Leben – Ja oder Nein?

Hin und wieder auf der Bühne zu stehen ist für manche nichts besonderes. Aber das Hobby zum Beruf zu machen und Sängerin zu werden, ist ungewöhnlich. Lena studiert Jazz-Gesang an der Hochschule für Musik "e;Hanns Eisler"e; in Berlin. Für idealisten schreibt sie, welche Schwierigkeiten und Herausforderungen ihr Studium mit sich bringt und wie das ihren Glauben beeinflusst.
  • Foto: Pixelio/Knipserlein

 

„Lass doch mal los! Du lässt nicht zu!“ – Gesangs- und Präsentationsunterricht, Hochschule für Musik „Hanns Eisler“ Berlin, Studienfach Jazz-Gesang. Ja, ich weiß, ich lasse mal wieder nicht zu. Meine Gefühle zum Beispiel, obwohl ich davon jede Menge habe. Dabei möchte ich doch eine Sängerin sein, die nicht nur beeindruckt, sondern auch berührt. Aber der Weg dorthin ist schwer, sehr schwer, und er fordert alles von mir, obwohl ich weiß, dass ich tief in meinem Inneren das Zeug dazu habe. Diese Thematik, die mich beschäftigt, habe ich vertextet und vertont. Daraus entstand ein Stück mit dem Titel „Let go and let God“. Das nehme ich gleich in mein eigenes Programm auf, an dem ich zur Zeit arbeite.

Kein frommes Mäntelchen mehr

Ich? Dahinter verbirgt sich Lena, geboren 1984. Ich studiere seit vier Jahren in Berlin Jazz- und Popularmusik im Hauptfach Gesang mit dem Ziel, als freischaffende Künstlerin und Gesangslehrerin meinen Lebensunterhalt zu verdienen. Ich stehe kurz vor meinem Diplom. So ein Studium ist sehr intensiv. Neben dem vielen Wissen, das ich vermittelt bekomme, stellt es auch große Anforderungen an die eigene Persönlichkeit. Seit ich im Oktober 2004 meine Heimat in Süddeutschland verlassen habe, konnte ich viele neue Eindrücke sammeln. Die sichere christliche Welt liegt hinter mir. Es hat sich in christlichen Kreisen eine Subkultur mit eigener Musik, eigenen Zeitschriften usw. entwickelt, die oft etwas von weltfremder Naivität mit sich bringt. Mein Studium holte mich aus dieser Welt heraus. Auch das fromme Mäntelchen, hinter dem ich mich so gut verstecken konnte, wurde mir gnadenlos ausgezogen, als ich mich auf eine künstlerische Ausbildung einließ. Zum Glück – sonst wäre ich vielleicht darin stecken geblieben. Für meine Kollegen ist es wichtiger, einen ehrlichen Einblick in mein Leben zu erhalten.

Auch über Wut singen

Außerdem merke ich, dass einige der frommen Einflüsse, denen ich ausgesetzt war, mir alles andere als gutgetan haben. Mit solchen Blockaden habe ich jetzt zu kämpfen. Beispielsweise wird in christlichen Kreisen nur ein begrenzter Ausschnitt an Gefühlen zugelassen. Die Bühnenarbeit verlangt aber von mir auch auf den ersten Blick negativ erscheinende Emotionen wie Wut, Trauer oder Angst an mich heran zu lassen. Jedes Problem, das ich im Privaten noch verdrängen kann, nehme ich mit auf die Bühne und merke dort, dass es stört und mich hindert. Ich muss mich aber damit auseinandersetzen. So finde ich mich in diesem Studium in inneren Zwiespälten und Konflikten wieder, mit denen gläubige Künstler leider gerade in christlichen Kreisen auf viel Unverständnis stoßen. Aus diesem Grund bin ich sehr froh, in Berlin einem Künstlergebetskreis anzugehören, in dem ich Unterstützung finde. Ich lerne, mich von ungesunden Prägungen und Gottesbildern zu lösen und meinen eigenen Weg zu finden, um zu einer glaubwürdigen Bühnenpersönlichkeit heranzureifen. Weil ich merke, dass Gott kein Moralapostel ist, wird meine Angst, Fehler zu machen, abgeschwächt.

Nicht weglaufen – Herausforderungen stellen!

Diese Auseinandersetzungen erlebe ich als Herausforderung von Gott, mich dem Leben tatsächlich zu stellen und den Variantenreichtum meiner Persönlichkeit auszuloten. Das bedeutet, zuzulassen und nicht wegzulaufen. Dabei merke ich, dass ich im Gegensatz zu manchen meiner Kollegen einen inneren Halt habe, der mir in diesen Konfrontationen Stabilität gibt. Auch ein gewisses Unverbrauchtsein, das mir aufgrund meines Glaubens bewahrt wurde, stellt sich als Gewinn heraus und zeigt mir, dass in meinen christlichen Wurzeln ein wertvoller Schatz verborgen liegt. Ich werde es niemals bereuen, diesen Weg eingeschlagen zu haben, um meinen Traum vom Singen zu verwirklichen. Was mich trägt, ist die Gewissheit meiner Berufung und das großartige Geschenk aus Talent und Möglichkeiten.

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