Männerknappheit - ein Plädoyer

Christliche Männer sind - zumindest gefühlt - rar gesät. Viele alleinstehende Frauen stellen sich deshalb die Frage: Wo finde ich einen gläubigen Mann? Und warum ist er nicht in meiner Gemeinde?
  • Wann ist ein Mann ein Mann? Foto: Pixelio/Maren Beßler


Die geringe Anzahl männlicher Gottesdienstbesucher hat in meinem Leben lange Zeit für Panik gesorgt: Würde ich einen gläubigen Mann fürs Leben finden? Die Wahrscheinlichkeit erschien mir umso geringer, als die Auswahl unter christlichen Single-Frauen erschreckend hoch anmutete - zumindest in meiner Gemeinde: Interessante Männer waren entweder schon verheiratet oder keine Christen. Keine Angst, ich brauche kein Mitleid – mein Dilemma hat sich Gott sei Dank (!) doch noch gelöst. Ich habe einen „echten Kerl“ abbekommen: Er bastelt am liebsten an seinem Motorrad, duscht sich nur einmal in der Woche und trägt einen attraktiven 3-Tage-Bart. Ach ja, und bekennender Christ ist er auch. Nun wird sich der weibliche Leser fragen: In welcher Gemeinde hat sie den denn aufgegabelt?

Was Gemeinde für Männer attraktiv macht

Eigentlich soll das hier jetzt kein Plädoyer für eine bestimmte Gemeinde werden. Deshalb lasse ich den Namen vorerst weg. Nur so viel sei verraten: Der prozentuale Anteil von Männlein und Weiblein in der Gemeinde, in die er damals ging, war im Gegensatz zu meinen bisherigen Erfahrungen ganz anders verteilt: Viel mehr Testosteron als üblich. Warum? Im Gottesdienst dieser Gemeinde wurde geraucht, getrunken und Hardcore-Musik gespielt. Zwischendurch scharwenzelten nicht gerade klein geratene Hunde zwischen den lässig auf Sofas „abhängenden“ Gottesdienstbesuchern hin und her. Die Gesichter waren mit allerlei Piercings geschmückt, auf der Haut prangten Tattoos – der Umgangston war eher derb.

Die "männlichen" Tugenden

Jetzt werden sicherlich einige Leser mit dem Kopf schütteln: „Hier werden aber ziemlich alte Schubladen aufgemacht. ‚Ein Mann raucht gern, trinkt Bier und benutzt schlimme Schimpfwörter.’ Diese Sorte von Mann haben wir doch schon längst abgeschafft.“ Stimmt. Und erst recht in Zeiten von Gender Mainstreaming. Trotzdem könnte es doch sein, dass das Y-Chromosom, das in jeder einzelnen Zelle eines Mannes schlummert, auch eine gewisse Andersartigkeit gegenüber dem weiblichen Geschlecht mit sich bringt...

Tatsache ist: Viele Männer fühlen sich in der Kirche nicht wohl. Bei den Jesus Freaks schon. Vielleicht liegt das gar nicht mal so daran, dass die Musik härter und der Ton rauer ist. Es muss auch nicht unbedingt die Zigarette und das Bier zum Gottesdienst sein – aber wahrscheinlich die Freiheit zu all dem. „Komm so wie du bist“, das wird zwar in vielen Gemeinden gesungen aber nicht unbedingt gelebt. Unsere Gemeinden sind von Frauen bevölkert und von Frauen geprägt. Da herrschen dann logischerweise auch die vermeintlich „weiblichen“ Tugenden: Man(n) ist nett, freundlich, adrett, geschminkt und abwaschbar. Wir umarmen uns zur Begrüßung, pflegen Beziehungen, bekochen unsere Gäste und treffen uns in Gesprächskreisen. Wir rauchen nicht. Wir trinken nicht. Und fluchen, das tut ein Christ ja gleich gar nicht. Das lernen schon die Allerkleinsten bei der Kindergottesdiensttante.

Männer sind anders

Zumindest was meinen Mann angeht, so musste ich feststellen: Der pflegt keine Beziehungen. Er unternimmt was mit seinen Kumpels. Er trifft sich nicht zum Reden sondern zum Angeln. Über Gefühle spricht er nur, wenn der Wind besonders günstig steht. Er schätzt Freiheit mehr als Verbindlichkeit. Er hasst Ratgeberbücher. „Stille Zeit“ macht er nie.

Liebe Frauen: Ich weiß, dass wir Recht haben. Natürlich ist es wichtig, über Gefühle zu reden. Beziehungen muss man pflegen – und die zu Gott erst Recht. Verbindlichkeit ist eine hohe Tugend. Bücher über Erziehung und Familie sind wichtig. Aber muss denn alles unbedingt immer so aussehen, wie „frau“ sich das wünscht? Meinen wir wirklich, Freundschaften pflegt man nur mit Kaffee, Kuchen und einem tiefen Gespräch? Muss die Stille Zeit immer „still“ sein? Kommen Raucher wirklich nicht in den Himmel? Ich möchte hiermit ein leidenschaftliches Plädoyer ablegen – für unsere Männer: Lassen wir, liebe Frauen, sie doch einfach mal so, wie sie sind. Geben wir ihnen die Freiheit, Gemeinde anders, freier und vielleicht auch etwas männlicher zu gestalten.

"Frau" kann schließlich nicht alles

Denn: "Frau" kann schließlich nicht alles! Ich habe von meinem Mann eine Menge lernen dürfen: Darüber, dass man Dinge auch zerreden kann. Dass man mal „Nein“ sagen und sich abgrenzen muss. Dass sich Gottes Gegenwart nicht durch Bibelstudium und fleißiges Beten erarbeiten lässt. Dass man nicht zum Kettenraucher wird, wenn man mal an einer Zigarette zieht. Und das Kochen.

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1 Kommentar wurden bereits abgegeben

  • 1.  
    schrieb am 02.05.2012 11:32

    Du bringst da vieles auf den Punkt. Danke! :-)

     

    Allerdings kenne ich auch Frauen die nicht so auf "weiche" Gemeinden stehen.

    In der Soziologie gibt es den wunderbaren Begriff der Varianz oder in Deutsch, der Bandbreite. Ersetzt die Zuordnungen "männlich" und "weiblich" für bestimmte Eigenschaften, durch die Begriffe "weich" und "hart." Jetzt ist es plötzlich wertfrei. Und es entsteht Spielraum auch für die "harte Frau" oder den "weichen Mann." Beide gibt es, beide sind wie sie sind. Wir bewegen uns alle irgendwo auf dieser Skala zwischen weich und hart. Es gibt tatsächlich Häufungen. Doch auch jenseits der Klischees ist mächtig was los. So erweitert sich dann auch die Zielgruppe für verqualmte Rockgottesdienste - und mit Rock ist hier nicht das Kleidungsstück gemeint ;-)

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