Nationale Identität - mehr als Lena & Fußball?
Die Fußballweltmeisterschaft steht vor der Tür! Unsere Herzen schlagen wieder einmal Schwarz-Rot-Gold, analog zum wohl bevorstehenden Fahnenmeer auf den Straßen. Gleichzeitig gewinnt Lena Meyer-Landrut für Deutschland den Eurovision Song Contest, laut ARD eine “nationale Leistung”. Es wirkt fast so, als hätten die Deutschen alte Krämpfe in Bezug auf ihre “nationale Identität” überwunden. Doch besteht unsere nationale Identität tatsächlich nur noch aus Fußball, Popcorn und Castingshows?
Die Nazi-Vergangenheit stand einer positiven Identität bislang im Weg
Das Dritte Reich macht es dem Deutschen nicht unbedingt leicht, einen positiven Bezug zu seiner Heimat und ihrer Geschichte aufzubauen. Besonders dann nicht, wenn die gesamte deutsche Geschichte mehr oder weniger auf das dunkle Kapitel jener zwölf Jahre reduziert wird – wie es in der Schule geschieht. Unter dem Einfluss der 68er wird seit Jahrzehnten alles Deutsche in die Ecke des Nationalsozialismus gerückt. Patriotismus und Nationalstolz werden tabuisiert, die bloße Verwendung des Begriffs “nationale Identität” gilt als politisch inkorrekt und rechtsradikal. Wenn wir in den letzten Jahrzehnten überhaupt eine nationale Identität hatten, dann war es eine rein negativ behaftete. Eine Identität, die sich in erster Linie über Schuld und historische Verantwortung definiert. Aber keine Identität, die trotz historischer Verbrechen Stolz und Traditionsbewusstsein in sich trägt.
In anderen europäischen Ländern existieren derartige Krämpfe zwar ebenfalls, allerdings deutlich schwächer ausgeprägt als in der Bundesrepublik. Eine Debatte um die “nationale Identität”, wie sie der französische Präsident Sarkozy jüngst in seiner Heimat anregte, wäre hierzulande nur schwer vorstellbar.
Die WM 2006: Geburtsstunde einer neuen Identität?
Gerade deshalb war die FIFA-Weltmeisterschaft 2006 in Deutschland angenehm erfrischend: Herbert Grönemeyer sang: “Zeit, dass sich was dreht” – und nicht nur der Fussball drehte sich, auch im deutschen Volk rotierte es. Die Deutschen wagten plötzlich, ihre Flagge an Haus und Auto zu montieren oder damit in der Stadt herumzulaufen. Das ganze Land versank für einige Wochen in einem schwarz-rot-goldenen Fahnenmeer. Nicht Ausgrenzung und Selbstverherrlichung, sondern Gemeinschaftsgeist und Euphorie waren die Früchte dieser schwarz-rot-goldenen “Welle”. Bei der EM 2008 wiederholte sich dies, wenn auch abgeschwächt, und auch bei der diesjährigen Weltmeiterschaft in Südafrika dürfte Deutschland wieder in eine Atmosphäre von Begeisterung und Fußballpatriotismus eintauchen.
„Lena, unsere Erlöserin“?
Der Eurovision Song Contest, bei dem die Deutsche Lena Meyer-Landrut den ersten Platz belegte, setzt derzeit ähnliche Emotionen frei – wobei ein Gesangswettbewerb natürlich weitaus weniger Begeisterung auslöst als eine Fußballmeisterschaft. Nichtsdestotrotz wird Lena mit ihrem Grand Prix-Sieg von den Medien wie eine nationale Heilsbringerin gefeiert. Der Stern etwa titelt: “Lena, unsere Erlöserin”; ARD-Unterhaltungschef Schreiber spricht von einer “nationalen Leistung”. Und im Spiegel liest man von einer Generation Lena und “Willkommen im Lena-Land”. Sogar der zurückgetretene Bundespräsident Horst Köhler wähnt sich in der Lenamanie, andere Politiker schlagen das Bundesverdienstkreuz für Lena und ihren Mentor Stefan Raab vor.
In solchen Titelzeilen steckt mehr als der typisch journalistische Hang zur Übertreibung. Vielmehr ist diese Art der Berichterstattung charakteristisch für ein neues Identitätsgefühl der Deutschen. Ein nationales Identitätsgefühl, dass sich während Fußballspielen und Songcontests zeigt, in “Deutschland sucht den Superstar” und “Germany´s Next Topmodel”. So unterschiedlich diese TV-Events auch sein mögen, sie haben eins gemeinsam: Sie sprechen eine sehr breite Masse an und sorgen so für ein Gemeinschaftsgefühl.
Die Identität des Zeitgeists bleibt geistlos
Wer hinter diesem Gemeinschaftsgefühl allerdings die Wiedergeburt eines gesunden Patriotismus vermutet, irrt leider gewaltig. Genauer betrachtet, entpuppt sich die vermeintlich wieder auferstandene nationale Identität nämlich als äußerst inhaltsarm und geistlos. Sie ist nicht mehr als ein “Wir-Gefühl”, dass pünktlich zu größeren TV-Ereignissen aus der Schublade geholt wird. Und leider genauso schnell wieder darin verschwindet, sobald die Show zu Ende ist. Der scheinbare Patriotismus vieler Deutscher konzentriert sich auf Sport, Casting und Unterhaltung, geht darüber nicht hinaus.
Die Deutschen verfallen in Jubelstürme, wenn ihre Nationalmannschaft ein Tor mehr schießt als der Gegner. Sie kleiden sich alle zwei Jahre für vier Wochen lang in den Nationalfarben und gröhlen sich für Deutschland die Kehle aus dem Hals. Und Euphorie beherrscht das Land, nur weil ein junges Mädchen für Deutschland den Grand Prix gewinnt. Fallen allerdings deutsche Soldaten im Dienste ihres Vaterlandes, nehmen die Deutschen das mit geradezu südländischer Gelassenheit hin. Genauso wenig scheren sie sich um den drastischen Souveränitätsverlust des Landes durch die Europäische Integration: Von “nationaler Identität” keine Spur.
Die Art und Weise, wie sich die nationale Identität des Zeitgeistes auf Bohlen, Ballack und Ballermann beschränkt, ist ein Armutszeugnis für die Deutschen. Eine schallende Ohrfeige für den intellektuellen Anspruch eines Volkes, dem man früher einmal nachsagte, das Volk der Dichter und Denker zu sein. Die deutsche Identität ist nicht nur völlig entnationalisiert und entpolitisiert geworden: Sie ist auch geistlos, oberflächlich und dekadent. Ihr intellektueller Wert liegt weit unterhalb jeder Armutsgrenze.
Nationale Identität braucht Tiefgang
Natürlich darf und soll auch Platz sein für Fußballeuphorie und eine Identifikation mit unserer Nationalmannschaft. Und selbstverständlich sollen wir uns auch freuen, wenn eine Deutsche den Eurovision Song Contest gewinnt. Unsere nationale Identität allerdings auf derart oberflächliche Events zu beschränken, wird Deutschland und seiner Kultur nicht gerecht. Es ist Zeit für die Wiedergeburt einer nationalen Identität, die ihren Namen verdient!
Denn eine solche, positive und patriotische Identität ist für unsere Zukunft als funktionierendes Gemeinwesen schlicht notwendig. Gerade in Hinblick auf die Herausforderungen durch Multikulturalität und die zunehmende Individualisierung der Gesellschaft. Nur eine nationale Identität mit Tiefgang kann uns als Gesellschaft dauerhaft zusammenschweißen.


