London: Wie ich die Krawalle erlebt habe
„London’s burning...“ sang die britische Punk-Band „The Clash“ Ende der 70er Jahre. Vor einigen Tagen brannte die Stadt, in der ich seit 5 Jahren lebe, wirklich. Natürlich hat das so niemand voraussehen können. Doch in der weltoffenen Stadt brodelt es schon lang unter jungen Leuten. So habe ich die Ausschreitungen, die auch in meiner Straße tobten, erlebt:
Neben den Touristenattraktionen brodelt vieles
Ich habe London lieben gelernt wegen seiner multi-kulturellen Vielfalt, den Möglichkeiten zur kreativen Selbstverwirklichung und der Toleranz seiner Bewohner. Trotzdem sehe ich, dass neben den Touristenattraktionen vieles brodelt: wachsende Arbeitslosigkeit, Kürzungen in der Bildung, steigende Lebenshaltungskosten.
Ich kenne London nicht anders als mit Sirenen zu jeder Tages- und Nachtzeit, wissend, dass Rettungsdienst und Polizei ihre Arbeit für uns Londoner tun. Seit letztem Wochenende kommen mir aber jedesmal sorgenvolle Gedanken, wo es jetzt wohl wieder brennen könnte.
Ich konnte nicht fassen, dass so etwas gleich um die Ecke passiert
Über den Beginn dieser Serie von Ausschreitungen in Tottenham habe ich zuerst ganz ungläubig in der Zeitung gelesen und konnte es nicht fassen, dass so etwas in einem benachbarten Viertel meiner WG passiert. Das musste wohl ein Einzelfall sein.
Schnell merkte ich aber, dass das eine Fehleinschätzung war, denn als ich in mein Facebook-Profil schaute, las ich besorgte Nachrichten von Freunden aus anderen angrenzenden Vierteln, die sich panisch um ihre Ehepartner und Mitbewohner sorgten, die noch auf dem Weg von der Arbeit nach Hause waren.
Der Handyladen in meiner Straße war zertrümmert
Die ganze Situation nahm immer monströsere Gestalt an und die Medien überhäuften sich mit Schreckensmeldungen über brennende Wohnhäuser und Busse, zerstörte und geplünderte Geschäfte, sowie Strassenausschreitungen zwischen der Polizei und Gruppen junger Leute. Der Handyladen in meiner Straße wurde zertrümmert, der „Electric Ballroomy“ in Camden, in dem ich manchmal mit meinen Freunden tanzen gehe, brannte aus.
Überall Spuren der Verwüstung
Am nächsten Tag waren auf meinem Weg zur Arbeit die Spuren der Verwüstung unübersehbar. Unfassbar. Ich hatte die ganze Zeit ein ungutes Gefühl in der Magengegend. So bleib es auch die nächsten Tage. Zwar ging ich zur Arbeit, blieb abends aber lieber zu Hause. Die auf 16.000 Mann aufgestockte Polizei in der Stadt brachte dann wieder etwas Sicherheit. Und unser Premierminister wurde aus dem Urlaub geholt, um uns zu zeigen, dass an der Situation ernsthaft gearbeitet wird.
Wir ernten, was die Generation zuvor gesät hat
Ich denke, dass wir nur ernten, was die Generation zuvor gesät hat. Viele Jungendliche glauben an den schnellen Ruhm durch TV-Talentshows oder eifern erfolgreichen Sportlern nach, da diese vergöttert werden, irrsinnige Summen verdienen und mit jeglichem schlechten Benehmen in der Boulevardpresse glänzen.
Die Schulen kämpfen mit knappen Budgets
Die Realität der meisten Jugendlichen sieht aber anders aus: Ihre Schulen kämpfen mit knappen Budgets, um Lesen, Schreiben und Rechnen zu vermitteln. Um die Talente der jungen Menschen nicht in kreativen Fächern wie Musik oder Kunst fördern, bleibt da nicht viel.
Arbeitslosigkeit oder unbezahlte Praktika warten auf die Jugendlichen
Staatliche Initiativen sollen Jugendliche mit Subventionen länger in der Schule halten. Doch viele besuchen die Schule nur so lang wie unbedingt nötig, um dann festzustellen, dass vor allem Arbeitslosigkeit oder unbezahlte Praktika auf sie warten.
Doch das ist nicht das einzige Problem: Groß Britannien hat die höchste Schwangerschaftsrate unter Teenagern in ganz Europa. Zudem sind die Kosten für den Lebensunterhalt sind immens hoch. Vielen jungen Menschen bleibt daher nichts anderes übrig als sehr lange bei ihren Eltern wohnen zu bleiben. Darüber hinaus haben die Jugendlichen mit dem Image der „Null-Bock Generation“ zu kämpfen, dass ihnen von ihrer eigenen Elterngeneration pauschal aufgedrückt wird. Da kommt Frust auf.
Die Krawalle sind der Hilfeschrei der Jugendlichen
Ich empfinde die Krawalle als Hilfeschrei der Jugendlichen, der weder aus dem Nichts noch völlig unvermittelt kommt. Es wird nicht nachhaltig genug in junge Menschen investiert – und damit meine ich nicht nur finanziell. Man sollte sie und ihre Kultur ernst nehmen und die damit verbundene Veränderung begrüßen.
Bilder von Angst, Frustration und Hass in den Medien
In den Medien hingegen dominierten die Bilder von Angst, Frustration und Hass – immer auf der Suche nach Schuldigen. Die BBC hatte sogar einen eigenen Live-Kanal zu dem Thema eingerichtet. Und bei Twitter überschlugen sich unter dem Hashtag #LondonRiots die Tweets.
Sobald es sicher war, kamen Londoner mit Besen zusammen
Viel bemerkenswerter fand ich jedoch, wie über Twitter, Facebook und andere soziale Netzwerke Initiativen wie #LondonCleanUp und #PrayForLondon koordiniert wurden. Sobald es sicher war, sich zu treffen, kamen Londoner mit Besen zusammen, um Hoffnungszeichen zu setzen. Meine Gemeinde hat außerdem – wie viele andere auch – ein Gebetstreffen arrangiert – für die Gebetsanliegen, die sich nicht mit einem Besen erledigen lassen.




