Liebe Politiker, bitte mal offen und ehrlich!
Zum 21. Mal haben sich Bundestagsabgeordnete und Jugendliche zu den „Tagen der Begegnung“ in Berlin getroffen. Vom 24. bis 26. Oktober diskutierten sie über Glaube und Werte. Für idealisten.net schildert Martina Schubert, wie sie die Begegnungen mit den Politikern erlebt hat.
(1) Abgeordneten-Frühstück im Reichstag, (2) Renate Künast von den Grünen stellt sich den Fragen der jungen Leute, (3) Die Teilnehmer beim Mittagessen, (4) Hermann Gröhe, Generalsekretär der CDU, im Gespräch mit der Moderatorin, (5) Auch Andrea Nahles, SPD, glaubt an Gott, (6) Besuch in der Stadtmission in Berlin; Fotos: Medienmagazin pro




Es ist Donnerstag, 9.45 Uhr. Ich sitze mit rund 180 Jugendlichen im Fraktionssitzungssaal der CDU/CSU im Reichstag. Durch die Glasfensterdecke erhellen die Sonnenstrahlen den Raum. An der Wand hängt ein großes, rustikales, bronzenes Kreuz. Renate Künast, die Fraktionsvorsitzende von Bündnis 90/Die Grünen, betritt den Saal. Wir begrüßen sie mit Applaus. Dann können wir unsere Fragen an sie loswerden. Ein junger Mann tritt ans Mikrofon und möchte wissen: „Frau Künast, glauben Sie an Gott?“ Die Politikerin, die mir in den Medien oft sehr forsch erscheint, antwortet: „Ich bin evangelisch erzogen, getauft und konfirmiert.“ Allerdings sei sie mit Anfang 20 aus der Kirche ausgetreten. Damals habe sie mit der evangelischen Kirche gehadert und sei in die Humanistische Union eingetreten, die sich für die Trennung von Kirche und Staat einsetzt.
Künast: Es gibt ein höheres Prinzip
Dennoch glaube sie an Gott, sagt Künast. „Nicht im Sinne von einer Person, aber es muss ein höheres Prinzip geben.“ Auch andere persönliche Erfahrungen gibt die Politikerin an uns weiter: Schüchternheit sei kein Hindernis, ein Ziel zu erreichen, wenn man etwas könne. Auch sie habe sich durchgebissen, obwohl sie schüchtern sei. Wow, denke ich. Danke für die offenen Antworten! Dieser kleine Einblick in ihre Persönlichkeit hat mein Bild von Frau Künast positiv verändert.
Der Wahlkampf hat begonnen
Am Freitagmorgen frühstücken wir mit den Abgeordneten aller Bundestagsfraktionen. Es ist ein spannendes Erlebnis, mit den Politikern an einem Tisch zu sitzen und ihnen persönlich Fragen zu stellen. Ich frühstücke gemeinsam mit Claudia Bögel von der FDP, ihrer Mitarbeiterin und einem weiteren Teilnehmer. Sie berichtet uns von ihrem durchgeplanten Tag als Abgeordnete und dass ihr Sohn in Berlin studiert – so kann sie ihn öfter sehen. Von ihrem vollen Terminkalender sind wir dann auch persönlich betroffen: Bögel muss das Frühstück vorzeitig verlassen, weil sie eine Sitzung mit einem Arbeitskreis hat.
Während des Abgeordnetenfrühstücks und in den Diskussionen kommen die meisten Politiker offen und ehrlich rüber. Klar, sie sind Medienprofis und wissen, wie sie sich angebracht inszenieren können. In weniger als einem Jahr ist Bundestagswahl. Und der Wahlkampf hat bereits begonnen – auch beim gemütlichen Frühstück im Regierungsviertel mit jungen Leuten.
Nahles betet „auch mal“ für die Opposition
Nach dem Frühstück steht uns der Generalsekretär der CDU, Hermann Gröhe, Rede und Antwort: „Christliche Werte sind nichts für das Bücherregal“, sagt er. „Sie müssen so authentisch geglaubt werden, dass sie auch andere überzeugen und von anderen nachvollzogen werden können.“ Der Protestant bedauert, dass er manchmal nicht genügend Zeit für sein Glaubensleben habe.
Dann treffen wir uns zu einem Gespräch mit Andrea Nahles, der Generalsekretärin der SPD. Auf die Frage, woher sie ihre Kraft nehme, sagt sie: „An jedem Ort dieser Welt kann ich beten und lesen. Das sind für mich zwei wichtige Ankerpunkte.“ Sie erzählt weiter, dass sie bei schweren Entscheidungen im Parlament „auch mal“ für die Opposition bete, schließlich „müssen die Entscheidungen für Deutschland gelingen“. Über die überparteilichen Gebete bin ich angenehm überrascht.
Christlicher Glaube als gemeinsames Wertegerüst
Viele der gläubigen Politiker betonen in den Gesprächen mit uns vor allem zwei Dinge: 1. Jeder solle sich in der Gesellschaft engagieren, egal ob in Kirche oder Politik. 2. Auch wenn sie als Abgeordnete nicht derselben Partei angehörten, hätten sie durch den christlichen Glauben trotzdem ein gemeinsames Wertegerüst und strebten in den Debatten einen respektvollen Umgang miteinander an. Wie sie das praktisch umsetzen – darauf werde ich in Zukunft vermehrt achten.
Wenn Du zwischen 17 und 27 Jahre alt bist, kannst auch Du an den „Tagen der Begegnung“ teilnehmen. Voraussetzung ist eine persönliche Einladung eines Abgeordneten aus dem Einladerkreis. Dafür kannst Du Dich beim Vorbereitungsteam unter team@tage-der-begegnung.eu melden.

