Krimi größer als Kino

Diese Krimiserie ist länger, größer und besser als der Durchschnitt dessen, was im Kino läuft. Das Feuilleton hat „Im Angesicht des Verbrechens“ von Dominik Graf völlig zu Recht komplett abgefeiert, weil hier tatsächlich ein TV-Wunder geschehen ist. Im Herbst läuft die Serie im Ersten und arte zeigt sie derzeit jeden Dienstag und Samstag spät am Abend.
  • Foto: ARD/Julia von Vietinghoff

Krimis meist nur noch Klischee

In seiner gewöhnlichen, übermäßig formatisierten Gestalt ist der Krimi echt nur was für alte Omas. Jeder läuft nach dem gleichen Schema ab: Ein Mord geschieht. Der Kommissar gerät erst auf eine falsche Spur und scheint den Täter zu haben. Doch dann taucht unerwartet ein neues Indiz auf, welches das Kartenhaus der Mordkommission in sich zusammenfallen lässt. Also noch mal von vorne: Vielleicht kommt ja auch der eifersüchtige Gärtner oder ein habgieriger Geschäftspartner als Täter in Frage? Oder die Geliebte des Opfers?

Als ihr noch kleine Kinder wart, hat solche Fälle der alte Hase Derrick mit Intuition gelöst. Heute erledigt das die Wissenschaft und Technik. Dank einer verdächtigen Faser am Jackett oder einem genau analysierten Kratzer am Auto kommt die Wahrheit ans Licht und die durch das Verbrechen ins Wanken geratene Welt erhält neue Ordnung.

So oder ähnlich laufen im deutschen Fernsehen pro Woche 100 bis 200 Krimifolgen ab. Tiefenpsychologisch unter die Lupe genommen, erfüllen sie den Zweck, die menschliche Begierde nach dem Bösen zu wecken und diese zugleich umzuleiten in ein Bedürfnis nach Aufrechterhaltung des guten und gerechten status quo. Mittlerweile schleicht sich jedoch der Eindruck auf, dass die gute Ordnung nur noch mit einem riesigen Technikapparat gerettet werden kann.

Ungewohntes bildgewaltig beleuchtet

„Im Angesicht des Verbrechens“ bricht nun auf vielfache Weise mit dieser schematisierten Dramaturgie gewöhnlicher Krimis. In der ersten Folge erschlagen einen beinahe die immense Kraft der Bilder und die Schnittkunst. Wir werden in ein armes, aber glückliches Dorf in der Ukraine entführt, wo wir mit ansehen müssen, wie die schöne Jelena (Alina Levshin) mit dem Versprechen „Berlin ist ein Paradies“ in die Unterwelt der Großstadt gelockt wird.

Der Kampf zwischen zwei jungen Polizisten und den verschiedenen Gruppen der Russenmafia ist das Hauptthema dieser aufeinander aufbauenden Krimiserie. Regisseur Dominik Graf gelingt es dabei, immer wieder neue unentdeckte Ecken dieser korrupten Welt auszuleuchten. Ein Panorama gefüllt mit Prostitution, krummen Geschäften, Drogen und Gewalt breitet sich unaufhaltsam vor dem Zuschauer aus. Selbst einige Polizisten sind in die Geschäfte der Russenbanden verwickelt und behindern die Ermittlungen.

Charaktere im Mittelpunkt

Mit dieser Anordnung befreit sich „Im Angesicht des Verbrechens“ von der Technikgläubigkeit der Konkurrenz. Stattdessen beschreibt das insgesamt achtstündige Krimiepos genaustens die Entwicklungen und Beziehungen der einzelnen Charaktere. Damit holt die Serie den Mensch mit all seinen guten und schlechten Seiten zurück in den Fokus.

Im Hintergrund entwickelt sich zudem ganz unspektakulär und langsam eine Liebesgeschichte zwischen dem Polizisten Marek (Max Riemelt) und Jelena. Diese „Liebe auf den ersten Blick“ kommt auf so leisen Pfoten daher, dass man als Zuschauer den Glauben an sie zurückgewinnt. Dass die Polizei hingegen die korrupten Geschäfte der Russenmafia beenden kann, da bestehen schon größere Zweifel …

Auf arte +7 könnt ihr euch die Serie online anschauen. Und im TV läuft sie das nächste Mal am Dienstag, den 11. Mai, um 22.00 Uhr.

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Felix Menzel (24), Student und freier Publizist, kommentiert jede Woche Donnerstag einen Höhepunkt des aktuellen Mediengeschehens für idealisten.net.

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