Kony2012: Die Jagd auf den Verbrecher geht weiter
Millionen User haben den Kurzfilm „Kony2012“ über die Gräueltaten von Joseph Kony angeklickt. Unzählige stimmten online in den Aufruf mit ein, den Kriegsverbrecher zu jagen, bis er gefasst wird. Ende Februar sollte der Web-Protest nun auch in die Offline-Welt überschwappen. Weltweit waren Sympatisanten aufgerufen, nachts in Städten Poster und Aufkleber geklebt werden, um Kony „berühmt“ zu machen. Beteiligt haben sich bei den „Cover the Night“-Aktionen jedoch anscheinend nur wenige. Indes macht die Online-Kampagne mit einem zweiten Video weiter gegen Kony mobil.
Es ist die größte Hetzjagd, die es im Internet jemals gegeben hat. So jedenfalls wird die Aktion der Organisation „Invisible Children“, die sich gegen die Lord's Resistance Army (LRA) von Joseph Kony einsetzt, von den Medien gerne umschrieben. Kony wird unter anderem wegen Zwangsrekrutierung von Kindern, Versklavung und Vergewaltigung per internationalem Haftbefehl gesucht. Die Verbrechen wurden hauptsächlich zwischen 1987 und 2006 in Uganda verübt.
Wenig Erfolg beim Schritt vom Internet in die Städte
Für die Nacht vom 20. auf den 21. April hatten die Internetaktivisten zu weltweiten „Cover the Night“-Aktionen aufgerufen. Dabei sollten Poster und Aufkleber in Städten angeklebt werden, um den Protest gegen Kony auch jenseits des Internets sichtbar werden zu lassen. Wie viele Plakate und Aufkleber mit dem Kopf Konys weltweit nun an Hauswände geklebt wurden, darüber gibt es keine Zahlen. Viele sind es wohl nicht.
Zwar gab die Non-Profit-Organisation „Invisible Children“ an, dass alle Sets mit Postern, Aufklebern und sonstigem Material, das Aktivisten für „Cover the Night“-Aktionen bei ihnen bestellen konnten, vergriffen seien. Der Schritt vom Internet in die Städte scheint dennoch wenig erfolgreich gewesen zu sein. In meinem Städtchen in Baden-Württemberg habe ich von der Aktion nichts mitbekommen. Und auch aus deutschen Städten tauchten trotz geplanter Großaktionen hinterher im Netz keine Nachrichten über die Ergebnisse auf. International scheint es nicht anders zu sein.
Nur 20 Berliner folgten dem Aufruf, sich am Alex zu treffen
Auch der Antonio, einer der Initiatoren für die Unterstützung der Kampagne in Berlin, bestätigt, dass nur wenige den Sprung vom Online-Klick auf die Straße mitgemacht hätten. Der 18-jährige hatte selbst für seine Stadt zu einer „Cover the Night“-Aktion aufgerufen:
„An diesem Abend sind nur recht wenige meinem Aufruf gefolgt, sich am Alexanderplatz zu treffen. Wir haben mit ungefähr 20 Leuten ca. 200 A3-Plakate und zahllose Aufkleber in Berlin angebracht. Es waren an dem Abend aber auch noch andere Gruppen unterwegs, die unabhängig voneinander Plakate überall in der Stadt angebracht haben. Viele Plakate wurden jedoch schnell abgerissen oder überklebt. Insgesamt war die Aktion dank entspannter Atmosphäre und gelassenen Teilnehmern trotz der geringen Beteiligung meiner Meinung nach ein Erfolg.“
Auch nach den Aktionen geht die Kampagne weiter
Die geringe Beteiligung mag auch an dem Internet-Phänomen „Slacktivism“ gelegen haben, dass den schnellen Klick auf den „Like“-Button bei Facebook beschreibt, aber den schweren Schritt hinaus zum aktiven Protest. Möglicherweise rückt die Aktion – gepaart mit einem neuen Video von „Invisible Children“ Kony dennoch weiter ins Interesse der Öffentlichkeit. Dort gehört sie auch hin, denn kein Mensch, der solche Verbrechen begeht, sollte vergessen werden, bis er gestellt wird.
Uganda macht gegen das negative Image mobil ...
Das ist der Grundgedanke hinter Kony2012. Doch kurz nach Erscheinen des ersten Videos wuchs nicht nur die Zahl derer, die sich weltweit gegen Kony engagierten, sondern auch die Zweifel und Vorwürfe gegen „Invisible Children“. Die häufigsten Kritikpunkte: Der Clip zeige die Untaten der LRA und das Leid ihrer Opfer. Das würde allerdings die Situation um Kony und in Uganda zu sehr vereinfachen. Außerdem seien Spendengelder an „Invisible Children“ zweifelhaft eingesetzt worden. Der ugandische Premierminister Amama Mbabazi stellte sogar ein eigenes Video ins Internet, in dem er auf Kony2012 reagiert. Auch die ugandische Regierung hat ein, allerdings geschöntes, Video über ihr Land online gestellt.
... denn Kony hält sich gar nicht mehr in Uganda auf
Sie wollen sich damit von Kony reinwaschen, denn der Kriegsverbrecher hält sich seit 2006 nicht mehr in Uganda auf. Zur Zeit terrorisiert er angeblich ein Gebiet imNorden des Kongo. Uganda freut sich daher wenig über die negative Aufmerksamkeit für das Land. Das Leid durch Kony ist dort vorbei, der Hype um den Verbrecher bringt ihnen nichts. Andererseits hat die damalige Regierung Ugandas Konys Terrortaten in den 90ern wenig entgegengesetzt. Dass dieser nun woanders sein Unwesen treibt – wahrscheinlich auch mit viel weniger Anhängern als „Invisible Children“ es in ihrem Video suggerieren –, darf natürlich kein Grund sein, Kony im Kongo in Ruhe zu lassen.
Ein neues Video antwortet auf die Vorwürfe
Nun hat „Invisible Children“ ein zweites Video veröffentlicht, um noch mehr über das Treiben der LRA heute zu erklären und auf die Vorwürfe gegen die NGO zu reagieren. Tatsächlich komme von Spendengeldern nur jede dritte Dollar Hilfsbedürftigen zugute. Doch dieses Drittel soll immerhin ein Auffangzentrum für desertierte LRA-Soldaten im Kongo finanziert haben, erkärt Patrick Wegner, Uganda-Experte vom Heidelberger Max-Planck-Institut. Das restliche Geld würde für Awareness-Kampagnen wie die Kony2012-Videos verwendet. Neben der Unterstützung für desertierte Soldaten betreibt „Invisible Children“ beispielsweise ein Frühwarnsystem, das Menschen in der von Kony terrorisierten Region über die Aktivitäten der LRA informiert. Außerdem unterhält die Organisation wohl Schulen für LRA-Opfer, die von christlichen Organisationen unterstützt werden.
Erste politische Erfolge
Der politische Druck, den „Invisible Children“ mit ihrer Öffentlichkeitsarbeit ausübt, scheint zu fruchten. Die Afrikanische Union, in der fast jedes Land des Kontinents Mitglied ist, erklärte ihre Unterstützung für die Jagd auf Kony mit 5.000 Soldaten. US-Präsident Obama sandte außerdem 100 Militärberater in den Kongo, um die Jagd auf Kony zu unterstützen. Wobei die USA dabei auch eigene Ziele verfolgen: Der Kongo hilft den Staaten beim Kampf gegen Islamisten in Somalia. Zudem gibt es in der Region Erdöl, das den Westen interessiert. Das reist manchen Internetnutzer zu der Spekulation hin, „Kony2012“ sei nur US-Propaganda, um demnächst in Zentralafrika einfallen zu können.
Kony kann nur mit einem Militärschlag gefasst werden
Die mediale Aufmerksamkeit, die sich seit der „Kony2012“-Aktion auf den Kriegsverbrecher richtet, lässt Luis Moreno-Ocampo, Chefankläger des Internationalen Strafgerichtshof, hoffen dass Kony noch in diesem Jahr gefasst werden könne. „Diese Revolution wird in die Geschichtsbücher eingehen“, schwärmte er. Kony zu fassen, dürfte allerdings nicht mit Empörungen und „Like“-Klicks im Internet machbar sein, sondern nur mit einer militärischen Aktion. US-Spezialkräfte scheinen ihm inzwischen dicht auf den Fersen zu sein. Bei einem Militärschlag könnten aber auch Menschen der Region zu Schaden kommen. Wer die Aktion online unterstützt, sollte sich also dessen bewusst sein, dass er damit vielleicht auch einen Militärschlag befürwortet.
Lies auch meinen ersten Beitrag zur Jagd auf Joseph Kony.
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