Ruhm und Geld für Alle

Auch heute ist Berühmtheit kein Zufallsprodukt. Zwar wirken die Teilnehmer von „Deutschland sucht den Superstar“, „Big Brother“ und Christian Rachs Kochshows wie 0815-Bürger. Meist sind sie auch ebenso schnell verschwunden, wie sie gekommen sind. Doch dahinter steckt weder Zufall noch mangelndes Talent, sondern der permanente Kampf um die Währung Aufmerksamkeit. Warum das so ist, erklärt der Interviewband „Die Casting-Gesellschaft“. Dabei wird deutlich: die „Demokratisierung der Prominenz“ bringt weder Auslese noch Qualität.

 

Zweifelhafte Fernsehkarriere

Natascha Birkhahn hat eine zweifelhafte Fernsehkarriere hingelegt: Deutschland, deine Dicken, die Super Nanny und We are Family . Die Sekretärin wollte zuerst „mal wissen, wie es beim Fernsehen zugeht.“ RTL zeigte ihre Familie als ununterbrochen Fastfood, Tiefkühlpizza und Eis mit Schlagsahne in sich hineinstopfende Raupe Nimmersatt. Birkhahn gesteht selbst ein, dass das wohl kaum authentisch war. Trotzdem nahm sie wenig später eine Anfrage von RTLs Super Nanny und dem PRO7-Format We are Family an. Das hat einen einfachen Grund: die Familie will sich den nächsten Türkei-Urlaub leisten können. Denn die Mitarbeit bei den Reality-Shows sei trotz der teilweise total verzerrten Darstellung ein „netter Zuverdienst“, so Birkhahn.

Birkhahn hat die Mechanismen verstanden: „Wenn die Zuschauer feststellen, dass es bei uns noch schlimmer ist als in ihren eigenen vier Wänden, dann sind sie beruhigt.“ So bekommt jeder etwas vom großen Kuchen ab, egal ob er andere zum Ei macht, selbst das Ei oder einfach nur der lachende Dritte ist. Und da Fernsehsender, Zeitschriften und Onlineportale über die Anteile an den Konzernen ProSiebenSat1, RTL und Springer immer irgendwie untereinander vernetzt sind, lassen sich die neuesten Entwürdigungen schnell und flächendeckend vermarkten. Ein „geschlossenes Verwertungssystem“ nennen dies der Journalist Bernhard Pörksen und der Medienwissenschaftler Wolfgang Krischke, Herausgeber von „Die Casting-Gesellschaft“.

Symbiose aus radikaler Demokratie und radikalem Kapitalismus

Deutschland sucht den Supersta", Das Dschungelcamp oder Bauer sucht Frau – bewerben kann sich jeder. Und so ist es heute theoretisch jedem möglich, für kurze Zeit berühmt zu sein. „Demokratisierung der Prominenz“ bezeichnet der selbst im Fernsehen auftretende Medienpsychologe Jo Groebel treffend den Kampf ums Rampenlicht. Diese „radikal demokratisierte Prominenz“ lasse so ziemlich jeden Zuschauer mitwählen und verstehen, warum wer gewinnt, so Pörksen und Krischke. Die komplizierte parlamentarische Demokratie des real lifes bietet diesen Vorteil nicht. Zugleich erweise sich aber dieser Medienkapitalismus als brutaler, in die Psyche hineingreifender Kampf. Oder einfacher: wenn es um das Geld durch Aufmerksamkeit geht, wird der Mensch des Menschen Wolf.

Kritiker selbst Teil der Maschinerie

Das Gefährliche dieser Entwicklung besteht darin, dass selbst entschiedene Kritiker, wie etwa der Professor der Medienwissenschaft, Norbert Bolz, zum Teil der Goldgrube Aufmerksamkeit werden. Denn um ihrer Kritik Gehör zu verschaffen, müssen auch sie sich medial vermarkten. Bolz trat z. B. bei Anne Will auf und beschreibt im Interview die dortige Vorauswahl: „Nur wenn sie in das Sende-Konzept passen und wenn Sie versichern, in der Sendung auch genau das zu sagen, was man von Ihnen erwartet, werden Sie eingeladen.“

Bolz hielt das nun nicht davon ab, bei Anne Will mitzumischen, wenngleich er in der massenmedialen Vermarktung von Forschern das Ende der Wissenschaft begründet sieht. Im Interview weicht er der klugen Nachfrage aus. Bolz möchte sich für diesen Widerspruch zwischen richtiger Analyse und eigenem Handeln wohlwissend nicht rechtfertigen. Damit wird auch er zum Opfer der selbst erkannten „inszenierten Authentizität“. Groebel wirkt da schon ehrlicher: „Ich nehme kein Geld dafür, im TV zu kommentieren.“ Als Alternative zum „geschlossenen Verwertungssystem“ schlägt er eine „gefilterte Authentizität“ vor: jeder soll selbst entscheiden, welcher Teil seiner Peinlichkeiten ins Fernsehen kommt und welche nicht. Eine Praxis, die etwa beim Print- und Online-Journalismus in Form der Interview-Autorisierung längst schon gang und gebe ist. 

Sascha Lobo: Internet kann schneller Trends setzen

Das Buch „Die Cating-Gesellschaft“ lässt Medienmacher, Medienarbeiter und Medienanalytiker zu dem Thema zu Wort kommen neben Medienwissenschaftler Norbert Bolz, unter anderem auch Anke Engelke, Christian Rach, „Deutschlands Dicke“ Natascha Birkhand auch Bloggerkönig Sascha Lobo. Letztgenannter veröffentlichte im September diesen Jahres seinen Debütroman „Strohfeuer“. Darin beschreibt er – nach Meinung der meisten Rezensenten von FAZ bis Zeit gelungen – den Aufstieg und Fall der New Economy durch die Wirtschaftskrise. Lobo versuchte sich 2000 selbst an einer Werbeagentur, die jedoch bereits ein Jahr später Insolvenz anmelden musste. Seitdem kämpft er – mit stetig wachsendem Erfolg – im Internet um die Währung Aufmerksamkeit.

„Die Google-Anzeigen gehören zu den wichtigsten werbewirtschaftlichen Formen im Internet, bei denen Aufmerksamkeit in Geld überführt wird“, erklärt er im Interview. Ein feines Näschen hat Lobo nach der Pleite im real life bewiesen, gehörte er doch zu den ersten großen Privatunternehmen im social networking. In dieser Goldgrube schürft er durchaus sehr überlegt nach ständiger Aufmerksamkeit: „Profilfoto und Einstellungen in sozialen Netzwerken lassen sich sehr viel schneller und kostengünstiger anpassen als man sich eine Jeanshose kaufen und einen neuen Look kreieren kann.“ Lobo verbindet damit gegenüber dem TV einen qualitativen Fortschritt. Denn wer nun gut Gitarre spielen könne und sein Video auf YouTube hochlade, erhalte plötzlich zehn Millionen Klicks. Dann komme es nur noch darauf an, den Datenwirrwar im Netz zu bündeln. Lobo setzt auf einen „aufgeklärten Nutzer“, der aber – wie er selbst andeutet – ein frommes Ideal bleibt.

Wissenschaftlich und verständlich

Pörksen, Krischke und vor allem den von Ihnen zu den Interviews losgeschickten 25 Journalistik-Studenten ist ein sehr guter Interviewband gelungen, der die Casting-Gesellschaft aus vielen Perspektiven beleuchtet. Dass dies wissenschaftlich und zugleich verständlich geschieht, spricht dafür, dass die Studenten der Universität Tübingen ihr Handwerk verstehen. Zumindest hier wäre der Ruhm verdient.

„Die Casting-Gesellschaft: Die Sucht nach Aufmerksamkeit und das Tribunal der Medien“,  von Bernhard Pörksen und Wolfgang Krischke, 346 Seiten, 18 Euro, ISBN: 3869620145

 

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