Rolle und Leben verschmolzen
Normalerweise müssen Schauspieler in ständig andere und ihrem eigentlichen Charakter völlig fremde Rollen schlüpfen. Aber es gibt auch Ausnahmen: Die türkischstämmige Sibel Kekilli wird in der Regel gebeten, ihr eigenes Leben filmisch nacherlebbar zu machen. Das gelingt der 30jährigen Darstellerin bravourös. Vor einer Woche erhielt sie den „Friedenspreis des deutschen Films“.
Seit 2002 vergibt der Gedächtnisverein zu Ehren des bedeutenden Regisseurs Bernhard Wicki („Die Brücke“) diesen Preis für künstlerische Arbeiten, die sich für Humanität, Toleranz und Aufklärung einsetzen. Die Werke von Wicki zielten auf ein tieferes Verständnis der Realität ab: „Ich habe immer versucht, nicht Theorien und Leitsätze zu verkaufen, sondern Leben, weil ich glaube, dass das der einzige Weg ist, an Menschen heranzukommen, wenn sie sich in einem Stück Leben wiedererkennen.“
Filme nah an der Lebenswirklichkeit von Minderheiten
Für Kekilli passt dies perfekt. Die 1980 in Heilbronn geborene Tochter türkischer Eltern schlüpfte 2004 in dem Film „Gegen die Wand“ von Fatih Akin erstmals in eine Hauptrolle. Dort spielte sie die junge emanzipierte Sibel Güner, die sich gegen die muslimischen Vorschriften ihres Elternhauses wehrt. Um den Einschränkungen zu entkommen und ein hedonistisches Leben mit Affären, Drogen und Alkohol führen zu können, geht sie in dem mehrfach prämierten Film eine Scheinehe ein. Doch das Schicksal läßt Sibel nicht glücklich werden.
Ähnlich angelegt ist auch ihre Rolle in „Die Fremde“, für die Kekilli in diesem Jahr mit dem „Deutschen Filmpreis“ und nun mit dem Friedenspreis ausgezeichnet wurde. Als türkischstämmige Deutsche (Umay) verlässt sie mit ihrem Sohn Cem Istanbul und ihren herrschsüchtigen Mann, um in Deutschland frei zu leben. Doch bei ihrer in Berlin ansässigen Familie kommt keine rechte Freude auf. „Für Umays Familie bedeutet dies den Verlust der familiären Ehre. Der Film ‚Die Fremde’ versucht die Beweggründe und Konflikte aller Charaktere zu ergründen, ohne dabei zu beschönigen, aber auch ohne zu verurteilen“, erklärt Kekilli, um wenig später anzufügen, dass Deutschland noch viel zu lasch mit Ehrenmorden umgeht.
Schwarzweißbild von Unterdrückung und Emanzipation
Doch sowohl „Gegen die Wand“ als auch „Die Fremde“ begehen mit der Gegenüberstellung der traditionalistischen, muslimischen Familie und der emanzipierten Migrantin einen entscheidenden Fehler. Als Alternative zur Unterdrückung durch die eigene Familie bieten die Filme nur ein Wertevakuum an. Das kann doch nicht alles sein. Wir müssen deshalb weiter auf einen Film und einen Schauspieler warten, der Tradition und Moderne versöhnt. Diese Leistung hätte dann wirklich einen Friedenspreis verdient.


