Kaum zu ersetzen

Mehr als 50 Jahre lang waren „Zivis“ unverzichtbar in Krankenhäusern, Altenheimen oder Jugendherbergen. Doch die Bundesregierung hat die Wehrpflicht zum 1. Januar 2011 ausgesetzt – und den Zivildienst als Alternative dazu gleich mit. Welche Probleme bringt das Ende dieser Ära mit sich und was für Alternativen gibt es zum neuen Bundesfreiwilligendienst?
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Am 3. Januar wurden die letzten Wehrpflichtigen eingezogen, zum nächsten und letzten Termin im März werden nur noch Freiwillige verpflichtet. Danach ist die über fünfzigjährige Geschichte der Zivildienstleistenden in Deutschland vorbei. Die Jugendherbergen müssen sich nach anderen umschauen, die Tee ausschenken, die Altenheime überlegen, wer Oma und Opa zum Arzt fährt, und die Krankenhäuser brauchen mehr Personal für die Versorgung und Betreuung der Patienten.

Die sozialen Einrichtungen in Deutschland werden es ab jetzt wesentlich schwerer haben. Einige Arbeiten, die bisher von Zivis verrichtet wurden, müssen in Zukunft besser bezahlte Arbeitskräfte übernehmen. Anderes wird einfach wegfallen. Ein Zivi ist weniger eingebunden in die Hektik des Arbeitsalltags, kann sich intensiver um die Menschen kümmern oder ihnen einfach zuhören. Sobald diese Arbeit nun von voll bezahlten Kräften übernommen wird, nimmt der Druck – immer effizienter zu arbeiten – deutlich zu.

Keine Zeit mehr, seine Begabungen zu entdecken

Leiden werden darunter die Patienten in den Krankenhäusern, die Senioren in den Altenheimen, die behinderten Kinder in den Schulen. Aber auch die Jugendlichen selbst gehören zu den Leidtragenden dieser Entscheidung. Natürlich haben die jungen Männer jetzt mehr Zeit, müssen nicht mehr wie bisher sechs oder wie noch vor kurzem neun Monate ihres Lebens für den Dienst an der Waffe oder am Menschen opfern. Stattdessen reihen sie sich erneut ein, laufen im Marschschritt und ohne Verschnaufpause auf den modularisierten Hochschulabschluss zu.

Dabei könnten sie nach der Schule ein Jahr oder ein paar Monate Freiraum gut gebrauchen, um sich selbst und ihren Weg in die Zukunft zu finden. Wie viele Jugendliche wissen denn heute schon, was genau sie nach dem Schulabschluss machen wollen? Wie sollen sie ihre Begabung für den Umgang mit Menschen entdecken, die sie zu einem Studium der Sozialpädagogik, des Lehramtes oder einer Ausbildung als Krankenpfleger bringen könnte, wenn sie keine Zeit mehr haben, um sich auszuprobieren?

62.475 Zivis sind nicht ersetzbar

Bundesfamilienministerin Kristina Schröder (CDU) weiß, dass man die gut 60.000 Zivis nicht ersetzen kann. Sie hofft, dass sich für den neu geschaffenen Bundesfreiwilligendienst zumindest 35.000 Freiwillige finden, die die sozialen Einrichtungen im Land vor dem völligen Verlust ihrer Helfer bewahren. Immerhin muss man nicht Anfang 20, durchtrainiert und allergiefrei sein, um in den Freiwilligendienst, der ab dem 1. Juli starten soll, zu kommen. Schröder sieht keine Altersgrenzen vor: Auch Rentner können sich für ein gesellschaftliches Engagement verpflichten. Zwischen 6 und 24 Monate sollen die Einsätze dauern. Die Rahmenbedingungen sind jedoch noch nicht fixiert, der Bundesrat muss dem Gesetzesentwurf erst noch zustimmen.

Vom Freiwilligen Jahr profitieren

Schulabgänger haben neben dem Bundesfreiwilligendienst weiterhin die Möglichkeit, in einem Freiwilligen Sozialen Jahr (FSJ) oder einem Freiwilligen Ökologischen Jahr (FÖJ) ein wenig ihrer Zeit für die Bedürftigen zu geben. Dabei profitieren sie selbst am meisten. Denn FSJ und FÖJ bieten nicht nur die Chance zu persönlicher und beruflicher Orientierung. In einigen Bereichen zählt der Einsatz sogar als berufsbildendes Praktikum: So kann man sich ein FSJ in einem Krankenhaus beispielsweise für eine Pflegeausbildung anrechnen lassen oder mit dem Freiwilligen Jahr Wartesemes­ter überbrücken. Denn dass die Hochschulen und Universitäten in den kommenden Jahren aufgrund doppelter Abiturjahrgänge durch die Umstellung auf das „Turbo-Abi“ sowie das Ende des Zivildienstes völlig überfüllt sein werden, ist so gut wie sicher.

Infos zum Freiwilligen Jahr bieten www.zivil.de oder www.bundes-freiwilligendienst.de

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