuschauer so die Illusion verschaffen, er sei direkt bei einem echten detektivischem Vorgang oder einer Not-OP dabei.
Diese Pläne haben nun die klassischen Dokumentaristen der AG DOK, die ein Zusammenschluss von 875 Autoren, Regisseuren und Produzenten ist, auf die Palme gebracht. Die seit 30 Jahren bestehende Vereinigung befürchtet eine Boulevardisierung der öffentlich-rechtlichen Sendungen, die nicht rechtens sei. Die AG DOK beruft sich dabei auf den bekannten Verfassungsrechtler Paul Kirchhoff, der unlängst in einem Gutachten betonte, ARD, ZDF und alle Dritten Programme seien dazu verpflichtet, „in Unabhängigkeit von Einschaltquoten und ohne Ausrichtung des Programms auf Massenattraktivität“ zu agieren.
„Beckmann“ statt Reportage
Die Realität sieht freilich schon seit mehreren Jahren anders aus. Auch der Erfolg der Programmchefs der Öffentlich-Rechtlichen wird anhand der Einschaltquote gemessen. Die AG DOK befürchtet: „Wenn das Publikum an billige Pseudo-Dokus gewöhnt wird, könnte die beobachtete und recherchierte Wirklichkeit auf der Strecke bleiben.“ Diese Befürchtung ist schon längst Realität. Anspruchsvolle Dokumentarfilme werden auch bei ARD und Co. immer öfters in die Nacht abgeschoben, damit am Abend noch mehr Platz für eine weitere Talkshow ist. So gibt es beim Ersten derzeit Überlegungen, die Montagsdokumentation einer weiteren Talkshow zu opfern. Das Gequassel von Reinhold Beckmann nach den Tagesthemen reicht anscheinend noch nicht aus, um das Unterhaltungsbedürfnis der Zuschauer ausreichend zu befriedigen.
Was erwartet den Zuschauer also in Zukunft? Wohl noch mehr seichter Talk und dramatische Inszenierungen von Alltagsproblemen im Doku-Gewand.
1 Kommentar wurden bereits abgegeben
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1.schrieb am 25.10.2010 13:43
Sehr guter Artikel. Ich hoffe persönlich, daß ARD und ZDF, sowie alle dazugehörigen Programme endlich feststellen, daß sich nicht mal die Einschaltquoten verbessern, wenn man sich zu einer schlechten Kopie der Privatsender degradiert. An "Talk-Shows" und ähnlicher Polit-Unterhaltung, sowie Quiz-Sendungen a la "Wer wird Millionär" (RTL) mangelt es im öffentlich-rechtlichen Rundfunk nicht. Eher fehlt bei den Intendanten die Besinnung, was ursprünglich die Aufgaben des gebührenfinanzierten Fernsehen waren (und sind).



