Raue Schönheit
Wer als Reiseziel Cornwall ausgewählt hat, kommt an zwei Namen nicht vorbei: König Artus und Rosamunde Pilcher. Der eine Mythos und Legende, von dem niemand weiß, ob er je existiert hat. Die andere eine der erfolgreichsten Schriftstellerinnen der Gegenwart, die gerade dem deutschen Leser Cornwall durch ihre Romane auf einzigartige Weise näher gebracht hat, nicht zuletzt unterstützt durch deren Verfilmung.
Bevor man aber den in Pilchers Romanen beschriebenen Südwesten erreicht, durchfährt der deutsche Besucher Englands nicht minder interessanten Süden. Wer die gut ausgebaute Straße A 303 Richtung Westen befährt, nähert sich auf etwa halbem Weg einem Weltkulturerbe. Dass bemerkt man nicht nur an den Hinweisschildern, sondern an dem plötzlichen Stau auf einer gut ausgebauten zweispurigen Straße. Stonehenge! Nur wenige können sich dem Anblick der jahrtausendealten Steinquader entziehen. Forscher schätzen das Alter des Steinkreises auf rund 5.000 Jahre. Der von Hügelgräbern umgebene Komplex ist nicht der größte, aber der beeindruckendste seiner Art. In der Gegend um Stonehenge herum lassen sich noch weitere Rundanlagen („Henges“) finden. Der Eintritt kostet für Erwachsene rund 6 Pfund (ca. 10 Euro), für Kinder die Hälfte. Per Audioführung wird dem Besucher vermittelt, dass die Wissenschaftler rätseln, wozu Stonehenge diente. Wie die Funde in den Gräbern vermuten lassen, hingen auch die alten Kelten einem Jenseitsglauben an.
Salisbury
Wer sich mehr für „jüngere“ Baukunst begeistert, wird 15 km weiter südlich in Salisbury fündig. Die dortige Kathedrale aus dem 13. Jh. stellt mit 123 Meter den höchsten Kirchturm Englands. Sie enthält eine von vier erhaltenen Abschriften der Magna Carta Libertatum, eine Vereinbarung, in der 1215 dem englischen Adel besondere Rechte eingeräumt wurden. Sie ist die wohl wichtigste englische Rechtsquelle. Überhaupt sind die im gotischen Stil erbauten Kathedralen in England mehr als sehenswert.
Englands Vorzeigegarten: Stourhead Garden
Auf dem weiteren Weg kommt man ganz in die Nähe von Englands Vorzeigegarten: Stourhead Garden. Überhaupt, die Engländer und ihre Gärten. Nicht wenige Spötter meinen, dass die Engländer – hätten sie nur besseres Wetter – wohl ihr ganzes Leben im Grünen verbringen würden. Einen Landschaftsgarten solcher Schönheit gibt es wahrlich nur äußerst selten. Als Binnengarten angelegt, kann der Besucher im Uhrzeigersinn um den mittig angelegten See spazieren und erhält immer neue Ausblicke auf das Gewässer, den Park und die einzelnen Bauten.
Devon, eine besondere Grafschaft
Auf Somerset folgt Devon, eine besondere Grafschaft. Ihre durch den Golfstrom beeinflusste Küstenlinie wird auch die Englische Riviera genannt. Das Klima ist sehr angenehm, die Landschaft traumhaft schön. Kleine Ortschaften, oft schon als pittoresk auf den braunen Hinweisschildern angepriesen, sind wirklich so schön wie auf Ansichtskarten. Kleine reetgedeckte Cottages ducken sich hinter Bäumen und laden zum täglichen Müßiggang ein, dem Cream Tea. Dazu Scones und clotted cream: ein Gebäck, bestrichen mit dickem Rahm und Marmelade. Scones und clotted cream kann man in weiten Teilen Englands erhalten. Die Hauptstadt Devons – Exeter – wartet ebenfalls mit einer sehenswerten Kathedrale auf. Ihr Bischofsthron misst 18 Meter in der Höhe, in die Basspfeifen ihrer Orgel kann sich ein Erwachsener problemlos hineinstellen. Das Deckengewölbe der Kathedrale ist beeindruckend, ebenso die kunstvollen Kirchenfenster.
Ein traumhaftes Cottage
Zuerst aber gilt es das gemietete Cottage zu finden. Einen echten Englandurlaub kann man nur in einem landestypischen Ferienhaus verbringen. Ruanlanihorne – ein kleiner Ort zwischen St. Austell und Truro – ist unser Ziel. Die ehemalige Mühle – Ruan Mill – soll für die nächsten sieben Tage unser Zuhause sein. Einen Ort zu finden, der auf kaum einer Karte verzeichnet ist, ist an sich schon schwer genug. Hinzu kommen der Linksverkehr (an den wir uns sehr gut gewöhnt haben) und Fahrbahnen, die die Bezeichnung Straße nicht verdient haben. Breit genug für eben ein Auto und an beiden Seiten mit rund drei Meter hohen Hecken gesäumt. Da macht Autofahren noch wirklich Spaß. Nachdem wir endlich den kleinen Weiler gefunden haben, sind wir gespannt, welche Überraschungen unser Cottage bereithält. Von außen top, von innen tiptop. Da zeigt sich britische Tradition und Stil. Eingerichtet wie eine Puppenstube (ausgenommen die hochmoderne Küche) empfängt uns die 300 Jahre alte Mühle mit ihrem besonderen Charme. Eigentlich hatten wir auch nichts anderes erwartet. Unsere Ferienhausvermittlung aus Münster, bei der wir das Haus gebucht haben, kennt lt. eigenen Aussagen 98 Prozent aller im Katalog angebotenen Häuser persönlich. Das zahlt sich aus.
Lost gardens of heligan
Ein wichtiger Grund Cornwall zu besuchen, sind seine Gärten. Von pittoresken Landschaftsgärten, subtropischen Grünanlagen bis zum außergewöhnlichen Eden-Projekt, in dem Wissenschaftler unter riesigen Glaskuppeln verschiedene Klimazonen der Erde nachgestellt haben, ist alles zu finden. Einen besonderen Besuch wert sind die „Lost gardens of heligan“. Als einer der bekanntesten Gärten Englands vereinigt er einen Ziergarten, einen Landschaftsgarten, einen Dschungelgarten und das daran angrenzende „verlorene Tal“, welches das ursprüngliche Landschaftsbild Cornwalls zeigt, zu einem einzigartigen Flora-Schauspiel. Daneben sind die Gärten „Glendurgan“ und „Trelissick“ absolut sehenswert.
Stadt des Lichts
Wer nicht in St. Ives war, hat Cornwall nicht wirklich gesehen. Die „Stadt des Lichts“ war, bevor sie von Künstlern entdeckt wurde, ein wichtiger Ort für die Fischerei. Der in Pilchers Romanen erwähnte Ort Porthkerris erinnert mehr als nur zufällig an St. Ives, da ihr Geburtsort Lelant nur wenige Kilometer von St. Ives entfernt liegt.
Südlich von St. Ives – gegenüber sozusagen – liegt die Stadt Penzance. Sie ist des öfteren Schauplatz in den Romanen von Elisabeth George. Vor der Stadt thront der St. Michael’s Mount, der kleine Bruder des Mont St. Michel vor der Küste Frankreichs. Wer die Felseninsel betreten will, um das darauf befindliche Kloster oder den acht Hektar großen Garten zu besichtigen, kann entweder bei Ebbe über einen jahrhundertealten – unter der Wasseroberfläche liegenden – Wall zu Fuß durch den Atlantik waten, oder nimmt für 1 Pfund (1,70 Euro) das Boot. Der Ausblick vom „Mount“ auf den Atlantik entschädigt auf jeden Fall für die nassen Füße.
Pflichtziel Land’s End
Es gibt in Cornwall natürlich ein Pflichtziel, das man gesehen haben muss: Land’s End. Der südwestlichste Zipfel des Vereinigten Königreichs schlägt jeden – sofern das Wetter mitspielt – in seinen Bann. „Irgendwo da draußen ist Amerika“ kommt einem automatisch in den Sinn, wenn man an den steilen Klippen steht und die Wucht, mit der die Wellen des Atlantiks unermüdlich gegen die Felswände schlagen, förmlich spüren kann. Leider ist Land’s End zu einer Touristenfalle verkommen. Jeglicher Kitsch wird überteuert angeboten. Der Kommerz macht auch am Ende des Festlandes nicht halt. Abgesehen davon gibt es an der Westküste Cornwalls andere Stellen, die noch ursprünglich geblieben sind und für deren Besichtigung man nichts zahlen muss. Beispielsweise die Bedruthan Steps. Riesige Felsen, direkt vor der Küstenlinie, laden jeden Fotografen ein, die Speicherkarte seiner Kamera zu füllen. Eine steile, in den Felsen geschlagene und versteckte Treppe, bietet einen teils sehr rutschigen Zugang zum „Strand“. Vorsicht, die Flut kommt ganz schnell wieder zurück. Wir haben es gerade noch so geschafft, ohne nasse Füße wieder nach oben zu gelangen. Wer dort zu spät ist, dem nützen auch die besten Schwimmkünste nichts. Gegen die Wucht der Brecher ist kein Kraut gewachsen.
Ritter der Tafelrunde
Von dort ist es nicht mehr weit zu den legendären Rittern der Tafelrunde. Einige Kilometer nördlich findet sich der Ort Tintagel. Angeblich der Geburtsort von König Artus. Der Sage nach soll er im 5. Jh. gegen die römischen Besatzer gekämpft haben. Auf dem Tintagel Head finden sich – direkt am Meer – die Reste einer mittelalterlichen Burg. Schade nur, dass diese Ruine aus dem 13. Jh. stammt und somit Artus wohl nicht als Zuhause dienen konnte. Das einzig wirklich interessante in Tintagel ist ein mittelalterliches Haus, „The old Post Office“, aus dem 15. Jh. Besichtigung natürlich nur gegen „harte Währung“.
Landsitz á la Pilcher
Wer an einem typischen Landsitz á la Pilcher interessiert ist, dem ist „Lanhydrock House“ – einem Herrenhaus mit angrenzendem Landschaftsgarten aus dem 19. Jh. – zu empfehlen. Die große Galerie birgt handschriftliche Bibelübersetzungen und –kommentare aus dem 17. Jh. Der gepflegte Landschaftsgarten wirkte wie aus dem Bilderbuch.
Sieben Häuser und eine Kirche
Zum Schluss unserer Tour wollten wir noch unbedingt den kleinen Weiler Warleggan im Bodmin Moor besuchen. Sieben Häuser und eine Kirche. Der Ort liegt so versteckt, dass wir mehrfach vorbeigefahren sind. Ein Schild „To the church“ wies uns den Weg durch eine dunkle Allee hoher Buchen zum über 800 Jahre alten Gotteshaus. Über Warleggan wird erzählt, dass die Kirchturmspitze 1818 einem Blitzeinschlag zum Opfer fiel und auf den Altar stürzte. 1931 fand Reverend F.W. Densham den Weg nach Warleggan und überwarf sich kurze Zeit später mit der Gemeinde. Seit 1933 ging niemand mehr in die Kirche. Der Reverend aber predigte vor leeren Bänken unentwegt weiter – 20 Jahre lang, jeden Sonntag zweimal. Als er 1953 starb, erschien zu seiner Einäscherung nur ein Trauergast. Und der stammte nicht aus Warleggan. Ein wahrlich einsamer Ort, der an einer für England typischen roten Telefonzelle endet. Danach beginnt das Moor – einsam, düster und geheimnisvoll.
Infos zu Cornwall gibt es hier.
3 Kommentare wurden bereits abgegeben
-
3.schrieb am 14.01.2009 16:38
ganz schön viel geschrieben
-
2.schrieb am 09.05.2008 21:29
Auch wenn Rosamunde Pilcher nicht zu meinen Favoriten unter den Autoren gehört, so hat die Landschaft doch seine Reize....
Auf jeden Fall ist es ein Ziel in meiner Reiseliste.
-
1.schrieb am 09.05.2008 21:25
super interessant. Ich dachte immer, in England würde es nur regnen.




