Keine Angst? Keine Angst!

Verkehrte Welt: Die Arbeitslosenquote im Mai ist die niedrigste seit 17 Jahren, der Export zieht an, die Aussichten für die kommenden Monate sind gut. Dennoch haben die Deutschen Angst vor der Zukunft. Warum?
  • Foto: Flickr/robinsoncaruso

 

Angst vor Krise und Geldverlust

50 Prozent der Wirtschaft ist Psychologie – diese Erkenntnis bewahrheitet sich in diesen Tagen mehr denn je. Immerhin glauben laut aktuellem ARD-Deutschlandtrend drei Viertel aller Bundesbürger, dass sich die Politik nicht gegen die Wirtschaft durchsetzen kann. Eine ebenso hohe Zahl meint, dass der schlimmste Teil der Krise überhaupt erst noch bevorsteht. Mehr als die Hälfte aller Befragten denkt, dass der Lebensstandard sinken wird. Und obwohl weniger als 50 Prozent der Befragten angaben, persönlich von der Krise betroffen zu sein, haben zwei Drittel Angst um ihre Ersparnisse. Pikant hierbei: Diese Annahme ist sowohl bei Gering- als auch Mittel- und Großverdienern gleich stark ausgeprägt. Wenn sogar die gutbezahlten Banker der New Yorker Wall Street und der Londoner City von heute auf morgen auf die Straße gesetzt werden, scheint offenbar alles möglich.

Ist die Angst berechtigt?

Aber das ist noch nicht alles: Gepaart wird die Angst der Deutschen mit einer großen Unzufriedenheit über die Politik der Bundesregierung. 60 Prozent der Deutschen sind mit der Arbeit der von CDU/CSU und FDP nach den aktuellen Zahlen des ZDF-Politbarometers unzufrieden. Auch das ist ein Grund für die große Zukunftsangst. Darüber hinaus zeigt eine Umfrage des Marktforschungsinstitutes GfK, dass sich die Deutschen im europäischen Vergleich auch bei den Themen Wirtschaft und wirtschaftliche Entwicklung mit Abstand die meisten Sorgen machen.

Doch viel wichtiger erscheint in diesem Zusammenhang die Frage, ob die gegenwärtige Angst überhaupt berechtigt ist? Die bloßen Zahlen sprechen eine ganz andere Sprache als die gefühlte Lage. Ein bisschen ist es wie mit dem Wetter: Die tatsächlichen Temperaturen entsprechen eher selten den gefühlten.

Deutschland und die Griechenland-Krise

Ja, Angela Merkel hat in der Griechenland-Krise fahrlässig gehandelt. Statt auf die Wahl in NRW Rücksicht zu nehmen, hätte sie viel früher in das Gebaren um eine finanzielle Rettung des Pleite-Staates eingreifen sollen. Unter dem Strich wird es nun teurer. Doch wird es auch für Deutschland teurer? Nicht unbedingt. Zum einen wird Athen die Kredite in Höhe von 22,4 Milliarden plus Zinsen (die mit 6,5 Prozent überdurchschnittlich hoch sind) an Berlin zurück überweisen und allein daran verdient die Bundesrepublik erheblich.

Zum anderen haben mehrere Untersuchungen gezeigt, dass die Griechenland-Krise Deutschland sogar nützt. Im Zuge der Euro-Krise wird es für die Bundesregierung nämlich paradoxerweise günstiger, sich am Kapitalmarkt mit frischen Krediten für den eigenen Haushalt einzudecken, der in 2010 eine Neu-Verschuldung von fast 86 Milliarden Euro aufweist. Deutschland steht damit aber im Vergleich zum Hauptrivalen Frankreich noch gut da. Das Volumen der bundesdeutschen Gesamtverschuldung von 1.800 Milliarden Euro entspricht etwa 77 Prozent der Wirtschaftsleistung. Vereinfacht gesagt müssten Deutsche ein dreiviertel Jahr  arbeiten, um diese Schulden abzuzahlen. Frankreich hingegen weist eine Quote von nahezu 90 Prozent auf. Die Finanzmärkte denken nicht in absoluten Schuldenzahlen sondern analysieren die Bonität einzelner Länder. Das Paradoxe: Deutschland gilt deshalb als solide und kann seine Staatsanleihen zu einem außergewöhnlich niedrigen Zinssatz beleihen.

Vertrauen in Politik nicht verlieren

Gerade jetzt zeigt sich aber auch, dass Deutschland ohne die Sozialstaatsreformen der Agenda 2010 samt Hartz wirtschaftlich erheblich schlechter da stünde. Das heißt im Umkehrschluss aber nicht, dass es Grund zu grenzenlosen Optimismus gibt – solch eine Einstellung wäre für viele Bundesbürger sowieso eine sehr befremdliche Eigenart. Vielmehr sollte niemand das Vertrauen in die Politik verlieren. Sie ist nach wie vor das einzige Mittel, das die Märkte kontrollieren kann. Die auf den Weg gebrachten Finanzreformen sind ein wichtiger Schritt.

Um es mit einem liberalen Mantra zu halten: Das schlimmste, was Deutschland jetzt passieren kann, wäre, dass Menschen vor lauter Angst ihr Geld nicht mehr ausgeben und nur noch sparen. Dann beginnt ein Teufelskreis mit nicht absehbaren Konsequenzen.

Nicht nur Lena macht Mut

Bei all der Angst, hat uns in jüngster Vergangenheit jemand gezeigt, wie es auch anders geht. Vielleicht sollte sich manch einer an Lena Meyer-Landrut ein Beispiel nehmen. Unbekümmert, neugierig, fröhlich und frech ist sie. Und seien wir ehrlich: Jeder will insgeheim irgendwie ein bisschen sein wie sie. Und dann sind da ja auch noch harte Fakten, die ganz klar für Optimismus sprechen: Im Mai wurden 3,242 Millionen Arbeitslose registriert. Das sind so wenig wie in keinem Vergleichsmonat seit 1992 mehr. Also Deutschland: Es geht auch anders. Keine Angst.

 

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1 Kommentar wurden bereits abgegeben

  • 1.  
    schrieb am 01.02.2011 16:05

    "Die bloßen Zahlen sprechen eine ganz andere Sprache als die gefühlte Lage."

     

    Das halte ich für selektive Wahrnehmung. Ich möchte da mal ein paar andere Fakten ins Feld führen:

     

    Die gesamte Weltwirtschaft befindet sich auf sehr dünnem Eis. Das hat im wesentlichen drei Ursachen:

    1. Die enorme öffentliche Verschuldung der großen Industrienationen USA und Europa.

    2. Die Verknappung der Rohstoffe.

    3. Die großen privaten Vermögen.

     

    Die enorme Verschuldung der öffentlichen und vieler privater Haushalte kann nur durch ein entsprechendes Wirtschaftswachstum abgetragen werden. Aber weder im Jahr 2008, als die Weltwirtschaft boomte, noch im Jahr 2010, als die Wirtschaft so stark wuchs wie noch nie seit der Wiedervereinigung gelang es, die Verschuldung zu senken. Daraus folgt, die Vorstellung, die Schulden könnten durch Wirtschaftswachstum abgetragen werden, ist illusorisch.

     

    Im Gegenteil: die Wirtschaft kann nur noch dann wachsen, wenn der Staat sich verschuldet. Siehe dazu www.zeit.de/wirtschaft/2011-01/interview-binswanger.

     

    Dazu kommt, dass die Wirtschaft Rohstoffe braucht, um wachsen zu können. Der wichtigste Rohstoff dabei ist Öl. Die Wirtschaft kann gar nicht stärker wachsen als die Ölfördermenge. Das Problem ist nur: die Ölfördermenge kann nicht mehr wachsen. Peak-Oil ist erreicht. Das lässt sich daran erkennen, dass 2008, als die Preise für Rohöl Rekordwerte erreichten, die Fördermenge dennoch nicht gestiegen ist, obwohl genügend Anreiz dazu da war, mehr zu fördern.

     

    Es ist also nicht damit zu rechnen, dass die Wirtschaft jemals stark genug wachsen wird, um damit die Staatsschulden abtragen zu können.

     

    Die Frage, die sich dann stellt ist: weshalb bekommt der Staat dann überhaupt noch Kredit?

     

    Das liegt an den enormen privaten Vermögen, die in den letzten 30 Jahren angehäuft wurden. Die suchen Rendite, und die gibt es nur in funktionierenden Volkswirtschaften. Und weil Deutschlands Volkswirtschaft noch funktioniert, bekommt Deutschland noch Kredit. Das funktioniert so nach dem Motto: "Uns geht's schlecht, aber den anderen geht's noch schlechter".

     

    Und damit sind wir wieder am Ausgangspunkt, der Staatsverschuldung, und folglich in einem Teufelskreis angelangt, der zwangsläufig irgendwann in eine Katastrophe münden muss - es sei denn, die Politik findet den Mut zu tiefgreifenden Reformen.

     

    Mehr dazu in meinem Kommentar zu www.idealisten.net/beitrag/article/die-reichen-bitte-zur-kasse.html.

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