Kollektiv Schwarzfahren – der neue „Trendsport“?

Mit bisher nicht gekannter Dreistigkeit tauschen sich Hamburger Verkehrsteilnehmer auf Facebook über aktuelle Kontrollen in Bussen, U-, S-Bahnen aus, um ungehindert schwarzfahren zu können. Über 7.000 Sympathisaten „gefällt“ die Gruppe „Schwarzfahren Hamburg“ schon. Doch der neue „Sport“ ist nicht nur moralisch schärfstens zu kritisieren – Schwarzfahren ist strafrechtlich nicht gerade ein Kavaliersdelikt.
  • Ticket abstempeln? Einige Hamburger fahren lieber ohne – und informieren sich gegenseitig über Kontrollen. Foto: flickr/Genista

 

„U1 Hbf Richtung Farmsen, 8 Kontrolleure“ – auf der Facebookseite „Schwarzfahren Hamburg“ finden sich hunderte solcher Beiträge. Alle paar Minuten posten Benutzer neue Meldungen mit ihrem Smartphone auf Facebook. Nutzer melden die Uhrzeit, den Ort der Kontrolle sowie das Aussehen der Kontrolleure. Über 7.000 Sympathisanten haben sich der Gruppe schon angeschlossen.

User zeigen keinerlei Schuldbewusstsein

Auf der Seite findet jedoch nicht nur reiner Informationsaustausch statt, es toben auch heftige Diskussionen über Legitimität und Angemessenheit des Ganzen. Viele User zeigen aber keinerlei Schuldbewusstsein. Sie begründen ihr Schwarzfahren mit hohen Ticketpreisen und der Unfreundlichkeit mancher Ticketkontrolleure.

Schwarzfahren – kein Kavaliersdelikt

Dabei ist das Schwarzfahren – so harmlos der Begriff auch klingen mag – kein Kavaliersdelikt. Laut § 265a des Strafgesetzbuches handelt es sich dabei um das „Erschleichen einer Leistung“, das mit Freiheitsstrafe bis zu einem Jahr oder einer Geldstrafe bestraft wird – vergleichbar mit dem Besuch eines Konzerts ohne Eintrittskarte. Niemand käme auf die Idee, ohne Ticket ein Metallica-Konzert zu besuchen oder wundert sich über die Kartenkontrollen am Eingang. In der U-Bahn scheint das wohl anders zu sein.

Mindestens 20 Mio. Euro fehlen durch das Schwarzfahren

User schreiben, sie hielten es für übertrieben, für eine Fahrt von wenigen Stationen ein Ticket zu lösen. Dabei denken sie aber sehr kurzsichtig: Wenn jeder so handelte, wären die Verkehrsverbünde bald pleite. Denn deren Arbeit wird zu einem Großteil durch die Ticketeinnahmen finanziert. „Allein in Hamburg fehlen durch das Schwarzfahren Einnahmen von mindestens 20 Millionen Euro in der Kasse der Verkehrsunternehmen. Sie werden entweder durch ehrliche zahlende Fahrgäste ausgeglichen (auch durch Tarifanhebungen) oder durch die Zuschüsse der öffentlichen Hand – also durch den Steuerzahler,“ erklärt Gisela Becker, Sprecherin des Hamburger Verkehrsverbundes.

Ehrliche zahlen die Zeche

Somit sind Schwarzfahrer also einerseits Schmarotzer, die sich darauf ausruhen, dass ihr Fehlverhalten durch andere ausgeglichen wird – und machen damit den Ehrlichen zum Dummen. Andererseits schneiden sich Schwarzfahrer ins eigene Fleisch, da die Verkehrsverbünde auch mit ihren Steuergeldern finanziert werden. Deshalb ist es schlichtweg dumm, sich über die Verschwendung von Steuergeldern aufzuregen und gleichzeitig aktiv dazu beizutragen.

Die Ticketpreise werden übrigens nicht von den Verkehrsverbünden eigenmächtig festgelegt, sondern durch die Politik als Auftraggeber des Öffentlichen Nahverkehrs bestimmt.

Verkehrsverbünde machen aus der Not eine Tugend

Dennoch wollen die Verkehrsverbünde nicht gegen solche Facebookseiten vorgehen – es gäbe dazu auch gar keine rechtliche Handhabe. Ganz im Gegenteil sehen sie diese Entwicklung sogar eher gelassen: Der Hamburger Verkehrsverbund nutzt „Schwarzfahren Hamburg“ sogar, um die Einsatzpläne der Ticketkontrolleure zu gestalten.

Scheinheiliger geht's nicht

Inzwischen hat die Seite durch die Medien so viel Aufmerksamkeit bekommen, dass sich auch "Schwarzfahren-Gruppen" für andere Städte geründet haben.Scheinheilig schreiben eingige davon sogar auf ihren Seiten: „Achtung! Schwarzfahren ist illegal. Jeder, der ohne Ticket fährt, macht sich strafbar. Diese Seite dient lediglich der Aufzeichnung von Kontrollaktivität und deren Nutzen. Wir unterstützen das in keinster Weise und ihr seid alle selbst verantwortlich für eure Taten!“ Gleichzeitig rufen sie jedoch auf: „Teilt die Seite mit euren Freunden, damit sich die Informationslage von selbst verbessert! Bitte unterstützt uns!“ Zum Glück sind die meisten dieser Gruppen bisher nicht sehr aktiv.

Soziale Netzwerke:

Willkommen! idealisten.net – Das Netzwerk zum Mitmachen!

Deine Beiträge - ob Text, Bild oder Video - sind gefragt! Registriere dich mit Benutzername, E-Mail und Passwort und schon kannst du mitmachen.

 
 
 
 


Du musst eingeloggt sein, um einen Beitrag kommentieren zu können.