Sarah Palin auf der Anklagebank

Gabrielle Giffords war kaum angeschossen, da hatten die Medien schon den Schuldigen gefunden: Nicht gar den Attentäter selbst, der in Tucson auf die amerikanische Kongressabgeordnete schoss, sondern das „politische Klima“ - angeblich angeheizt durch die Republikanerin Sarah Palin. Belege dafür, dass der Attentäter tatsächlich von den Konservativen aufgehetzt wurde, gibt es keine - im Gegenteil. Mit seriösem Journalismus hat diese Berichterstattung nichts zu tun.
  • Welcher Zusammenhang besteht zwischen Sarah Palin und dem Attentat? Foto: Flickr/sskennel

 

Kaum ein Thema hat die Amerikaner seit dem Irakkrieg so gespalten wie die Gesundheitsreform. Das Großprojekt der Obama-Administration hat die ohnehin tiefen Gräben zwischen Demokraten und Republikanern nur noch weiter aufgerissen. Aus der innenpolitischen Debatte hat sich ein Kulturkampf entwickelt - und eins kann man Sarah Palin in diesem nur schwer vorwerfen: Dass sich die ehemalige Gouverneurin von Alaska als sonderlich versöhnlich und moderat hervorgetan hat.

„Nicht nachgeben, sondern nachladen!“

Der Shooting-Star der amerikanischen Rechten inszeniert sich gerne als Vorkämpferin gegen den „Sozialismus“ der Obama-Regierung. Kämpferisch zeigte sich Palin auch stets im Streit um die inzwischen beschlossene Gesundheitsreform. „Nicht nachgeben, sondern nachladen!“ lautet eine in den letzten Wochen vielzitierte Parole der Politikerin. Ein Spruch, den die Konservative auf dem Höhepunkt der Debatte im vergangenen März auf Facebook postete. Martialisch, aber nicht mehr als ein etwas übereifriges Mobilisieren der eigenen Anhängerschaft, gepaart mit dem typisch amerikanischem Pathos - sollte man meinen. 

Jetzt muss Palins fast ein Jahr zurückliegende Äußerung allerdings als Auslöser für den schrecklichen Amoklauf von Tucson herhalten, bei dem der Attentäter Jared Loughner sechs Menschen tötete und zwölf zum Teil schwer verletzte. Bekräftigen soll die abenteuerliche Theorie eine Landkarte der USA, auf denen Palin - ebenfalls vor knapp einem Jahr - 20 Fadenkreuze platziert hatte. Fadenkreuze, welche die Wahlbezirke von Abgeordneten markieren, die als Befürworter der Gesundheitsreform aufgetreten waren. Unter ihnen auch die Demokratin Gabrielle Giffords.

Vermutlich stehen die Fadenkreuze nur symbolisch für Ziele verstärkten politischen Engagements durch die Gegner der Gesundheitsreform. Doch selbst, sollte man den Gebrauch von Fadenkreuzen in der politischen Auseinandersetzung als makaber ansehen: Reichen sie in Verbindung mit ein paar martialischen Sprüchen aus, um einen jungen Menschen zum Amoklauf zu bewegen? Zum Mord an mehreren Menschen? Und wenn ja: War eine solche Wirkung von Palin absehbar?

Tea Party als Schuldige?

Doch mit derlei rationalen Fragen scheinen sich die Medien, allen voran linksgerichtete Meinungsmacher in den USA, überhaupt nicht auseinandersetzen zu wollen. Zu schnell richtete sich der Fokus der Medien auf Sarah Palin, obwohl ein direkter Zusammenhang zwischen der republikanischen Politikerin und dem Attentat gar nicht besteht. Noch bevor die genauen Umstände des Verbrechens und die Motive des Täters überhaupt ansatzweise geklärt waren, brachten Kritiker die „Hasspropaganda“ der Tea Party ins Gespräch. Keine Zeitung, die den angeblichen Zusammenhang zwischen der politischen Stimmung und dem Amoklauf nicht erwähnte, geschweige denn auf den rein hypothetischen Charakter derartiger Mutmaßungen hinwies. Lieber bringt man im Kontext des Amoklaufs immer wieder Bilder Palins ins Spiel und lässt ausschließlich Personen zu Wort kommen, welche dieser Schuldzuweisung zustimmen. 

So äußerte der ermittelnde Sheriff Clarence Dupnik, in allen TV-Berichten befragt: „Der Ärger, der Hass und die Bigotterie haben abscheuliche Ausmaße angenommen. Wir sind zu einem Mekka des Hasses und der Vorurteile geworden“. Ein solches Klima könne psychisch labile Menschen beeinflussen. Der demokratische Abgeordnete Raul Grijalva forderte derweil von Sarah Palin, ihre Rhetorik zu überdenken und „einfach still“ zu sein. Das „vergiftete politische Klima“ sei mitverantwortlich für den Anschlag.

„Zwar keinen Beweis, aber...“

Vorsichtiger drückt sich Paul Krugmann in der New York Times aus: „Wir haben zwar noch keinen Beweis dafür, dass dies eine politische Tat war, aber Hinweise dafür, dass es so war.“ Das als moderat geltende „Wall Street Journal“ warnt dagegen vor voreiligen Schlüssen. Es sei nicht legitim, wenn die Linke den politischen Gegner mit Mord in Verbindung bringe. Vielmehr seien es die Gegner der Gesundheitsreform, die derzeit zur Zielscheibe des Hasses würden, indem man ihnen die Komplizenschaft beim Mord unterstelle.

In besonders unseriösem Lichte steht die Berichterstattung in Anbetracht der Tatsache, dass der Verschwörungstheorie nicht nur die Beweise fehlen: Die Fakten sprechen schlicht gegen die mediale Darstellung. So ist der 23-jährige Jared Loughner nicht nur kein Aktivist der Tea-Party-Bewegung, es findet sich nicht das geringste Anzeichen dafür, dass er ihr überhaupt wohlwollend gegenübersteht. Der Alkoholiker und Fan von Verschwörungstheorien lehnt zwar die Obama-Regierung ab, bezichtigte sie gar schon der „Gehirnwäsche“. Loughners Lieblingsbücher, darunter „Mein Kampf“ und Marx‘ „Kommunistisches Manifest“ spiegeln allerdings kaum das ideologische Fundament von Palin und Co wider. Ins Bild passt auch nicht, dass sich Loughner als nicht-gläubig bezeichnet, während die Tea-Party immerzu als erzchristlich und konservativ auftritt. „Das ist nicht das Profil eines typischen Mitglieds der Tea Party“, meint auch der Republikaner Lamar Alexander. Loughner sei ein Extremist, der nationalsozialistischen und kommunistischen Ideologien anhänge.

Kein Kampfkonservativer, sondern ein gewöhnlicher Psychopath

Noch deutlicher wird Palins angebliche Schuld widerlegt, betrachtet man das Auftreten Loughners als Privatperson. Sein Leben liest sich wie die Skizzierung eines klassischen Amokläufers: Nach der Trennung seiner Freundin zieht sich Loughner von seinen Freunden zurück und taucht in die Welt der Drogen ein. Er flüchtet sich in Fantasiewelten, auch an der Universität fällt er als Außenseiter auf, der Professoren beschimpft und mit Gewalt droht. Nach Informationen des „Focus“ sollen einige Kommilitonen sogar ihre Sitzplätze zur Tür verlegt haben, um im Falle eines Gewaltausbruchs Loughners fliehen zu können. Ein Dozent verlangt Polizeischutz, meldet den „Problemstudenten“ der Universitätspsychologin.

„Er bringt keine Waffen mit, er hat niemanden verletzt“, beschwichtigt diese nur. Erst im September 2010 suspendiert die Hochschule Loughner. Er solle sich ein psychiatrisches Gutachten über seinen Gesundheitszustand ausstellen lassen, wird verlangt. Loughner weigert sich, die Suspendierung befeuert seinen fanatischen Hass auf die Gesellschaft nur weiter. 

Als Personifizierung des verhassten Staates muss die aufstrebende Demokratin Gabrielle Giffords herhalten. Die Abgeordnete seines Wahlkreises hatte er 2007 bereits persönlich bei einer Bürgersprechstunde getroffen, seitdem soll Loughner nach Angaben von Klassenkameraden wie besessen von Giffords gewesen sein. „Ich habe vorausgeplant. Meinen Mordanschlag. Giffords.“ steht auf einem Zettel, den die Polizei in Loughners Safe fand.

Tucson bot eine willkommene Steilvorlage gegen Palin

Ein in gewissem Maße politischer Hintergrund lässt sich schwer abstreiten - schon, weil eine Politikerin das Hauptziel des Anschlags war. Doch die Theorie, dass Loughner von Sarah Palin oder konservativen Meinungsmachern aufgehetzt wurde, entbehrt jeder Grundlage. Dessen müssten sich auch die erfahrenen Journalisten führender amerikanischer und europäischer Zeitungen bewusst sein. Doch der Amoklauf in Arizona bot wohl eine zu verführerische Steilvorlage, Obamas mögliche Gegenkandidatin des nächsten Jahres zu diffamieren, die ihren Stand innerhalb der Republikanischen Partei zunehmend festigt. Damit wird die Presse jedoch weder ihrem Seriositätsanspruch noch einem angemessenen Respekt gegenüber der Tragik des Attentats gerecht.

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