Norwegen: Besiege das Böse mit Gutem
Ein Land der Glückseligen – und mein persönliches Traumland zum Auswandern. Das war Norwegen für mich bis zum 22. Juli 2011 - dem Tag, an dem die Anschläge auf das Regierungsviertel in Oslo und ein Jugendcamp der norwegischen Arbeiterpartei auf der Insel Utøya verübt wurden. Ich hatte das Land im Norden als vor allem friedlich, ruhig und offen kennengelernt. Als Studentin hatte ich dort ein Jahr verbracht: Im rauen, aber herzlichen Norden und im großstädtischen Oslo.
Grundvertrauen in das Gute
„Es gibt ein Norwegen vor und nach dem 22. Juli 2011“, sagte Staatsminister Jens Stoltenberg in seiner Rede in Oslo. In diesem Land im Norden herrschte einfach ein gewisses Grundvertrauen in das Gute des Lebens - so ist mir Norwegen jedenfalls in Erinnerung geblieben. In Troms und in der Finnmark, den nördlichsten Regierungsbezirken des Landes, erlebte ich, dass Menschen ihre Haustüren nicht absperren, wenn sie das Haus verließen. Auf der Inselgruppe der Lofoten traf ich ältere Damen, die per Anhalter fuhren. Von wildfremden Leuten wurde ich im nordnorwegischen Alta zum Mittagessen eingeladen.
Kind und Karriere? Kein Problem in Norwegen!
Die gesellschaftlichen Rahmenbedingungen hierfür waren wirklich gut: In Norwegen wird nicht nur der Friedensnobelpreis verliehen, auch die Gleichberechtigung wird vollends gelebt. Bereits seit 2003 gibt es eine Frauenquote für Aufsichtsräte in der Wirtschaft. Während meines Praktikums in einem Unternehmen in Oslo erlebte ich, wie problemlos es für meine Kolleginnen war, einen Krippenplatz für ihre Kinder zu bekommen und nebenbei Karriere zu machen.
Ein sorgenfreies Lebensgefühl
Auch die Studienfinanzierung ist kein Problem: Jeder Norweger hat ein Anrecht auf eine staatliche Studienbeihilfe. So waren meine Studienkollegen am Finnmark University College in Nordnorwegen nicht nur 20 oder 25 Jahre alt, sondern auch 40 oder über 50 Jahre. Keine Sorgen! Dieses Lebensgefühl war nicht zuletzt deswegen angesagt, weil die Renten aufgrund des staatlichen Ölfonds gesichert sind. Sie waren eben Norweger – und die Probleme der Europäischen Union weit, weit weg.
Schock und Trauer: Norwegen traf es hart
Genau dieses Land, das die Norweger selbst gerne als „kleines friedliches Norwegen“ bezeichnen, traf es nun am 22. Juli so hart: Fast 80 vor allem junge Menschen mussten ihr Leben auf so tragische Weise lassen. Meine Freunde in Nordnorwegen versicherten mir, dass sie niemals im Leben geglaubt hatten, dass ein Anschlag dieser Art in ihrem Heimatland stattfinden könnte.
Ich verfolgte die Berichterstattung im Internet: Der Schock, die Verzweiflung und die tiefe Trauer war in jeder Rede, in jedem Artikel, in jedem Beitrag in den norwegischen Medien zu spüren. Jede Form und Dauer der Trauer sei normal – Stoltenberg forderte seine Bürger zu auf, den Schmerz zu zulassen und einander zu respektieren.
Nächstenliebe statt Vergeltung
Dieses Land im Norden mit seinen nur knapp 5 Millionen Einwohnern macht uns gerade vor, was es heißt, christlich zu handeln. Während in Deutschland Spekulationen über Gesetzesverschärfungen entbrannten, dominiert in Norwegen die Liebe in allen Reden, Berichten und Handlungen. Schon nach kurzer Zeit betonte der norwegische Staatsminister, auf die Anschläge „mit mehr Demokratie, mehr Offenheit und Geschlossenheit“ zu reagieren. Von Vergeltung oder Rache keine Spur. Mehrere hunderttausend Menschen gingen vergangene Woche überall im Land mit Rosen und Fackeln auf die Straße.
„Besiege das Böse mit Gutem“
Auch fanden unzählige Gedenkgottesdienste statt. Ihre Botschaft an die Welt: Wir lassen uns nicht von der Angst unterkriegen! Der Gedanke Stoltenbergs, aus einer schlimmen Situation etwas wertvolles zu machen, stammt aus der Bibel: „Lass dich nicht vom Bösen besiegen, sondern besiege das Böse mit Gutem“, heißt es in Römer 12, 21 - grotesker Weise die Jahreslosung für 2011.
In Norwegen werden diese Worte Wirklichkeit. Auch die Aufforderung an das Volk, auf seinen Nächsten zu schauen, sich um andere zu sorgen und menschlich zu handeln, hat ein christliches Fundament. Fordert das Evangelium uns nicht auf, den anderen genauso zu lieben wie sich selbst? Die Norweger gibt uns gerade ein gutes Beispiel, wie das funktioniert.
Norwegischer Nationalstolz
Diese Handlungsweise beeindruckt mich und spiegelte für mich das Land wider, das ich kennengelernt habe: Norweger sind stolz und halten zusammen. Nicht zuletzt durch ihre „kurze“ Geschichte bedingt. Erst seit 1905 ist Norwegen ein eigenständiger Staat. Die Jahrhunderte davor war das Land in einer Union mit Schweden und Dänemark. Ich erlebte, dass die norwegische Flagge nicht nur am Nationalfeiertag am 17. Mai geschwungen wird, sondern auch Kuchen und Weihnachtsbäume ziert.
„Jugendliche, macht den Unterschied!“
Genau diese positive Grundhaltung zieht das Land nun wieder nach oben. Mutmachen lautet Staatsminister Stoltenbergs Appell an die Jugend: „Engagiert euch, nehmt teil an der öffentlichen Debatte, macht den Unterschied!“ Das, was um uns herum passiert, kann uns nicht egal sein - besonders als Christen nicht. Vielmehr haben wir alle – nicht nur die Norweger – die Aufgabe die Welt zu gestalten und Liebe und Frieden an andere weiter zu geben, anstatt an Hass und Vergeltung zu denken.


