„Macht euch mal locker, seid cremig!“

2.900 Teilnehmer feierten beim Willow-Creek-Jugendkongress in Wetzlar Party. 
Das Motto des Kongresses: „Yes we are open“. Die Teilnehmer waren begeistert, 
idea-Reporter Karsten Huhn (Berlin) nicht ganz.
  • Viel Action, viel Musik, wenige konkrete Antworten; Foto: thorstenindra.com

 

Der erste Eindruck: Es ist megalaut. Die Bässe der Lobpreisband wummern, und ich fühle mich mit meinen 36 Jahren auf dieser Veranstaltung wie ein Großvater, der um sein Hörgerät fürchtet. „Ohne Ohrschutz ist das nicht auszuhalten“, bestätigt mir später ein Jugendleiter. Er besorgte sich beim Kongressbüro Ohropax.

Cool, trendy – Englisch

Der zweite Eindruck: Der Kongress will extrem hip und cool, trendy und stylisch sein. Die Redner heißen deshalb Speaker, der Gastgeber ist ein Host, die Lobpreismusik nennt sich Worship und die Botschaft ist die Message. „Wahnsinn, Wahnsinn!“, sagt Moderator Torsten Hebel zur Begrüßung. Er trägt graues Haar, das schwarze Hemd hängt locker über der Hose. Hebel fordert dazu auf, dass jeder seinem Nachbarn „Bleib offen“ zurufen soll. Hebel geht durch die Reihen. „Mal sehen, wo mich der Geist so hinführt“, witzelt er und talkt ein bisschen mit dem Publikum.

„Was erwartest du von dem Kongress?“, fragt er Philipp aus Ulm. „Nicht so viel“, sagt Philipp. Hebel ist schlagfertig: „Haben sich deine Erwartungen bisher erfüllt?“

„Fehler sind gut in deinem Leben“

Hebel macht ein paar Witze, dann nimmt er die fromme Kurve: „Schauen wir mal in die Bibel rein. Ist eigentlich auch bei einem christlichen Kongress eine ganz gute Sache.“ Hebels Botschaft: Die ganze Bibel ist voll von Veränderungen, also sollen wir auch offen für Veränderungen sein, offen für Fehler: „Fehler sind gut in deinem Leben – wenn wir daraus lernen.“ Reite auf der Welle, sei glücklich, fordert Hebel. „Macht euch mal locker, seid cremig!“ Es ist ein salopper, launiger Vortrag gegen Dogmen, für Freiheit. Mit der Bibel hat der Vortrag nur am Rande zu tun.

Hebel berichtet von drei Veränderungen, die er erlebt hat: 1. Das Projekt blu:boks in Berlin-Lichtenberg, das Kindern aus einem sozialen Brennpunkt mit kreativen Projekten Selbstwert vermitteln will. 2. „Ich glaube nicht mehr das, was ich vor zehn Jahren geglaubt habe.“ Früher hatte er christliche Phrasen im Gepäck, aber dieses Glaubensgebäude sei zerfallen. 3. Vor zwei Jahren befand sich Hebel in einer Ehekrise, seine Frau und er gingen zum Therapeuten. Hebel wollte sich trennen. Die Tochter, damals vier Jahre alt, fragte: „Papa, gehst du jetzt?“ – „Nein, der Papa bleibt.“ Sie blieben zusammen. „Gott kennt Wege aus der Ausweglosigkeit“, sagt Hebel.

Der Kongress war ermutigend

Bereits 29 Willow-Creek-Kongresse gab es seit 1994 in Deutschland. Sie sind eine Marke geworden, der Besuch gehört für viele zum Pflichtprogramm. Die Kongresse sollen vor allem der Motivation und Ermutigung dienen, und fragt man die teilnehmenden Jugendlichen, sagen sie genau das: Der Kongress war ermutigend.

Viele Teilnehmer reisen mit der Jugendgruppe an. Für sie ist es ein Bad in der schwitzenden Menge: Luftballons gehen durch die Halle, es wird gerappt und Gangnam-Style getanzt, die Zuhörer machen die Welle. Sie hören professionelle, witzige Geschichtenerzähler, dazu gibt es flotte Musik und Videoclips. Es sind drei ausgefüllte Tage, von denen man später im nicht ganz so aufregenden Gemeindealltag zehren kann.

Enttäuschend: Keine konreten Tipps für die Jugendarbeit

Wer sich allerdings konkrete Tipps für die Jugendarbeit erhoffte, wurde enttäuscht: Wie kann man Mitschüler in die Kirche einladen? Wie schafft man es, dass sie bleiben? Wie finde ich heraus, was ich mal werden soll? Was ist heute zu Sex, Alkohol und Drogen zu sagen? Wie komme ich mit meinen Eltern klar? Und worauf kommt es bei der Partnersuche an? Antworten dazu? Leider Fehlanzeige!

Viele lustige Geschichten, aber wenig Substanz

Stattdessen reiht sich Geschichte an Geschichte, immer sehr lus­tig, meistens übertrieben („Ich habe so sehr geweint, dass ich meine Kontaktlinsen verlor“). Stil geht vor Substanz, Unterhaltung vor Information. Gelegentlich kommt auch mal ein Bibelvers vor, aber ich hatte fast immer das Gefühl, dass die Redner lieber ihre Anekdoten zelebrieren als ebenso begeistert und unterhaltsam die Bibel auszulegen.

Die Lust an der Pointe war allzu oft stärker als das Interesse an geistlichen Wahrheiten. So sprach ein Redner minutenlang über seine lange Anreise, seine Familie und seine zwei Hunde. Zwar hatte er auch einen Bibelvers im Gepäck: „Ich habe euch dazu bestimmt, hinzugehen und Frucht zu tragen“ (Johannes 15,16). Doch mit der Auslegung hielt er sich nicht lange auf: Um Frucht zu bringen, seien tiefe Wurzeln nötig, etwa das Bibellesen, erklärte er. Dass Bibellesen wichtig ist, dürfte fast jeder christliche Jugendliche wissen. Aber was hilft, wenn man – wie so viele – gerade keinen Bock drauf hat?

„Gott ist verknallt in dich“

Mitunter gab es auch irritierende Vulgärtheologie: „Gott ist verknallt in dich“, behauptete eine Rednerin. Das klingt spritzig, aber ist es angemessen? Ein anderer Redner sprach von einer „großen Erweckung“, die in Europa bevorstehe. Oder auch: „Gott will dich gebrauchen, um die Welt zu verändern.“ Muss es denn immer gleich die Welt sein? Geht es nicht auch etwas kleiner? Vielleicht reicht es ja für den Anfang, in der eigenen Familie oder Schulklasse mit Veränderungen zu beginnen.

Der Student, der mit seiner Freundin schlief

Natürlich gab es auch richtig gute Stories: Mitten in der Nacht erhält ein Jugendleiter einen Anruf. Ein Student beichtet, er habe mit seiner Freundin geschlafen. Der Jugendleiter verabredet sich mit ihm zum Frühstück und hält ihm eine Bußrede. Da sagt der Student: „Ich habe gar nicht mit meiner Freundin geschlafen. Ich wollte nur mal sehen, wie du reagieren würdest.“ Schöne Geschichte und ein Thema, das alle interessiert! Leider war es mit dieser Anekdote auch schon wieder beendet. Was Willow Creek Jugendleitern in dieser Situation rät, war leider nicht zu erfahren.

Man kann Jugendlichen heiligen Ernst zumuten

Gewünscht hätte ich mir weniger Klamauk und mehr Tiefgang. Aber kann man Jugendlichen heiligen Ernst überhaupt zumuten? Es geht! Stark war zum Beispiel die Rollenpredigt des Willow-Creek-Leiters für Geistliches Wachstum, Shane Farmer. Er schlüpfte in die Schuhe des Apostels Paulus und erzählte, wie sich sein Leben radikal veränderte, nachdem er Christ wurde.

Ein Wortakrobat erobert das Internet

Ebenso stark der Auftritt des US-Evangelisten Jefferson Bethke (Seattle), der das Gleichnis von den verlorenen Söhnen (Lukas 15,11–32) auslegte. Der rebellische und der religiöse Bruder – beide sind auf die Gnade des Vaters angewiesen. Als Wortakrobat bekannt wurde Bethke mit einem YouTube-Clip: Sein Video „Warum ich Religion hasse, aber Jesus liebe“ wurde im Internet 25 Millionen Mal angeklickt.

Beim Jugendkongress präsentierte Bethke noch einmal den vier Minuten langen Hochtempo-Vortrag. Er sprach so schnell, dass es schon auf Englisch nur mit Mühe zu verstehen ist. Und die deutschen Untertitel waren so schnell weg, dass Moderator Hebel schon vorab empfahl, auf das Mitlesen zu verzichten und sich stattdessen „auf den Prozess einzulassen“. Ein schöner Satz von Bethke blieb dennoch hängen: „Wenn Gnade Wasser wäre, sollte die Kirche ein Ozean sein.“

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4 Kommentare wurden bereits abgegeben

  • 4.  
    schrieb am 07.06.2013 09:54

    Vielen Dank für die Antwort.

     

    Die Wortbedeutung von agape lässt sich in diversen Online-Quellen nachschlagen und darauf habe ich mich bezogen, ich habe nicht gesagt, dass wenn wir von Gottes Liee reden Zuneigung und Gefühle aussen vor sind (das nur zur Klarstellung).

     

    In der Textstelle in Hohelied geht es um Liebe zwischen Menschen, und es ist ein poetischer Text (Textgenres, und Adressaten zu beachten ist oft etwas, was in evangelikaler Bibelauslegung wenig beachtet wird, was dann dazu führt, das aus poetischen Stellen theologische Dogmen definiert werden und aus nüchternem geschichtlichem Rapport ein positives oder negatives Handeln durch Gott impliziert wird).

     

    Das Bild des Bräutigams wird in der Bibel in 3 Arten von Texten verwendet

    a) poetischen, b) prophetischen und c) in Gleichnissen. es ist eine Analogie des Bundes (wie beim Ehe-bund) und der Bundestreue Gottes im Angesicht aller menschlischen Untreue, und beinhaltet weit mehr als Gefühle und Zuneigung. ich würde hierzu auch empfehlen, das Buch "Pardon, ich bin Christ / engl. Mere Christianity" von C.S. Lewis zu lesen, in dem er auch auf die wesensmässige Unterscheidung von "lieben" und "verliebt sein" eingeht.

     

    Gerade die Stelle in Hosea unterstreicht eigentlich mein Argument aus dem ersten Post, weil hier deutlich wird, dass die Braut an sich nichts Liebenswertes an sich hat (was mit der Titulierung als Hure ausgedrückt wird), und dennoch als Braut angenommen wird.

     

    Das heißt, anders als wie heute oft Liebe verstanden wird, wo die liebenswerten Eigenschaften des Anderen die (oft alleinige) Basis für Liebe darstellen.

  • 3.  
    schrieb am 06.06.2013 13:43

    Du hast recht, es heißt verknallt.

    Aber für mich ist selbst das Wort verknallt keineswegs vulgär.

     

    Du schreibst: "Wenn in der Bibel von der Liebe Gottes gesprochen wird wird aber immer "agape" verwendet, und das hat nichts mit Gefühlen, Zuneigung und Leidenschaften zu tun."

     

    Die Bibel spricht davon, dass Jesus der Bräutigam und wir als Gemeinde die Braut sind.

    Wenn die Liebe dieses Bräutigams weder etwas mit Gefühlen, noch mit Zuneigung oder Leidenschaft zu tun hat, möchte ich bitte nicht die Braut sein.

    Wie geht denn bitte Liebe ohne Zuneigung und Leidenschaft?

     

    Hoheslied 8,6f "Lege mich wie ein Siegel auf dein Herz, wie ein Siegel auf deinen Arm. Denn Liebe ist stark wie der Tod und Leidenschaft unwiderstehlich wie das Totenreich. Ihre Glut ist feurig und eine Flamme des HERRN, sodass auch viele Wasser die Liebe nicht auslöschen und Ströme sie nicht ertränken können. Wenn einer alles Gut in seinem Hause um die Liebe geben wollte, so könnte das alles nicht genügen."

     

    Die Bibel benutz die Liebe von Mann und Frau öfters als Bild für die Liebe von Gott zu den Menschen. Braut / Bräutigam im NT, Israel als Untreues Weib.

    vgl. Hosea, der eine Hure Heiraten musste um zu verstehen wie Gott für sein Volk empfindet.

     

    Laut Duden heißt verknallt "heftig verliebt" und genau so werden es wohl auch die Jugendlichen verstehen.

    Wenn doch Gott in der Bibel die Liebe zwischen Mann und Frau als Bild für seine Liebe zu den Menschen verwendet, wieso dann nicht ein Prediger?

  • 2.  
    schrieb am 05.06.2013 21:19

    Zu dem vorhergehenden Kommentar möchte ich anmerken, dass ein Ausdruck wie "Gott ist verliebt in dich", pardon im Artikel stand "Gott ist verknallt in dich". nicht nur Vulgärtheologie ist, sondern auch mehrere theologische und sprachliche Probleme aufwirft. Im heutigen Sprachgebrauch wird damit oft eine emotionale Beziehung, ggf. sogar leidenschaftliche einseitige oder gegenseitige Abhängigkeit beschrieben.

     

    Im Griechischen gab es nicht umsonst mehrere Wörter für Liebe und ein begriff wie "verknallt" wäre dort wohl je nachdem als "mania" oder als "eros" bezeichnet worden, evtl. käme auch noch "storgu" (fürsorgliche Liebe zu einem Abhängien wie bei Eltern zu Kinden) in Betracht. Wenn in der Bibel von der Liebe Gottes gesprochen wird wird aber immer "agape" verwendet, und das hat nichts mit Gefühlen, Zuneigung und Leidenschaften zu tun.

     

    Eher geht es darum, dass Achtung und "dem Gegenüber Gutes wollen" nicht in Abhängigkeit zu einer (werthaltigen) Eigenschaft des Gegenüber steht (denn da hätten wir alle von vorneherein verloren), und Treue zum Beispiel in Bezug auf Verheißungen geübt wird obwohl der Gegenüber nichts dergleichen als seinen Teil erbringt/erbringen kann.

     

    Wenn die Liebe Gottes in irgendeiner Weise abhängig von liebenswerten Eigenschaften in uns stehen würde, aus der eine "Verknalltheit" kommen könnte, sorry, das würde für einen jeden von uns nichts Gutes bedeuten (Römer 3,11).

  • 1.  
    schrieb am 05.06.2013 19:03

    Ich wollte eigentlich zu dem Kongress, habe es aber Zeitlich nicht geschafft.

    Euer Artikel wirkt auf mich jetzt sehr subjektiv.

    Ob Musik zu Laut oder zu Leise ist, ist doch einfach nur eine Geschmacksfrage und laute Musik sollte doch gerade bei einem Kongress für Jugendarbeit zu erwarten sein.

     

    Warum ist der Satz "Gott ist verliebt in dich" denn gleich Vulgärtheologie?

    Gottes Liebe zum Menschen auf möglichst viele und plastische Arten zu erklären muss doch das Ziel jeder Jugendarbeit und Jedes Christen überhaupt sein.

     

    Der Autor dieses Artikels hat sich also Konkretere Tipps erhofft, so viel hab ich jetzt verstanden.

    Um mehr über den Kongress selbst zu verstehen wüsste ich jetzt aber gern wer der Autor ist und gerade welchen Hintergrund er selbst hat bzw. mit Welchen Erwartungen er gekommen ist.

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