Klaue und Zahn

Es war schrecklich. Er war in einem Chaos gefangen. Einem Chaos aus Dunkelheit, Rauch, Trümmern, Blut, Schreien und Tod. Es hatte kein Ende, alles wiederholte sich. Da durchschnitt ein noch lauterer Schrei das Chaos. Ganze fünf Sekunden brauchte er, um zu begreifen, dass es sein eigener war. Der Albtraum war vorbei. Markus setzte sich im Bett auf und stellte erleichtert fest, dass er tatsächlich wach war und sich Zuhause in seinem Zimmer befand. „Verdammt noch mal. So kann das nicht weitergehen! Was ist los mit mir?“, grummelte er bei sich, denn es war nicht das erste Mal, dass er diesen Albtraum hatte. Allerdings war er noch nie so schlimm gewesen.
  • Foto: Flickr/Abhijit Tembhakar

 

Nach dem Frühstück ging es Ihm schon besser, und er warf einen Blick in seinen Terminkalender. Er hatte noch genau drei Tage frei, denn der Betrieb bei dem er arbeitete, musste generalüberholt werden. Also hatte er jede Menge Freizeit. Markus beschäftigte sich mit seinen vielen kleinen Hobbys, und schaffte es so, den ganzen Tag stückweise zu vertrödeln. In seinem Fall war das nicht so gravierend, denn weil er alleine lebte und ziemlich ordentlich war, fiel kaum Hausarbeit an.

Als es dann dämmerte, entschloss er sich, einen Abendspaziergang zu machen. Sein Weg war lang und  als er sich wieder seiner Wohnung näherte, war es schon längst dunkel geworden. Diese Nacht hatte etwas Besonderes an sich, etwas Belebendes. Die Luft hatte so ein besonderes Aroma, aus dem er alle Gerüche seiner Umwelt herausfiltern konnte. „Unglaublich“, murmelte er, denn er hatte noch nie zuvor so gut riechen können. Und die Grillen zirpten heute auch besonders laut, fand er. Als er schon fast zu Hause war, lenkte irgendetwas seinen Blick in den wolkenverhangenen Nachthimmel. Markus beobachtete, wie eine Wolkenschicht davonzog, und den silbern leuchtenden Vollmond zum Vorschein brachte. Das Mondlicht verlieh der Nacht eine geradezu zauberhafte Atmosphäre, und … „Moment mal, irgendwas stimmt nicht.“

An das, was dann passierte, erinnerte er sich später nur noch vage. Seine Haut brannte am ganzen Körper, und es fühlte sich an, als würden seine Knochen sich biegen. Was war los? Ein Ausbruch von Rheuma? Oder hatte Ihn gerade ein Auto gerammt? Er wollte nach Hilfe schreien, aber seine Stimme versagte, und er brachte nur ein ersticktes Bellen zustande. Ein Bellen?! Er nahm die Wirklichkeit kaum noch wahr. Das Chaos aus seinen Albträumen kehrte zurück, und es war noch schrecklicher, noch realistischer. Konnte das nur ein Traum sein?

Nach einer Zeit, die ihm schier endlos vorkam, nahm er wieder erste Fetzen der Realität wahr. Sein Körper machte ihm so viele Beschwerden, dass es sinnvoller gewesen wäre, sich zu fragen, wo es nicht wehtat, anstatt andersherum. Mühsam stemmte er sich in die Höhe und war überrascht. Das Schwindelgefühl, mit dem er gerechnet hatte, blieb aus, ja er fühlte sich sogar fitter als je zuvor. Dafür aber umso verwirrter.

Erst jetzt fiel ihm auf, dass er sich gar nicht mehr in seiner Straße befand, sondern in einem Stadtteil, der ihm völlig unbekannt vorkam. Sein Blick irrte umher und blieb an etwas hängen, was ihn über die Grenzen seines Verstandes hinaus verstörte. Eine Leiche! Ein blutüberströmter Körper, der in einer grotesken Krümmung am Boden lag. Er hätte jetzt laut aufgeschrien, wenn das blanke Entsetzen ihm nicht auch noch die Kehle zugeschnürt hätte. Das Geräusch von Schritten drang aus der Dunkelheit hervor, und sie kamen auf ihn zu!

Es wurde endgültig zu viel für ihn, er rannte. Er wurde immer schneller, bis er ein so scharfes Tempo draufhatte, dass er es aus menschlicher Sicht für unmöglich halten musste. Er rannte ohne Pause, ohne Ziel. Bis seine heillose Panik von einer massiven Backsteinmauer gebremst wurde. Es war dunkel um ihn herum, aber nicht etwa, weil er bewusstlos war, sondern weil er sich in einem finsteren Raum befand. Er drehte sich um und starrte verständnislos auf das mannshohe Loch in der Wand. Er hatte sich noch nicht mal eine Verletzung zugezogen, ihm war nur ein bisschen schwindelig. Er ließ sich auf den Schutthaufen fallen, den er gerade erzeugt hatte, und registrierte ganz am Rande, dass er sich in einem abrissfälligen Gebäude befand. Er fing an seine Gedanken zu sortieren, und so blieb er liegen. Stunde, um Stunde, um Stunde.

Irgendwann konnte er wieder einigermaßen klar denken, und er beschloss, nach Hause zu gehen und die Polizei oder den Geheimdienst  oder den Psychiater oder, wer immer auch für solche Fälle zuständig war, anzurufen. Aber irgendetwas stimmte nicht; er konnte es riechen. Die Luft wurde von einem seltsamen Geruch durchzogen, der in ihm ein Gefühl von Aggression wachrief, welches er sich nicht erklären konnte. Die Geruchsquelle jedoch hatte er schnell identifiziert. Es war ein groß gewachsener Mann mit einem breiten schwarzen Hut, einem schwarzen Mantel, und da war diese seltsame Aura um ihn herum. Er trat durch das Loch in der Wand zu ihm herein und sprach:

„Da ist ja der Übeltäter… Es war nicht gerade einfach, dich zu finden!“
„Was meinen sie damit? Warum duzen sie mich? Kennen wir uns?“
„‚Sie’ ist eine Höflichkeitsform, und höflich ist man nur zu Respektspersonen, was dich auf jeden Fall ausschließt!“
„Verdammt! Was soll das Ganze?! Wer bist du überhaupt“, gab Markus zurück.
„Mein Name ist Frank, und du bist ein Mörder!!“
„Ich bin kein Mörder!!“, schrie er verzweifelt. Beide waren völlig außer sich.
„Mein Bruder wurde von einem Werwolf getötet, von einer Bestie!  Du bist die Bestie!“
„Ich… BIN KEIN-RRAAAWRRRR…!“

Jetzt verlor er erneut die Beherrschung, jedoch blieb er diesmal bei Bewusstsein. Er sprang auf Frank zu, verwandelte sich im Sprung zum Werwolf, und schlug von oben herab. Frank blockte, ächzte unter der Wucht des Hiebes, und schwang einen Aufwärtshaken, der Markus im hohen Bogen durch das Fenster nach draußen beförderte – und Frank folgte ihm. Er wollte Markus noch schlimmer zusetzen, welcher sich jetzt zu seinen Füßen krümmte. Und das hätte er auch getan, wäre das Morgengrauen nicht dazwischengekommen. Frank bemerkte, dass seine Haut im langsam intensiver werdenden Sonnenlicht anfing zu qualmen. Also rettete er sich in die Kanalisation, die in drei Schritten Entfernung wie durch Zufall einen Eingang hatte. Frank war offenbar ein Vampir, bemerkte Markus erst jetzt. „Und ich bin ein Werwolf“, murmelte er zu sich selbst und schlurfte nach Hause, „eine Bestie“.

Epilog 

Markus sog die frische Morgenluft ein, als er vor die Tür trat, und wollte gerade seinem Morgenspaziergang beginnen. Da lief ihm Frank über den Weg. Sie begrüßten sich freundlich und redeten über vergangene Ereignisse. Der Zwischenfall war nun ein Jahr her, und Frank hatte Markus erstaunlich schnell verziehen. Sie waren sogar richtig gute Freunde geworden. Und sie hatten entdeckt, wie viel Gemeinsamkeiten sie doch hatten. Da kam Markus auf eine Frage, die er sich überraschenderweise noch nie gestellt hatte:

„Sag mal, Frank, wie hast du mir damals so schnell vergeben können?“
„Weißt Du, das liegt daran, dass ich an eine große Weisheit gedacht habe, die mich daran erinnert hat, dass ich selbst schon unverzeihliche Dinge getan habe.“
„Was für eine Weisheit ist das?“, fragte Markus.
„Sie kommt in einem Gebet vor“, fuhr Frank fort, „bitte, vergib uns unsere Schuld, wie auch wir vergeben unseren Schuldigern“.

Da hatte Frank Recht, dachte Markus. Denn was aus einer Feindschaft Freundschaft macht und Versöhnung mit Gott bringt, konnte nur eine Weisheit sein.

 

Die Evangelische Nachrichtenagentur idea hat 2010 zusammen mit dem Verband Evangelischer Bekenntnisschulen erstmals einen Schülerschreibwettbewerb veranstaltet. Die Themen waren „Vergebung“ (Klassen 8-10) und „Familie“ (Klassen 11-13). Die besten Beiträge des Wettbewerbs veröffentlicht idealisten.net in den nächsten Wochen. Jason Claudet hat seinem Text „Klaue und Zahn“ am Wettbewerb der Unterstufe teilgenommen.

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