Needtobreathe: Musik als Handarbeit
Sie haben bei David Letterman gespielt und in den letzten drei Jahren sechs Dove Awards (die „Grammys“ der christlichen Musikszene) eingeheimst, u. a. 2010 und 2011 als Beste Band des Jahres: Needtobreathe sind einer der angesagtesten christlichen Acts der Stunde. Doch das Quartett um die Brüder Rinehart hat sich auch im säkularen Musikmarkt etabliert. Ihr viertes Album „The Reckoning“ stieg im September auf Anhieb auf Platz 6 der US-Billboard-Charts ein. Nun ist die Scheibe auch in Deutschland erschienen.
Chartmusik stellt man sich eigentlich anders vor: eingängig, nicht zu anspruchsvoll, massenkompatibel. All das bieten Needtobreathe aber nicht. Extrem vielschichtig, sperrig und verwegen kommt ihre vierte CD „The Reckoning“ daher. Irgendwo zwischen Indie Rock, Southern Rock, Folk und Pop siedeln sich die Songs an, die – jeder für sich – wie ein eigener kleiner Mikrokosmos wirken. Die Band knüpft mit akustischen Gitarren, ruhigem Piano und Percussion feines musikalisches Netz, webt Dudelsack, Akkordeon, Banjo, Xylophon und Chorgesang mit hinein – um das ganze dann wieder mit krachenden E-Gitarren zu kontrastieren. Was sich stilbildend durch alle Lieder zieht, ist der markante Gesang von Bear Rinehart und die ausgefeilten Melodien.
Warten auf den magischen Moment
„I think you can feel the pressure we put on ourselves in every note of this record“, sagt der Sänger. Und tatsächlich hört man die Handarbeit förmlich, die hinter den Liedern steckt. Ganze sieben Monate Zeit hatte sich die Band für das Aufnehmen des Albums genommen, nachdem sie zwei Jahre lang fast ununterbrochen um die Welt getourt war. „Sometimes in the studio you’ve got to keep searching until something happens that feels magical. We were waiting for that moment to strike on each song before we called this album finished.“
(K)ein „amerikanischer Traum“
Auch wenn die Lieder vielleicht nicht unbedingt immer „magische Momente“ haben – Needtobreathe können trotz ihrer unkonventionellen Art gerade in Amerika auf eine immer größere Fanschar blicken. Vielleicht weil gerade diese Art viel von den Werten transportiert, die den „amerikanischen Traum“ prägen: Freiheit, Ehrlichkeit, echte Handarbeit, Glück. Doch gerade diesen stilisierten Traum vom großen Glück hinterfragen Needtobreathe auch auf „The Reckoning“. Sie ermutigen dazu, die wahre Schönheit zu entdecken, die um einen herum ist. Und sie ermutigen, vor Problemen nicht davonzulaufen.
Es braucht eine einige Zeit, bis sich die Songs in den Gehörgängen festgesetzt haben. Doch dann entfaltet sich ihre Schönheit, die nicht zuletzt in den vielen kleinen Details der Arrangements liegt. Ein Album, das hängen bleibt.
Needtobreathe: „The Reckoning“, 14 Songs, 56 Min., Atlantic Records/SCM Hänssler
Flash ist Pflicht!1 Kommentar wurden bereits abgegeben
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1.schrieb am 08.01.2012 15:11
Ich beschäftige mich seit etwa 3 Jahren mit der Musik von Needtobreathe und fände es klasse, wenn sie gerade in Deutschland ein wenig mehr Aufmerksamkeit bekommen würde. Sehr erfeulich also, dass auch bei Idealisten.net ein Artikel erschienen ist. Vor einiger Zeit habe ich sie auch mal einem großen regionalen Radiosender (ich kenne derzeit keinen besseren Song zum Autofahren als "Drive All Night") empfohlen, aber leider legen die wohl nicht so sehr Wert auf Tipps von außen, jedenfalls wurde meine Mail nicht beantwortet. Aber auch was die Angesagtheit in christlichen Kreisen angeht, scheint es zumindest bei uns noch nicht so weit her zu sein. Sie passen halt nicht ganz zum glatt gebügelten Lobpreissound, der hier seit Jahren die christliche Szene dominiert.



