Messianische Juden: Ungewollt, aber gläubig
Sie essen koscher, feiern Passah, halten den Sabbat, tragen Kippa und Tallit – und glauben an Jesus. Messianische Juden sind mit rund 15.000 Gläubigen in Israel und nur 150.000 in der ganzen Welt eine kleine Minderheit im Judentum. Mit ihrem Glauben folgen sie den Spuren der ersten Christen, die Juden waren und blieben, während sie Jesus nachfolgten. Bei ihren christlichen und jüdischen Glaubensgeschwistern wie auch beim israelischen Staat stoßen sie damit auf Ablehnung.
Die Propheten des jüdischen Volkes hatten den Messias über Jahrhunderte angekündigt. Als er dann kam, waren es ausgerechnet die Juden, die ihn zum Großteil ablehnten. Dabei war Jesus nicht nur als Retter der Menschheit gekommen, sondern vor allem als Retter der Juden, als Retter Israels. So jedenfalls glauben es die messianischen Juden. Sowohl das alte als auch das neue Testament sind Grundlage ihres Glaubens. Sie glauben an die Erbsünde, den Sühnetod Jesu und seine Göttlichkeit. Gleichzeitig halten sie an ihrer jüdischen Identität fest, feiern die jüdischen Feste, folgen den alten Bräuchen und Geboten und begehen ihren Gottesdienst am Sabbat.
Kampf um Anerkennung
Mit ihrem Glauben stehen die messianischen Juden in der Tradition der christlichen Urgemeinde. Die bestand aus Juden und debattierte in der ersten Zeit nach Jesu Himmelfahrt darüber, ob nicht-jüdische Christen zum Judentum konvertieren müssten, bevor sie Gemeindemitglied werden dürften. Heute ist das Problem ein anderes: Messianische Juden kämpfen darum, trotz ihres Glaubens an den Messias weiterhin als Juden anerkannt zu werden – sowohl von der christlichen Kirche als auch von der jüdischen Gemeinschaft.
Weder Juden noch Christen?
Denn die messianischen Juden sitzen damit immer wieder zwischen den Stühlen. Von Christen werden sie – mit Ausnahme evangelikaler Gemeinden – häufig nicht ernst oder sogar kaum wahrgenommen. In Israel – dem einzigen jüdischen Staat der Welt – ergeht es ihnen noch schlimmer. Sie berichten von Beleidigungen, von Arbeitsplatzkündigungen, sogar von der Gefahr, ihre israelische Staatsbürgerschaft zu verlieren. Probleme gibt es vor allem, wenn messianische Juden dem Missionsbefehl Jesu folgen wollen: „Darum geht hin und lehret alle Völker.“ (Mt. 28, 19). Denn die Missionierung von Juden durch andere Religionen ist im Judentum verboten. Von radikalen Juden wird sie sogar als „Vollendung der Shoa“ bezeichnet, da sowohl Mission als auch Vernichtung zum Ziel hätten, das Judentum zu zerstören.
Jude zu sein bedeutet Jesus abzulehnen
Nach dem jüdischen Glauben hält mit dem Erscheinen des Messias auch Frieden und Harmonie Einzug auf der ganzen Welt. Angesichts der heutigen Umstände können Juden daher nicht an Jesus als den Messias glauben. Jude zu sein bedeutet ihnen demnach, den Glauben an Jesus abzulehnen. Messianische Juden erscheinen so als Widerspruch in sich.
Auch von Christen abgelehnt
Auch die großen christlichen Kirchen lehnen seit Ende des vergangenen Jahrhunderts die Mission von Juden ab. Deswegen wurde messianisch-jüdischen Glaubensgemeinschaften in den vergangenen Jahren beispielsweise die Mitwirkung an Kirchentagen verweigert, allein 2010 durften sie am ökumenischen Kirchentag in München ein eigenes Programm anbieten.
Die israelische Staatbürgerschaft wird ihnen verweigert
Der israelische Staat und das jüdische Recht erkennen messianische Juden nicht als Juden an, sondern sehen sie als christliche Glaubensgemeinschaft. Das zeigt sich vor allem dann, wenn messianische Juden nach Israel einwandern wollen und die israelische Staatsbürgerschaft mit Verweis auf ihren jüdischen Glauben beantragen. Im Allgemeinen hat jeder Jude das Recht, israelischer Bürger zu werden. Messianische Juden müssen dagegen ihren Glauben an Jesus verheimlichen, wenn sie sich im gelobten Land niederlassen wollen.
Sie gelten damit für ihre jüdischen Geschwister nicht mehr als Juden. Sie werden erst wieder als solche anerkannt, wenn sie offiziell zurück zum jüdischen Glauben konvertieren, dem Glauben an Jesus ernsthaft abschwören und sich bei einem traditionellen Bad in der „Mikwe“ (jüdisches Tauchbad zur Renigung von rituellen Unreinheit) reinwaschen.
Kommentare Schreib den ersten Kommentar zu diesem Beitrag


