Neue deutsche Tugenden?

In diesen Tagen kommt man um die Fußball-WM nicht herum. Das Fantastische sind aber vor allem auch die Geschichten abseits des Rasens. Viel wurde zum Beispiel geschrieben über die deutsche multikulturelle Elf mit Cacau (Brasilien), Özil (Türkei) und Jérôme Boateng (Ghana), die ein Vorbild für die Integration von Einwanderern sei. Diese Theorie ist freilich genauso willkürlich wie die folgende Episode über den deutschen Shootingstar Thomas Müller.
  • Foto: PR/Adidas

 

„Liebe Grüße an meine beiden Omas und den Opa!“ Der 20jährige Topscorer der deutschen Mannschaft, Thomas Müller, ist immer für eine Überraschung gut. Nach dem 4:1 gegen England fragte er ARD-Reporter Claus Lufen, ob er noch jemand grüßen dürfe. Wen denn? Na die Omas und den Opa! Diese Bodenständigkeit, ist das nicht erfrischend konservativ?

„Sie ist einfach die Richtige“

Müller hat jedoch nicht nur nette Grüße auf Lager, er verbindet vielmehr eine traditionelle Lebensweise mit dem nötigen Quäntchen Modernität und Kreativität auf dem Platz. Der junge Wilde aus Jogi Löws Mannschaft ist seit einem halben Jahr verheiratet. „Ich weiß, das ist in meinem Alter nicht üblich. Aber sie ist einfach die Richtige“, sagte er gegenüber der BILD zu seiner Frau Lisa. In ihrer Freizeit reiten die beiden gern und haben zwei Pferde. Und Müller ist auch ein cleveres Kerlchen mit Abitur. Es gelingt ihm, nach jedem Spiel die Dinge ruhig zu analysieren. Statt Eigenlob hob er nach dem England-Spiel die Leistung der gesamten Mannschaft hervor und schickte dann seine Familien-Grüßein die Kamera.

Er ist seinem Verein immer treu geblieben

Wem das als Beweis für die durch Thomas Müller repräsentierten neuen deutschen Tugenden noch nicht reicht, dem sei gesagt, dass er seit zehn Jahren seinem FC Bayern die Treue hält. Auch das ist keine Selbstverständlichkeit im schnelllebigen Fußballgeschäft. Zuvor spielte er beim TSV Pähl. In dieser knapp 2.500 Einwohner zählenden Gemeinde in Oberbayern wohnt auch noch eine der Omas.

Im Gespräch mit der Süddeutschen Zeitung (SZ) plauderte die 81jährige Erna Burghart vor einigen Tagen aus dem Nähkästchen: „Ich bin in Pähl geboren und bin zu meiner Heirat vom Oberdorf ins Unterdorf gezogen. Mein Mann und ich hatten eine kleine Landwirtschaft mit bis zu 40 Milchkühen. Mit drei Mädchen und einem Bub und mit so einer Landwirtschaft hat man keine großen Ansprüche, da muss man das Leben nehmen, wie es kommt.“ Ach ja, hört sich das idyllisch an. So ist unser Offensivmann auf der rechten Außenbahn also aufgewachsen. Wenn das mal keine rosige Zukunft für Deutschland verspricht, was dann?

Kirchliche Trauung kommt noch

Aber eins fehlt Thomas Müller noch, an das ihn seine Oma sicherlich erinnern wird, wie ihr Gespräch mit der SZ nahe legt: „Der Thomas war bei uns in der Kirche übrigens Ministrant. Geheiratet hat er bisher allerdings nur standesamtlich. Ein Mädchen aus Unterhaching. Gut, die kirchliche Trauung, hat er mir gesagt, die will er auf jeden Fall noch nachholen. Er hat ja so viel zu tun.“

 

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