Meine Hoffnung über den Tod hinaus (1)
Es war im April 2007, als die Welt von Lydia Holmer binnen weniger Wochen auf die Größe eines sterilen Krankenzimmers in der Berliner Charité schrumpfte. Bis dahin war „Puschel“ am anderen Ende der Welt – in El Salvador. Ein Jahr lang betreute die gelernte Krankenschwester in einem christlichen Kinderheim fast 50 Kinder medizinisch und seelsorgerlich. Lydia erzählte ihnen von der Liebe des Vaters im Himmel und dass bei ihm niemand verloren geht – das war ihre Leidenschaft. Auch nachdem bei ihr ein bösartiger Knochentumor diagnostiziert wurde, verlor sie nie den Glauben und die Hoffnung. In der Nacht auf den 1. Februar hat die 28-Jährige den Kampf gegen die aggressive Krankheit verloren. Matthias Pankau hat sich das beeindruckende Internet-Tagebuch der jungen Frau angesehen.
Ende 2006 verspürte Lydia Holmer plötzlich immer öfter Schmerzen im rechten Bein. Zunächst dachte sie sich nichts dabei. Erst als der Schmerz immer stärker wurde, suchte sie einen Arzt auf. Er tippte auf den Ischiasnerv oder ein Bandscheibenproblem – doch sicher war er sich nicht. Als die Schmerzen so unerträglich werden, dass die junge Frau überhaupt nicht mehr gehen und kaum noch sitzen kann, lässt die Krankenkasse sie nach Deutschland fliegen. Zurück in ihrer mecklenburgischen Heimat, überweist sie ein Arzt in Plau am See direkt in die Charité nach Berlin. Dort erfährt Lydia am 20. April 2007 die Diagnose: Knochenkrebs. An der Innenseite des rechten Beckenknochens hatte sich ein Wuchergewebe gebildet, das den Knochen massiv angriff und gleichzeitig auf die Nerven drückte, was die Schmerzen verursachte.
Am 22. April 2007 notiert Lydia in ihrem Tagebuch: „Menschlich und rein gesundheitlich sieht es im Moment ziemlich düster aus! Aber es ist nicht nur schlecht. Ich kann sehen, wie Gott gerade jetzt manche Herzen näher zu sich hinzieht. Ich weiß, dass sein Plan perfekt ist – auch wenn wir das Ganze manchmal nicht verstehen können. Immerhin kann ich jetzt verstehen, weswegen ich in den vergangenen Monaten oft so müde war. Mein Bein ist immer schlimmer dran, aber ich bekomme sehr gute Medizin. Danke euch allen für alle Gebete.“
Die Ärzte beginnen sofort mit einer Chemotherapie. Sie soll verhindern, dass sich die Krebszellen ausbreiten. Unterhalb der rechten Schulter wird der kranken Frau ein sogenannter Port eingepflanzt, der direkt in den Blutkreislauf führt und über den sie die Chemotherapie bekommt. Die ist so aggressiv, dass Lydia oft nicht selbst das Tagebuch führen kann. Ihr Vater Johannes Holmer hält ihre Familie, Freunde und Bekannten auf dem Laufenden – neben seinem Dienst als Gemeindepfarrer von 23 Dörfern.
24. Mai 2007: „Dem aber, der überschwänglich tun kann über alles hinaus, was wir bitten oder verstehen, nach der Kraft, die in uns wirkt, dem sei Ehre in der Gemeinde und in Christus Jesus zu aller Zeit“ (Epheser 3,20–21a). Heute gibt es zwei Dinge zu berichten: 1. Puschel geht es gut. Sie ist schwach, und wer sie kennt, weiß, dass es für sie nicht so leicht ist, einfach schwach sein zu müssen und zu dürfen. 2. Sie hat sich heute von ihren Haaren für die nächsten Monate verabschiedet. Und sie trägt ihre neue „Frisur“ mit einer Würde, die ihrem tiefen Verwurzeltsein in dem Vertrauen und der Liebe zu Jesus entspricht. Es ist sicher für ein Mädchen besonders schwer, sich von der äußeren Pracht zu verabschieden. Trotz allem sind bisher die Freude und der Friede weder aus ihrem Herzen noch aus ihrem Gesicht gewichen. Und das hat auch sehr viel mit eurer Liebe und euren Gebeten zu tun! Gott segne euch!“
Die Nebenwirkungen der Chemotherapie zeigen sich nicht nur, indem ihr das Haar ausgeht: Lydia wird von Schüttelkrämpfen geplagt und muss sich häufig übergeben. Oft ist sie so schwach, dass sie nicht einmal selbstständig trinken kann.
29. Juni 2007: „Darum sorgt nicht für morgen, denn der morgige Tag wird für das Seine sorgen. Es ist genug, dass jeder Tag seine eigene Plage hat“ (Matthäus 6,34). Seit heute besteht die Frage, ob wir uns darauf einstellen oder daran werden gewöhnen müssen, dass es immer mal richtige Schmerzschübe geben wird, in denen die Schmerzen irgendwo im Bereich der Knochen plötzlich unerträglich stark werden und erst durch den Einsatz von starken Dosen Morphium einzudämmen sind. Heute war es so. Wie gut, dass es solche Medikamente gibt. Auch dafür dürfen wir Gott dankbar sein.“
Am 17. August 2007 wird Lydia am Beckenknochen operiert. Dabei wird der von Krebs befallene Teil durch einen Knochen aus dem Unterschenkel ersetzt. Es folgt ein Auf und Ab. Manchmal liegt Lydia wochenlang im Krankenhaus und wird von Schmerzen geplagt. Doch dann gibt es auch Phasen, in denen es ihr erstaunlich gut geht und sie zu Hause in Bülow ist.
Am 28. April 2008 notiert sie: „Am liebsten würde ich mit euch allen eine Stunde haben, in der wir zusammen Lieder zur Ehre Gottes singen und erzählen könnten, was Gott im letzten Jahr in unserem Leben Gutes getan hat! Da das nicht möglich ist, kann ja jeder für sich überlegen und sich persönlich bei Gott dafür bedanken. Auf dass euch Tränen der Dankbarkeit und Freude kommen für seine Treue!
Gestern bin ich zum ersten Mal seit der Operation wieder auf Saba geritten, dem großen Pony meiner Freundin Lucia. Da kamen mir die Tränen. Denn mir wurde richtig deutlich bewusst, was Gott Gewaltiges getan hat. Am gleichen Tag kamen auch die Berichte vom Krankenhaus, in denen als Ergebnis deutlich stand, dass nach der Chemo absolut keine neuen Tumorzellen sichtbar sind. Oh, wie bin ich Gott dankbar für die Heilung bis hierher, dass er mir eine neue Möglichkeit zu leben schenkt und sogar mein liebstes Hobby wieder möglich macht, obwohl ich nicht mal laufen kann. Es bleibt natürlich die Bitte um weitere Heilung und dass sich keine neuen Tumorzellen bilden, was bei mir natürlich immer noch viel schneller möglich ist als bei den meisten von euch. Danke an Gott und an euch alle, meine lieben Freunde!“
15. Oktober 2008: „Ich habe mir in letzter Zeit Gedanken gemacht, weshalb wir so oft für die unwichtigen Dinge in unserem Leben mehr Zeit brauchen als für die wichtigen. Ich bin mal wieder zu dem Entschluss gekommen, dass das Wichtigste die Beziehung zu Gott ist, unserem Schöpfer. Ich habe meinen Platz im Himmel, weil ich sein Kind bin. Eins ist mir noch aufgefallen: Aus verschiedenen Gründen leben wir entweder im Gestern oder im Morgen. Aber Fakt ist, dass wir heute leben! Die einzige Problematik, bei der wir Zukunftsdenken brauchen, ist die Frage, ob Jesus uns an der „Himmelspforte“ erkennen wird!
Wie Hiob komme ich mir vor. Er hat in seinem Leben viel verloren und es später in noch größerem Segen wiederbekommen. Ich darf erleben, wie ich immer mehr Energie und Muskeln zurückbekomme. Klar habe ich immer noch Schmerzen, die auch gerne nachts kommen. Die Übelkeit ist stets eine Begleiterscheinung, und selbstständig bin ich noch längst nicht. Aber ich habe Leben aufs Neue wiederbekommen. Ich werde mich bemühen, jeden Tag in der Gegenwart Jesu zu leben, um ein Leben voller Abenteuer zu genießen – inbegriffen all die Freunde, die mir „über den Weg laufen“.
Dann ein weiterer Schock: Bei einer der zahlreichen Untersuchungen entdecken die Ärzte Schatten auf der Lunge. Am 26. März 2009 schreibt ihr Vater Johannes ins Tagebuch: „Heute haben wir Nachricht aus Berlin erhalten. Die Ärzte sind sich sicher, dass es das Beste sein wird, Puschel erneut einer Chemotherapie zu unterziehen. Da die Schatten in der Lunge ziemlich eindeutig als Metastasen (Wucherungen) des Osteosarkoms (Knochentumor) gedeutet werden, will man es nun mit einer Chemo in Tablettenform versuchen.“
Fortsetzung folgt ...
(Hier get es zu Teil 2 der bewegenden Geschichte von Lydia Holmer)
Flash ist Pflicht!
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