Neue Kinder braucht das Land (Teil 1)

Deutschland stirbt aus: 2009 ist die Geburtenrate noch stärker eingebrochen als in den Vorjahren. Und wie sieht es im Rest Europas aus? Welche Konsequenzen drohen, sollte es nicht bald gelingen, eine Wende einzuleiten? Teil 1 unseres Demografie-Specials wirft einen Blick auf die harten Fakten rund um die Geburtenproblematik und sucht nach Gründen für diese Entwicklung.
  • Eine Mutter hält ihr neugeborenes Kind: Werden Bilder wie diese künftig zur Seltenheit? Foto: Flickr/Krisztina Konczos:

 

7,9 Geburten auf 1000 Einwohner sind alles andere als ein Grund zur Freude – eine niedrigere Geburtenrate weist nur noch der Vatikan auf. Damit ist Deutschland Schlusslicht in der Europäischen Union, wo 2009 durchschnittlich 10,7 Kinder pro 1.000 Einwohner geboren wurden. 2008 waren es in Deutschland noch 8,3 Geburten gewesen, im Durchschnitt der 27 EU-Mitgliedsstaaten 10,9. Somit sank die Geburtenrate in Deutschland 2009 doppelt so stark wie im europäischen Vergleich. Deutlich unter dem EU-Durchschnitt liegen auch Italien (9,5) sowie Österreich und Portugal (9,4).

In Deutschland wird mehr gestorben als geboren

Vergleichsweise hoch war die Geburtenrate allerdings in Frankreich (12,7) und Großbritannien (12,8). Die höchste Geburtenrate erzielten die Iren mit 16,8 Neugeborenen pro 1.000 Einwohner. Die Europäische Union wuchs 2009 insgesamt um 1,4 Millionen Einwohner und überschritt so die 500-Millionen-Grenze. Das liegt jedoch nur geringfügig an den Neugeborenen: Zwar kamen in der EU im letzten Jahr 400.000 Kinder auf die Welt, den Bärenanteil am Bevölkerungswachstum haben aber die 900.000 Neuzuwanderer. Doch im Gegensatz zu Deutschland wächst die Europäische Union insgesamt nicht ausschließlich durch Zuwanderung. Der gesamteuropäischen Geburtsrate von 10,7 Kindern pro 1.000 Einwohnern steht eine Sterberate von 9,7 Todesfällen pro 1.000 Einwohnern gegenüber. Damit werden mehr Kinder geboren als Alte sterben – Europas Bevölkerung wächst also auch ohne Zuwanderung. In Deutschland liegt die Sterberate allerdings schon seit Jahren über der Geburtenrate: Während die Geburtenrate immer weiter sinkt und 2009 unter 8 Geburten pro 1.000 Einwohner fiel, steigt die Sterberate stetig an und nähert sich 11 Todesfällen pro 1.000 Einwohnern an. Das deutsche Volk stirbt aus – das ist der traurige Schluss aus den Statistiken.

Umgedrehte Alterspyramide

Um den Pillenknick der 60er Jahre auszugleichen, müssten heutige Generationen allerdings eigentlich doppelt so viele Kinder wie ihre Elterngeneration kriegen. Doch das Gegenteil ist der Fall: Die Familien werden immer kleiner und immer weniger Paare bekommen überhaupt Kinder. Die Folgen einer derartigen demographischen Fehlentwicklung sind seit langem bekannt: Unsere Gesellschaft überaltert sehr stark, die traditionelle Alterspyramide wird auf den Kopf gestellt. Immer weniger Steuerzahler müssen immer mehr Rentner finanzieren, denn trotz hoher Sterberate steigt der prozentuale Anteil an Rentnern in der Gesellschaft, dem medizinischen Fortschritt sei Dank. Deutschland und auch andere europäische Länder steuern einem Generationenkonflikt entgegen, der einen gewaltigen sozialen Sprengsatz beherbergt. Ohne das Horrorszenario einer völlig umgedrehten Alterspyramide näher auszuführen, sollte für die politisch Verantwortlichen klar sein: Das Ruder sollte herumgerissen werden, solange es noch nicht zu spät ist.

Deutschlands Bevölkerung schrumpft massiv

Dafür bedürfte es einer Geburtenziffer von 2,1: Denn 2,1 Neugeborene pro Frau sind notwendig, damit eine Gesellschaft die „wegsterbende“ Elterngeneration zahlenmäßig ersetzen kann. Andernfalls schrumpft die Gesellschaft. Anhand der deutschen Geburtenziffer von 1,2 bis 1,4 in den letzten Jahren lässt sich erahnen, wie es diesbezüglich um unser Land bestellt ist. Bevölkerungsforscher befürchten sogar, dass Deutschland in den nächsten Jahren den Rang als bevölkerungsreichstes Land der EU verlieren könnte.

Hohe Geburtenraten = konservative Wertvorstellungen?

Doch wie kommt es zu der demographischen Fehlentwicklung in Europa? Lange Zeit beschränkte man sich darauf, das Geburtendilemma einzig und allein mit Pillenknick und Wertewandel zu begründen. Wo die Werte noch patriarchalischer, konservativer und religiöser geprägt sind, so der allgemeine Tenor, da würden auch mehr Kinder geboren. Doch ein Blick auf die Geburtsstatistiken in Europa widerlegt das eindeutig. In Ländern wie Spanien, Italien, Malta oder Andorra, wo die katholische Religion noch großen Stellenwert innehat, ist eine auffällig niedrige Geburtenrate festzustellen. In Großbritannien, Frankreich und den skandinavischen Ländern jedoch ist die Geburtenrate relativ hoch – obwohl religiöse Bindung und konservative Moralvorstellungen dort nur noch sehr schwach ausgeprägt sind. Die Theorie eines direkten Zusammenhangs zwischen Geburtenrate und Wertvorstellungen kann also, wenn überhaupt, nur ein Teil der Wahrheit sein.

Soziale Sicherheit und Vereinbarkeit von Familie und Beruf

Sehr viel plausibler erklärt sich die Geburtenlage in den unterschiedlichen europäischen Ländern allerdings anhand des sozialen Netzes, dass Eltern und Kinder umspannt. Darunter fällt zum einen die Vereinbarkeit von Familie und Beruf, zum anderen aber auch die soziale Sicherheit: Wer sich seiner Zukunft unsicher ist, setzt deutlich unwahrscheinlicher Kinder in die Welt. Die soziale Verunsicherung hemmt die Geburtenrate in Zeiten von Finanzkrise und oftmals nur befristeten Arbeitsverhältnissen zusätzlich. Hinzu kommt, dass viele Frauen das Kinderkriegen aus Karriere-Gründen vor sich herschieben und letzten Endes gar keine Kinder mehr bekommen. Das ist nicht nur in Deutschland so, doch einigen Ländern gelingt es scheinbar besser als der Bundesrepublik, Grundlagen zu schaffen, die das Kinderkriegen fördern und dazu aufmuntern.

Wie? Das erfährst Du in Teil 2 unseres Demografie-Specials.

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