Ostafrika: Als Studentin im Flüchtlingslager
Ostafrika erlebt derzeit eine der schlimmsten Hungerkatastrophen. Die Tübinger Theologie-Studentin Judith Kühl (25) war mit einem Team des christlichen Hilfswerks Humedica (Kaufbeuren) zwei Wochen lang in Äthiopien. Ein Gespräch über ihre Eindrücke aus den Flüchtlingslagern.
Welche Bilder haben sich dir besonders eingeprägt?
Eingebrannt hat sich mir die riesige Not der Menschen in den Flüchtlingslagern, die aus deutscher Sicht unvorstellbar ist. Dort fehlt es wirklich an allem: Wasser, Nahrung, Hygiene, medizinische Hilfe. Diese Leute stehen im Kampf um Leben und Tod. Jeder möchte dir erzählen, wie es ihm geht, und bettelt um Hilfe für sich und sein Kind – wie diese eine Mutter mit ihrer 11-jährigen Tochter Sara. Völlig hilflos kam sie auf mich zu. Sara hatte seit einer Woche nichts mehr gegessen, konnte kaum mehr aufrecht stehen und war extrem apathisch. Doch weil wir als erstes humedica-Team nur vor Ort waren, um Vorbereitungen für weitere Einsätze zu treffen, durften wir als Team ihr nicht helfen.
Wie schwer war es für dich, an all dem Leid vorbeizugehen und konkret nicht so viel helfen zu können?
Es war eine echte Herausforderung, Hilfe zu initiieren, aber noch nicht den Einzelnen helfen zu können. Man könnte das als wirklich frustrierend ansehen Aber wir wussten als Team, dass umfassendere Hilfe, die sich auf viele Menschen konzentriert, Anlaufzeit braucht. Es ist unumgänglich, erst einmal mit der Flüchtlingscamp-Behörde zu sprechen oder vom Staat eine Arbeitserlaubnis einzuholen.
Wie gehen denn die Jugendlichen in den Flüchtlingslagern mit der Situation um?
Junge Männer sind mir nur wenige begegnet – sie versuchen sich vermutlich irgendwie anders durchzuschlagen. Man trifft hauptsächlich Mütter, auch sehr junge Mütter und Kinder dort, denn in den Flüchtlingslagern passiert außer Rumsitzen und Warten wirklich gar nichts. Sie muten an ist wie eine Endstation – ein Bild völliger Hilflosigkeit.
Ich traf einen Studenten – was in Flüchtlingslagern extrem selten ist. Die meisten Menschen dort sind Analphabeten, haben nie eine Schule besucht. Dieser Student kam aber auch nur ins Flüchtlingslager, weil er sehr krank war. Er hatte auf einen Zettel in perfektem Englisch geschrieben, dass er eine schlimme chronische Entzündung im Hals habe und deshalb nicht mehr sprechen könne. Doch auch ihm konnten wir vorerst nicht helfen.
Wie stark hat dich das große Leid in deinem Glauben herausgefordert?
Man sieht dort kein Ende des Leides. Einerseits kam mir da natürlich die altbekannte Frage: Wie kann Gott das zulassen? Zum anderen dachte ich auch an meine eigenen Lebensumstände in Deutschland: Ich habe nicht nur genug, sondern mehr als genug. Warum gibt es diese ungerechte Verteilung? Das ist sowohl eine Frage an mich selbst, an meine Mitmenschen und an die Gesellschaft – als auch an Gott.
Wie gehst du mit diesen Fragen um? Hast du für dich schon Antworten gefunden?
Für mich stehen noch viele Fragen im Raum. Mit Abstand kann man leichter sagen: „Gott meint es gut“ oder „Gott sorgt für alle“. Aber wenn man direkt vor Augen hatte, wie die Leute dort sterben, weil einfach keine Hilfe da ist, hört man auf, vorschnell Antworten zu finden. Und für vieles werde ich wohl auch in Zukunft keine Lösung finden. Deshalb ist es wichtig für mich, am Glauben festzuhalten, obwohl ich manches nicht verstehe.
Bekommst Du ein schlechtes Gewissen, wenn du hier im Supermarkt wieder unseren Überfluss vor Augen hast?
Nein. Ich empfinde eher: Das ist ungerecht. Niemand hier in Deutschland hatte Einfluss darauf, wo auf der Welt er geboren wurde. Man kann jedoch nicht ständig darüber nachdenken. Diese zwei Welten sind so extrem verschieden, dass die Verbindung dazwischen fehlt. Die Zustände in Afrika haben mich geprägt, trotzdem muss ich jetzt hier wieder zurechtkommen. Dazu gehört auch, über meinen Konsumverhalten nachzudenken. Dennoch halte ich nichts von extremen Reaktionen. Es hilft den Kindern in Ostafrika ja auch nicht , wenn ich nur noch trockenen Reis esse.
Wer schnell und unkompliziert helfen will, kann z.B. eine SMS mit dem Stichwort „DOC“ an 81190 senden. Von den 5 Euro, die über die Handyrechnung abgebucht werden, fließen 4,83 Euro unmittelbar in die Humedica-Katastrophenhilfe. Mehr Infos zu Humedica und Spendemöglichkeiten.








