„Marktlücke“ Cybermobbing
Nicht nur Demokratie lässt sich bequem über das Web verbreiten, auch Übel wie Propaganda, Pornographie und Prostitution machen sich die Freiheit des Netzes zunutze. Dazu gesellt sich seit Neuestem das so genannte „Cybermobbing“: Ein neues Portal hat die Verleumdung von Mitschülern scheinbar als Marktlücke entdeckt: Dank völliger Anonymität ist den Verantwortlichen genauso schwer auf die Schliche zu kommen, wie das Mobbing zu beenden ist - Schulen und die Polizei warnen vor der Homepage.
Wer hat nicht schon einmal auf dem Schulhof getuschelt und die Gerüchteküche angeheizt? Kleine Lästereien sind nicht nur in den meisten Fällen harmlos, sie gehören zum Schulalltag ganz einfach dazu. Doch was eine Internetplattform betreibt, die sich zur Zeit zweifelhafter Beliebtheit erfreut, dürfte die Grenzen dessen bei Weitem sprengen.
Mobbing ist Programm
Absolute Anonymität versichert die Seite ihren Besuchern in einer dauerhaft angezeigten Infobox. Man speichere keine IPs, auch auf Anfrage von Polizisten oder Lehrern könne so keine Auskunft über die Benutzer gegeben werden. Mobbing ist hier keine Ausartung, wie sie durchaus auch in anderen Netzwerken wie Facebook oder SchülerVZ vorkommen könnte: Es ist Programm und von den Verantwortlichen so gewollt. Die Botschaft hinter der Anonymitätsversicherung ist wenig zweideutig: Feuer frei, lästert und tratscht, was das Zeug hält! Nur hier sei eine „uneingeschränkte Nutzung“ möglich, wirbt man pervers.
Kein Wahrheitsanspruch der Seite
So wird sich ungehemmt über die Jungfräulichkeit der einen und die angebliche Freizügigkeit der anderen Klassenkameradin ausgetauscht. Man stimmt über die hässlichsten Mitschüler des Jahrgangs ab und verbreitet Gerüchte, Schüler wären auf der Toilette mit Lehrern erwischt worden. „Die macht es doch mit jedem“ lautet eine Anschuldigung, die auf der Seite zu lesen ist. Da das Portal den Benutzern absolute Freiheit garantiert, können die Behauptungen und Verleumdungen ohne Beweise im Raum stehen bleiben. Einen Wahrheitsanspruch kennt die Seite nicht und auch Folgen muss der Tratschende nicht fürchten, man bleibt schließlich anonym. „Die Jugendlichen können also völlig unbesorgt alles Mögliche, selbst die übelsten Behauptungen über Mitschüler und Mitschülerinnen aufstellen“, empört sich Norbert Rehner, Schulleiter in Frankfurt.
Kaum verschleiert
Besonders diskriminierend sind die Lästereien vor allem dadurch, dass sie in Subforen namentlich genannten Schulen zugeordnet werden. Da hilft es wenig, wenn keine Nachnamen auftauchen: Es dürfte für Bekannte ein leichtes Spiel sein, die Person hinter dem Vornamen zu erraten.
Das Portal fühlt sich auf der sicheren Seite
Obwohl das Staatliche Schulamt in Frankfurt die Seite für ungesetzlich hält, sind der Polizei bislang die Hände gebunden. Das liegt zum einen daran, dass keines der Mobbing-Opfer bislang Anzeige erstattet hat. Erst dann könnte das Internetkommissariat gezielte Ermittlungen in die Wege leiten und versuchen, über den Betreiber an die Verantwortlichen heranzukommen. Doch auch das gestaltet sich als schwierig: Die Firma lässt sich dafür bezahlen, keine Auskunft über die Identität ihrer Kunden preiszugeben, alle weiteren Spuren verlieren sich in Neuseeland.
Noch perfider als gewöhnliches Mobbing
Als komplett neuartige Erscheinung ist das Cybermobbing jedoch nicht zu werten, da es die gleichen Eigenschaften aufweist wie das „herkömmliche“ Mobbing auch. Personen sollen gezielt an den Rand gestellt und ausgegrenzt werden, es wird verleumdet und bloßgestellt. Doch während Mobbingopfer sich für gewöhnlich an Lehrer oder Vertrauenspersonen wenden können und den Tätern so in den meisten Fällen auch das Handwerk gelegt werden kann, ist der Psychoterror im Netz anonym. Er funktioniert so noch besser und perfider. Das Opfer hat deutlich weniger Möglichkeiten, sich zu wehren. So weiß es nicht einmal, wer ihm überhaupt gegenübersteht, während die Gerüchteküche schon brodelt. Auf der Täterseite wiederum dürfte die Hemmschwelle durch Anonymität und fehlende Angst vor einer Überführung zusätzlich sinken. Die Dunkelziffer an Mobbing-Opfern (2006 offiziell 500.000 in Deutschland) dürfte so explosionsartig in die Höhe schnellen.
Bereits tausende Lästerkommentare
Experten raten betroffenen Jugendlichen, sich an Lehrer und Verwandte zu wenden. Zudem existieren Beratungsstellen wie die „Nummer gegen Kummer“ oder die Webseite klicksafe.de. Wer Anzeige gegen vermeintliche Täter erstatten will, muss sich um Beweise in Form von Chatprotokollen oder Bildschirmfotos kümmern. In Frankfurt haben die Schulen bereits die Eltern ihrer Schüler unterrichtet und angewiesen, mit ihren Kindern über die Gefahren des Onlinemobbings zu reden. Auch Schulamt, Jugendamt und Polizei der Stadt warnen bereits vor der Homepage, die sich vom Rhein-Main-Kreis aus bereits über das ganze Bundesgebiet verbreitet: Mittlerweile finden sich mehrere tausend Lästerkommentare in den Foren des Mobbingportals.
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