Loslassen können
Zwischen Elisabeth und ihrer Mutter herrscht eisige Kälte. Wenn das Mädchen aus der Schule kommt, dringen schon beim Öffnen der Wohnungstür die ersten Vorwürfe durch den Flur. Elisabeth fühlt sich überwacht, Hass macht sich in ihr breit. Doch dann blättert sie in einem Buch, das sie nicht mehr loslässt.
Von Außen blickten die düsteren Mauern des alten Hauses wie immer finster auf sie herunter. Wie lange würde sie noch hier wohnen bleiben? Vielleicht drei Jahre. Wie oft wünschte sie sich, einfach wegzulaufen. Doch die Mauern boten ihr auch Sicherheit. Um auszuziehen, brauchte sie Geld, und das gab es nun auch nicht im Überfluss. Sie brauchte einen guten Schulabschluss, was noch mehr Schulstress für sie bedeutete.
Mit hängenden Schultern sperrte sie die schwere Tür auf, trat in die Wohnung und warf die Schultasche in den Flur. Da stand sie auch schon. Die Kontrolleurin, die Chefin, die Überwacherin, die Frau, die sie zur Welt gebracht hatte und in deren Obhut Elisabeth noch bis zu ihrem achtzehnten Geburtstag bleiben musste, wenn sie nicht auf eigene Faust überleben wollte.
Grimmig schallte die Stimme ihrer Mutter durch den kahlen Flur: „Heb die Tasche auf! Warum kommst du erst jetzt nach hause? Was hast du in der Mathearbeit geschrieben und warum hast du gestern keine Vokabeln gelernt?“ Elisabeth zuckte nur ein wenig zusammen, nahm die Tasche und schlenderte mit leeren Augen die Treppe hinauf.
Das Mittagessen lief immer wie ein Verhör ab. Frage. Antwort. Frage. Antwort. Oder ein stummes Nicken. Insgeheim wünschte sich Elisabeth, ihre Mutter anzuschreien, ihre teuersten Teller herunter zu schmeißen, die Blumen einmal im Vorgarten mit Absicht zu zertreten, und ganz geplant die weiße Bluse in die fade Tomatensuppe zu tunken. Aber sie war kein Mensch, der die Emotionen unkontrolliert entgleiten ließ. Sie schluckte die Gefühle wie den klumpigen Tiefkühlspinat und wischte sich mit der feinen weißen Serviette über den Mund, der es doch nie zuließ, dass sie ihr Innerstes preisgab. Sie schob den Stuhl an den Tisch, räumte das Geschirr in die Spüle und lief über den edlen, kühlen Marmorboden in ihr Zimmer.
Es war schon spät am Nachmittag und ihre Mutter schien es heute wieder besonders schwer gehabt zu haben. Aber das interessierte Elisabeth nicht. Sie legte sich auf ihr Bett. Auf die weichen Kissen, die ihre Zuflucht waren in dem kalten Gemäuer. Normalerweise schlief sie schnell ein, wenn sie wütend war, wenn die Gedanken an Rache so stark waren, dass sie sich schämte. Doch jetzt war es ein Kampf. Ein Kampf gegen die bildliche Vorstellung, ein Kampf gegen den Wunsch, der Mutter einen weiteren Schlaganfall zu wünschen, ein Kampf gegen die Tränen und letztendlich ein Kampf gegen ihre eigenen Gefühle.
Sie griff unter ihr Bett, um das Buch zu holen, in das sie zeichnete, wenn sie sich schlecht fühlte. Kein Staubkorn war unter dem Bett zu finden. Das bedeutete, ihre Mutter hatte es schon wieder getan. Sie hatte wieder ihr Zimmer, ihren Rückzugsort, betreten, aufgeräumt und gestaubsaugt. Ein lauter Schluchzer entwich Elisabeth und sie erschrak dabei. Die Bücher, die sich sonst unter dem Bett befanden, weil Elisabeth sie vor dem einschlafen dorthin schob – auch um sie vor ihrer Mutter zu verstecken –, lagen nach Größe sortiert auf ihrem Nachtschrank. Ihr wurde übel. So ein Eingriff in ihre Privatsspähre! Es war schwierig, den Schmerz darüber zu unterdrücken.
Verletzt ergriff Elisabeth die Bücher und schleuderte sie auf den Boden. Der Laminatboden gab einen dumpfen Knall von sich. Mit dem Ärmel wischte sich Elisabeth die Tränen ab und verfluchte sie, weil sie sich ihren Weg gebahnt hatten. Da fiel ihr Blick auf ein Buch, das ihre Mutter wohl lange hatte entstauben müssen. Es war die Bibel, die Elisabeth zur Konfirmation bekommen hatte. Die feinen Seiten so zerknickt auf dem leblosen Boden zu sehen, war ihr unangenehm. Vorsichtig hob sie das Buch auf und las eine Seite.
Sie las nicht oft und wenn sie es tat, war ihr der Inhalt relativ gleichgültig. Doch dieses Mal probierte sie sich auf den Inhalt zu konzentrieren. Zitternd hielt sie das kleine Buch in der Hand und überflog einige Passagen bis sie folgendes las: „Die Schwierigkeiten bedrängen uns von allen Seiten, und doch werden wir von ihnen nicht überwältigt. Wir sind oft ratlos, aber nie verzweifelt. Von Menschen werden wir verfolgt, aber bei Gott finden wir Zuflucht. Wir werden zu Boden geschlagen, aber wir kommen nicht um.“
Nachdenklich schloss sie das Buch. Wie kann man leiden und trotzdem an seiner Freude festhalten? Gab es etwas Stärkeres als den Hass, die Vergeltungssucht, die Verbitterung? Gott schien diesen Leuten eine Zuflucht gewesen zu sein. Eine, bei der keiner ungefragt aufräumte. Still verharrte sie einige Augenblicke. Sie spürte eine Sehnsucht nach Liebe. Dann konnte sie die Tränen nicht mehr aufhalten. Sie liefen über ihre schmalen Wangen und verklebten die traurigen Augen. Nach einer Weile öffnete sie das Buch erneut und las: „Was also könnte uns von Christus und seiner Liebe trennen?“ Elisabeth überlegte. Erinnerte sich. Zweifelte. Und schlief – einige Stunden.
Einige Tage danach, die nicht erfreulicher abgelaufen waren, fasste sie einen Entschluss. Sie rief den alten Pfarrer an und vereinbarte ein Treffen. Sein Haus war mit wilden Kletterpflanzen bewachsen und er empfing Elisabeth bereits im verwucherten Vorgarten. Vorsichtig stieg sie über die Löwenzahnpflanzen und bahnte sich zwischen den aufgesprungenen Blumenkübeln einen Weg zum Pfarrer. Er lächelte so echt und liebevoll, dass Elisabeth gerne eintrat und ihm erzählte, was sie beschäftigte. Er war allem Anschein nach verwundert, wahrscheinlich, weil sie sich seit ihrer Konfirmation in der Kirche nicht mehr hatte blicken lassen. Er erklärte ihr die Bibelstellen mit ruhiger Stimme und sie fragte sich, ob er ihr aufgeregtes Herz wohl schlagen hören konnte. Als die Dämmerung bereits ans Fenster klopfte, bot er ihr an, mit ihr zu beten. Stumm nickend stimmte sie zu. Ein warmer Schauer umgab sie und umhüllte sie noch mehr als der Duft der frischen Schnittblumen auf dem Küchentisch vor ihr. Auf dem Weg nach Hause dachte sie viel über das Gespräch nach. Angekommen ignorierte sie die nörgelnde Mutter und malte ein Herz, das strahlte, in ihr Buch. Stille Dankbarkeit durchströmte sie.
Nach einigen stressigen Wochen entschied sie sich, den Pfarrer erneut zu besuchen. Sie hatte sich nicht aufdrängen wollen und lange gezögert. Sie erzählte ihm von ihrer Mutter. Von der Bitterkeit, von der Kontrolle und auch von ihrem Hass. Sie beteten und tranken Früchtetee. Der Pfarrer war es, der nach einigen Momenten der Stille anbot, sich noch einmal mit ihr zu treffen und dass sie doch in die Bibelstunde kommen könne. Dankbar lächelnd nickte Elisabeth und verabschiedete sich.
Die Gebete, die sie jeden Abend und bei jedem aufkommenden Hass betete, veränderten mit der Zeit den Blick auf ihre Mutter. Sie konnte ihr ein mildes Lächeln entgegenbringen, wenn diese sie anschrie. Es dauerte seine Zeit, doch dann schien auch die Mutter zu erweichen. Ihre Kritik wurde weniger, ihr Kontrollzwang auch und der Druck, den sie wegen der Schule ausübte, ließ nach einigen Monaten auch etwas nach. Nach einem halben Jahr konnte Elisabeth mit etwas mehr Hoffnung im Herzen die Haustüre öffnen und wäre fast in Freudentränen ausgebrochen, als sie Dreck auf dem sonst so makellosen Marmorboden vorfand.
Doch plötzlich fand sie einen Zettel auf dem Küchentisch: „Deine Mutter ist im Krankenhaus. Wenn du mehr wissen willst, komm vorbei, Frau Selke.“ Augenblicklich tauchte wieder der Schreck von vor einigen Jahren auf. Elisabeth wurde bleich, nahm die Tasche und verließ mit zitternden Beinen das Haus, um die Nachbarin zu treffen. Was war bloß geschehen? Wieder ein Schlaganfall? Ein Herzinfarkt? Mit pochendem Herzen klopfte sie mit dem Messingring gegen die alte Tür. Die Nachbarin öffnete, sah Elisabeth, die mit Schrecken in den Augen vor der Türe wartete, nahm sie in den Arm und sagte mit einer seltsam ruhigen Stimme, dass die Mutter gestürzt, aber mit zwei Brüchen davon gekommen sei.
Die nächsten Tage verbrachte Elisabeth bei Frau Selke, die für sie das Mittagessen kochte. Einmal kam die Enkelin von Frau Selke vorbei, mit der Elisabeth früher gespielt hatte. Sie nahm sie mit in die Jugendstunde, wo sich Elisabeth sehr wohl fühlte. Sie lernte, ihr Leben trotz der Probleme für Gott zu leben.
Im nächsten Sommer gab es einen Gottesdienst zum Thema Vergebung. Elisabeth ging gemeinsam mit ihrer Freundin dorthin. Was sie dort hörte, stellte noch einmal ihr Leben auf den Kopf und forderte sie auf, den Hass loszulassen. Sie wusste nicht, was passieren würde, wenn sie sich ganz darauf einließ. Und doch, am Ende des Gottesdienstes hatte sie sich dazu entschlossen ...
Die Evangelische Nachrichtenagentur idea hat zusammen mit dem Verband Evangelischer Bekenntnisschulen erstmals einen Schülerschreibwettbewerb veranstaltet. Die Themen waren „Vergebung“ (Klassen 8-10) und „Familie“ (Klassen 11-13). Die besten Beiträge des Wettbewerbs veröffentlicht idealisten.net in den nächsten Wochen. Lena Glöckl aus Solingen hat mit ihrem Text "Loslassen können" am Wettbewerb der Oberstufe teilgenommen.
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