Nur die Ruhe beim Studieren

Studenten aller Fachrichtungen klagen schon seit längerem über Überlastung. Die Umstellung der Studiengänge auf Bachelor und Master soll Schuld daran sein. Tatsächlich bewirken die neuen Abschlüsse einen höheren Stressfaktor bei den Studierenden – das hat eine Studie der Universität Heidelberg jetzt herausgefunden. Doch wer die Ruhe bewahrt und sich gezielt Auszeiten nimmt, hat eine gute Chance auf ein entspanntes Studium.
  • Foto: Lupo/ pixelio.de

 

Der Kurs „Stressbewältigung durch Achtsamkeit“ von der Evangelischen Studierendengemeinde Frankfurt am Main ist übervoll. 43 Studenten stehen noch auf der Warteliste. Pfarrerin Ruth Habermann weiß, dass viele auf dem Zahnfleisch gehen. Seit der Umstellung auf Bachelor und Master sind die Termine für ihre Beratungs- und Seelsorgegespräche öfter ausgebucht als früher. 

Es ist nicht das Arbeitspensum ...

Psychologen der Universität Heidelberg haben jetzt eine Studie veröffentlicht, die Ruth Habermanns Erfahrungen bestätigen. Die Forscher befragten 405 Psychologiestudenten an vier Universitäten – 307 Bachelor- und 98 Diplomstudenten. Das Ergebnis: Die Belastung von Bachelor- und Masterstudenten ist nicht nur gefühlt, sondern real gestiegen. Der Stress hat jedoch weniger mit der tatsächlichen Arbeitsbelastung zu tun. 20 bis 36 Wochenstunden – je nach Befragungsmethode – umfasst die Arbeitszeit eines Studenten des „alten“ Diplomstudienganges Psychologie. Genau so viel leistet ein Student im Bachelor.

... es ist der Leistungsdruck

„Der höhere Leistungsdruck ist verantwortlich“, sagt Professorin Monika Sieverding, Leiterin der Studie. In jedem Seminar, in jeder Vorlesung wird inzwischen per Klausur oder Hausarbeit der Lernerfolg abgefragt. Und jede Note fließt in die Abschlussnote ein, die darüber entscheidet, ob man den gewünschten Masterstudienplatz bekommt oder nicht. Der ständige Notenstress führt dazu, dass die Studenten permanent unter Strom stehen. 

Auch die mangelnde Entscheidungsfreiheit in den verschulten Studiengängen führt zu einer größeren Unzufriedenheit. Stundenpläne werden von der Universität festgelegt. Wer das eine Seminar dem anderen vorziehen möchte, hat kaum die Chance dazu.

Die Inhalte wurden nicht angepasst

Auch Christian Enders, Pressesprecher der Studentenmission in Deutschland (SMD), hat die Umstellung auf Bachelor und Master im Rahmen des Bologna-Prozesses von Anfang an beobachtet: „Unsere hauptamtlichen Referenten nehmen in Einzelgesprächen mit Studenten durchaus wahr, dass diese mit den veränderten Studienbedingungen zu kämpfen haben.“ Das sei zwar je nach Studienfach und Studienort unterschiedlich, fest stehe aber, dass vielerorts die Studienzeiten und –strukturen verändert wurden, nicht aber die Inhalte angepasst.

Die Ängste häufen sich

Hans Reil von Campus für Christus, die überkonfessionell Studentenarbeit in Deutschland betreiben, sieht das Problem nicht nur in den neuen Studiengängen. Auch darüber hinaus seien die Ängste der jetzigen Studierendengeneration gewachsen: „Man macht sich überhaupt Gedanken: Wie lebe ich? Wo kaufe ich ein? Esse ich das Richtige? Ist mein Lebenslauf optimal zusammengestellt? Einen Job zu bekommen, der Spaß macht, ist wichtiger als eine Einkommensquelle.”

„Nutzlose“ Zeit erkämpfen

Christian Enders von der SMD empfiehlt überlasteten Studenten, sich regelmäßig kleine Auszeiten zu nehmen. „Für viele ist ein Gebetsfrühstück oder ein Mittagsgebet auf dem Campus eine hilfreiche Unterbrechung des Alltags.”

Auch die Evangelischen Studierendengemeinden bieten verschiedene Programme zum Entspannen an. Studentenpfarrer Frank Martin aus Leipzig rät dazu, sich „nutzlose” Zeit zu erkämpfen. Nicht immer müsse man etwas Sinnvolles tun. Manche Studenten benötigten jemand, der ihnen Mut dazu mache. „Ein großer Teil der Belastung erwächst nämlich auch aus den Selbstbildern und den eigenen Anforderungen”, erklärt er. Da könne man natürlich im evangelischen Kontext gut über die Rechtfertigungslehre Impulse geben: „Du musst dich nicht mehr beweisen. Das Leben ist Kür. Aber das hängt natürlich ganz stark von den Einzelnen ab.”

Identifiziere dich nicht über Noten

Studentenberater Reil möchte den Studierenden ans Herz legen, den Kreislauf zu erkennen, in dem sie stecken. „Du musst dir klar werden, dass du das ‚Spiel‘ nicht gewinnen kannst. Häng dich an Alternativen fest. Es gibt Wichtigeres als Noten. Hänge deine Identität lieber an Gott anstatt an menschliche Systeme.”

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