Käßman(n)ia auf dem Kirchentag

Die Spannung wächst von Minute zu Minute. Gleich wird sie kommen, das Gesicht des Kirchentags! Fast alles scheint sich um sie zu drehen: Wo redet sie, wann tritt sie auf, von welcher Seite wird sie kommen? Und auf einmal ist es soweit: Margot Käßmann biegt um die linke Ecke des Medienzelts der EKD. Applaus brandet auf.
  • Wie ein Feldherr: Margot Käßmann auf dem Weg zum "Roten Sofa". Foto: Privat

 

Erschrocken und glücklich zugleich sind die Gesichter der erwartungsvollen Kirchentagsbesucher, die meist über 50 Jahre alt sind und vor allem weiblich – so wie ihr Idol. Urplötzlich ihr so nahe zu sein... Die „Käßman(n)ia“ erreicht ihren vorläufigen Höhepunkt.

Die ehemalige Bischöfin und ehemalige Ratsvorsitzende der EKD wird euphorisch vom Moderator angekündigt: „Hier ist und bleibt DAS Gesicht des Kirchentags, Margot Käßmann!“ Wie ein erfolgreicher Feldherr durchschreitet sie winkend die Zuschauerreihen. Nachdem das Auditorium ihr ein Ständchen zum 53. Geburtstag gesungen hat, nimmt sie gewohnt souverän auf dem „Roten Sofa“ Platz. Die Enttäuschung ist groß, als die Zuschauer vor dem Zelt das Übertragungsbild vermissen – Ton allein reicht eben nicht. Dass sie aber gerade das wahre Glück erleben - im Freien bei angenehmen Temperaturen dem Star des Kirchentags lauschen zu dürfen – ahnen sie nicht. Die Klimaanlage machte schlapp und so drängten sich rund 300 Besucher in das rund 45 Grad (!) heiße Medienzelt. Aber den echten Kirchentagsbesucher kann eben nichts schrecken.

Inhaltlich gab es wenig Neues: Krieg in Afghanistan („lieber gemeinsam mit den Taliban beten, statt Tanklaster in Kunduz bombardieren“), sie lebt ein ganz normales Leben („ich bin keine moralische Autorität“), Brüche gehören zum Leben („der christliche Glaube hält einen durch Höhen und Tiefen“) und sie dankt den Sachsen für ihren Mut, das DDR-Regime mit ausgehebelt zu haben. Gewohnt authentisch, gewohnt wortgewandt und schlagfertig beantwortet sie die harmlosen Fragen des Moderators. Witzigster Höhepunkt ihre Antwort auf die Frage, wie ihre Pläne denn in der Kirche aussähen würden: „Ich bin ja in der Kirche." Beruhigend noch ihr Versprechen, nicht als Moderatorin in Radio und/oder Fernsehen dauerpräsent sein zu wollen. Das Angebot, einmal mit Giovanni di Lorenzo „3nach9“ zu moderieren, hätte sie aber nicht ausschlagen können. Gut, dass die Autogrammjägerinnen sich einigermaßen im Zaun halten konnten und nicht sofort die Bühne überrannten. Das nervöse Zucken und Füße scharren war überall spürbar.

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