Pastors Kinder und Müllers Vieh...

Stuhlkreis. Die Lehrerin fordert uns auf, uns und auch gleich dazu die Berufe unserer Eltern vorzustellen. Mindestens alle zwei Jahre wurde diese Praxis wiederholt - später dann natürlich ohne Stuhlkreis. Jedes Mal erntete ich dieselben Reaktionen: Erstaunen, Entsetzen, ungläubiges Nachfragen, betretendes Schweigen oder krampfhafte Versuche, intelligente fromme Fragen zu stellen. Denn mein Vater ist Pastor.
  • Das T-shirt würde ich trotzdem tragen. Foto: C-Shirt.de

 

Manche Nachfrage hat auch ihre witzige Note: „Dein Vater ist Pastor? Ach, evangelisch oder katholisch?“ Nicht umsonst gibt es eine SchülerVZ-Gruppe, die eben genauso heißt. Die meisten Mitglieder ärgern sich vornehmlich darüber, dass ihre Mitschüler glauben von ihnen, sie müssten jeden Sonntag in die Kirche gehen - dabei tun sie es oft gar nicht.

Die Gemeinde ist das Problem

Nun, ich gehe jeden Sonntag die Kirche. Aber nicht weil ich muss, sondern weil ich will. Und diesen Unterschied erkläre ich gerne jedem meiner Mitschüler, dem das unklar ist. Das heißt: Schule sehe ich in diesem Zusammenhang nicht als das Problem an, sondern die Gemeinde. Natürlich ist die Gemeinde kein Problem, sondern eine ziemlich coole Erfindung von Gott, aber in Pastorenfamilien geschieht hier etwas relativ Ungewöhnliches: Die Gemeinde ist der Ort, an dem das Elternteil seinen Beruf (bzw. seine Berufung) ausübt, ist gleichzeitig der Platz, an dem die Kinder einen Großteil ihrer Freizeit verbringen und oft auch ihren Freundeskreis aufbauen.

Nörgel-Sprachrohr

Dass da dämliche Situationen nicht ausbleiben, ist klar. Zum Beispiel liebe ich es, wenn Mitglieder unserer Gemeinde meinen, mich als Sprachrohr missbrauchen zu können. Sie reiben mir dann alles, was ihnen an der letzten Predigt, der sonntäglichen Liedauswahl oder der Farbe des Gemeindebriefes nicht passt, unter die Nase. Entweder ganz direkt oder in Anspielungen versteckt. Ich frage mich dann immer: Was erwartet derjenige jetzt von mir? Soll ich meinen Vater verteidigen? Soll ich mich seiner Meinung anschließen? Am besten sage ich einfach gar nichts.

Zu Hause geht es weiter

Doch dieses Dilemma beschränkt sich nicht nur auf die Gemeinde, sondern geht zu Hause weiter. Ein Pastor hat schließlich nie Feierabend. Und seine Familie damit ebenso wenig. Deshalb dreht sich bei uns auch fast alles um das Thema Gemeinde. Nicht, dass mich das prinzipiell stört. Durch sämtliches Anrufe-Entgegennehmen und Programme-Tippen, eigne ich mich wahrscheinlich ziemlich gut als Sekretärin. Und da ich nun mal als echtes Gemeindekind großgeworden bin, interessiere ich mich auch tatsächlich dafür, was in der Gemeinde so abgeht.

Das heißt aber nicht, dass ich jedes Lebensschicksal kennen möchte. Nur lässt sich das in solch einem kommunikativen Beruf, wie es ein Pastor nunmal ist, oft nicht vermeiden. Wir Kinder bekommen einiges mit. (Aber ganz ehrlich: Warum müssen manche auch ihre ganze Lebensgeschichte auf den Anrufbeantworter quatschen?) Dieses Wissen, dass ich dann über andere habe, will ich eigentlich gar nicht haben. Aber inzwischen kann ich damit umgehen. Ich habe gelernt zwischen dem, was ich weiß und wissen sollte, zu unterscheiden.

Du willst auch Pastor werden?

Auch nervt mich, die ständige Fragerei nach meinen Zukunftsplänen. So ziemlich jeder, mit dem ich über den Beruf meines Vaters zu sprechen komme, fragt mich, ob ich denn nicht auch Pastorin werden wolle. Wieso eigentlich? Ich gehe doch schließlich auch nicht davon aus, dass Lieschen Müller Krankenschwester werden möchte, nur weil die Mutter Krankenschwester ist!

Wertvolle Erfahrungswerte

Auf diese Frage antworte ich übrigens immer mit „Nein. Denn ich weiß genau, was einen Pastor alles erwartet.“ Wenn man so hautnah am Pastorenleben dran ist wie ich, dann kennt man natürlich die negativen Aspekte nur zu gut. Das heißt aber nicht, dass ich den Beruf des Pastors nicht für einen wundervollen halte. Und Pastorentochter bin ich ja auch gerne. Denn so lernt man nicht nur viele Menschen kennen, sondern auch viel im Umgang mit ihnen. Ich kann auf Erfahrungswerte zurückgreifen, die andere nicht haben.

Aber letzten Endes lebe ich ohne das ständige Bewusstsein, die Tochter eines Pastors zu sein. Wer sonst außer Paris Hilton wird schließlich nur übers Tochter-Sein definiert?

 

 

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5 Kommentare wurden bereits abgegeben

  • 5.  
    schrieb am 16.07.2010 17:54

    Also eine sache stimmt ein Pastor hat nie Feierabend . Dad nächste ist auch gaud er muss immer anrufbereit sein zur Tag wie Nacht . Wochentag frei machen geht sehr schwer als Pastor . Im Urlaub trifft man manchmal auch bekannte , auch im Ausland . Dad mit dem aufstehen stimmt manchmal auch nicht so es mussen einige auch früher aufstehen . Naja könnte noch viel schreiben aber muss arbeiten noch paar stunden .

  • 4.  
    schrieb am 07.06.2010 20:53

    Hey Stormrider,

    du bist hiermit eingeladen, mal eine Woche in einem Pastorenhaushalt zu verbringen um für dein nächstes Leben ( dein ach so gechilltes Pastorendasein) zu üben ! Du wirst sehen, dass das total unrealistisch ist, was du da verzapfst.

     

    Klar, machen es sich einfach leicht. Und es schwierig zu pauschalisieren, dass alle Pastoren keinen Feierabend hätten, aber genauso wenig, kannst du verallgemeinern, alle Pastoren hätten nichts zu tun...

    Denn der Normalfall ist das defintiv nicht!

  • 3.  
    schrieb am 06.06.2010 16:14

    Auch wenn ich keine Pastorentochter bin, aber ich weiß, dass unser Pfarrer auch mal bis nachts um 4 bei der Seelsorge sitzt und sofort da ist, wenn irgendwo ein schweres Schicksal passiert.

    Natürlich kann man sich diesen Beruf auch einfach machen, aber dann ist es keine Berufung.

  • 2.  
    schrieb am 02.06.2010 15:54

    @stormrider:

     

    Wie viele Pastoren kennst Du denn, dass Du urteilen kannst, die MEISTEN seien "damit überfordert, jeden Tag auch nur 8 Stunden zu arbeiten"?

     

    Mein Papa ist zufällig auch Pastor und der steht jeden Tag zwischen 6 und 7 Uhr auf und fängt an zu arbeiten und kommt sehr oft erst abends spät wieder nach Hause. Der hätte tatsächlich ein Problem "nur" 8 Stunden zu arbeiten. Außerdem muss ein Pastor immer abrufbereit sein. Richtig abschalten ist da meist nur im Urlaub drin.

     

    Ich hab übrigens noch keinen Pastor gesehen, der nur zur Predigt kommt und danach wieder verschwindet. Und hast Du schon mal daran gedacht, dass so ein Gottesdienst auch einer Vorbereitung bedarf? Das ist ungefähr so abwegig wie zu behaupten, ein Schauspieler arbeite nur in den 20 Minuten seines Auftritts.

  • 1.  
    schrieb am 02.06.2010 13:38

    Frage: Welche Leute sind das denn so, die man "nur" als Pastorentochter kennenlernen kann?

     

    Alerts, Du könntest ja mal einen Artikel schreiben mit dem Thema: "Geht dein Papa arbeiten oder ist er Pastor?" Dein Vater wäre der erste Pastor, den ich kenne, der KEINEN Feierabend hat. Die meisten sind doch damit überfordert, jeden Tag auch nur 8 Stunden zu arbeiten. Der Sonntag zählt natürlich voll dazu (auch wenn die Predigt nur 20 Minuten dauert), und so wird eben ein Wochentag frei gemacht.

    Im nächsten Leben werd' ich auch Pastor.

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