Joannas Briefe an Gott

Joanna ist total verknallt in Steve. Der aber interessiert sich nur für ihre Freundin Katja. Wenigstens im Chat kann sie – als „Katja“ getarnt – seine Aufmerksamkeit gewinnen. Doch was denkt Gott darüber? Schließlich will Joanna so leben, wie es ihm gefallt. Also schreibt sie ihm Briefe. Und Gott antwortet. Allerdings nicht immer so, wie sich Joanna das denkt.
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Sommer 2005 

Lieber Gott,
ich übergebe dir hiermit mein ganzes Leben. Ich weiß, dass ich vor dir schuldig bin und habe erkannt, dass ich dich brauche. Bevor ich dich kannte, habe ich Dinge getan, die dir nicht gefallen. Diese Freizeit hat mir die Augen geöffnet. Ich habe dich als Heiland angenommen. Darum bitte ich dich, mir meine Schuld zu vergeben, denn sie passt nicht mit deiner Herrlichkeit zusammen. Du hast gesagt, wer zu dir kommt, den stößt du nicht hinaus. Hier bin ich nun und lege dir den ganzen Schrott der letzten vierzehn Jahre hin. Bitte vergib mir. Komm in mein Leben und lehre mich deine Wege. Hilf mir, mit der neuen Entscheidung so umzugehen, wie du es dir wünschst. Ich danke dir für deine Liebe.
Deine Joanna

Mein liebes Kind,
willkommen in der Familie! Ich habe schon jahrelang sehnsüchtig auf dich gewartet. Du kannst dir nicht vorstellen, wie ich mich darüber gefreut habe, dass du zu mir gekommen bist. Gerne vergeb ich dir! Wenn du mich in deinem Herzen wohnen lässt, verspreche ich, immer für dich da zu sein. Auch wenn alle anderen dich verlassen. Komm zu mir, wenn du Kummer und Sorgen hast. Ich habe jederzeit ein offenes Ohr für dich. Wie du richtig erkannt hast, passt Sünde nicht zu mir. Damit sie unsere Beziehung nicht verhindert, gib sie mir. Ich bin kein Gott, der Strichliste führt. Ich habe dich sehr lieb und möchte dich nicht unter Druck setzen.
Dein himmlischer Vater

Herbst 2005

Oh Gott,
ich hab alles versaut! Meine ganzen Vorsätze vom Sommer sind im Eimer. Dabei wollte ich nicht mehr ausrasten, wenn meine Schwester meine Schminke klaut, und ich wollte netter zu meinen Eltern sein, aber … Es fällt mir so schwer. Ich hatte gerade ziemlich Zoff. Das tut mir so leid! Vielleicht sollte ich einen Neuanfang machen. Ab morgen, das schwör ich dir, werde ich versuchen, die Ruhe in Person zu sein. Außerdem werde ich keine Hausaufgaben mehr abschreiben und nach der Schule nicht so lange rumtrödeln. Dann bist du bestimmt bald wieder zufrieden mit mir. Bitte veränder mich!
Joanna

Liebe Joanna,
du hast recht: Ich bin nicht zufrieden. Aber aus einem anderen Grund. Warum glaubst du, von vorne anfangen zu müssen? Das hast du doch schon hinter dir. Was jetzt zählt, ist ein wenig Geduld. Natürlich will ich dich verändern, aber meinst du nicht auch, dass das Zeit braucht? Was würden deine Freunde denken, wenn du von einem Tag auf den anderen nicht mehr die Joanna bist, die sie kennen? Glaub mir, das wäre gar nicht gut. Und nun zu deinem Problem: Deine Vorsätze in Ehren, aber ich denke nicht, dass du sie durchhältst. Vor allem, weil es so viele sind. Nimm dir doch stattdessen eine Sache vor oder zwei. Ich unterstütze dich gerne, das weißt du. Im Übrigen hast du gesagt, dass du mit deinen guten Taten die schlechten aufbessern willst. Du musst kein Karma sammeln. Ich schicke dich auch nicht ins Fegefeuer. Mein Sohn hat schon alles getan! Du kannst mich nicht mit guten Werken beeindrucken. Das ist nicht nötig. Komm einfach zu mir und lass dir Gnade schenken. Bitte mich und ich werde dir geben. Das tu ich nämlich gerne für dich. Gott

Winter 2005

Hi Gott,
hab vielen Dank für deine Hilfe bei Mathe! Ohne dich hätt ich den Test nicht gepackt. Es wird immer besser mit meinem Leben. Seitdem du da bist, fühle ich mich nicht mehr so allein. Mit meiner Clique läuft alles bestens. Selbst mit meiner Familie streite ich nicht mehr so oft. Echt cool, dass du mich verändert hast! Jetzt kann ich deine Liebe richtig spüren. Bitte, bitte, bitte nimm mir das tolle Gefühl nicht wieder weg! Ich hab keinen Bock auf mein altes Leben, als ich ständig an mir rumgenörgelt habe. Gerade heute kam mir der Gedanke, dass ich dir immer ähnlicher werde …
Deine überglückliche Joanna

Mein Mädchen,
ich freue mich, dass es dir so gutgeht! Doch meinst du nicht, das liegt eher daran, dass du gerade im Chatroom mit Steve ein Gespräch hattest? Ich weiß, dass du schon seit längerem versuchst, ihm näherzukommen, und dass du dich schlecht gefühlt hast, weil er sich nie für dich interessiert hat. Du bist im Moment aufgedreht, weil er dir das erste Mal Aufmerksamkeit geschenkt hat. Natürlich habe ich dich schon verändert und ich bin stolz auf deine Lernbereitschaft. Aber es liegt noch ein gutes Stück vor uns. Ist dir aufgefallen, dass du mir gar keine Sünde bekannt hast? Du bist nicht ohne Schuld, obwohl ich es wünschte. Bis zu unserem Treffen von Angesicht zu Angesicht wirst du Fehler machen. Ich habe das alles auf mich geladen. Du bist frei. Trotzdem möchte ich, dass du deine Sünden bekennst und um Entschuldigung bittest. Meine Vergebung ist schließlich keine Freikarte! Zum Beispiel hast du dich heute im Chat nicht als Joanna angemeldet, sondern als deine Freundin Katja. Das war eine Lüge. Du wolltest, dass Steve dir zurückschreibt, weil er angeblich auf Katja steht. Da hast du seine Gefühle ausgenutzt. Außerdem hast du über Gina gelästert, die du als Konkurrentin ausschalten wolltest. Dabei verstehst du dich in der Schule gut mit ihr. Wem willst du was vormachen? Das hast du doch gar nicht nötig. Ich liebe dich, wie du bist! Du musst dich nicht verstellen. Komm einfach vor mich und gib deine Verfehlungen ab. Dann wirst du dich besser fühlen, als wenn du mit Steve im Internet flirtest.
Der, der dich immer liebhat

Frühling 2006

Gott,
ich könnte ausrasten! Dieser gemeine Manuel hat heute in der Pause voll über mich hergezogen. Steve hat mich ausgelacht. Das hat so wehgetan! Hab als Rache wieder als Katja im Chat mit ihm geschrieben. Er merkt das gar nicht. Aber ich weiß ja, dass es dir nicht gefällt. Ich kann irgendwie nicht mehr aufhören … Vergib mir bitte deswegen und hilf mir, davon wegzukommen. Du willst ja nicht, dass wir lügen. Das habe ich verstanden. Aber Steves Worte waren wie Balsam für meine Seele, nachdem Manuel mich so geärgert hat. Das macht Manuel schon seit der Grundschule. Ohne Grund! Bestraf ihn doch. Der hat das echt verdient. Manchmal entwickle ich richtigen Hass auf ihn. Ich kann mich nicht gegen ihn wehren, weil er viel schlagfertiger und selbstbewusster ist als ich. Aber wenn du eingreifen würdest … Dir gefällt es bestimmt nicht, wie er mich behandelt. Bitte tu was, sonst dreh ich durch!
Joanna

Liebes Kind,
es tut mir weh, dich so verbittert zu hören. Wenn meine Kinder traurig sind, bin ich es auch. Aber dein Hass macht mich auch traurig. Manuel kennt mich nicht und er wehrt sich dagegen zu erkennen, wie weh es anderen tut, wenn er sie beleidigt. Du bist nicht die Einzige, über die er lacht, auch wenn es dir so vorkommt. Und ich allein weiß, warum er das tut. Ich will ihn natürlich nicht verteidigen. Er sündigt ja gegen mich. Trotzdem habe ich ihn lieb und ich wünsche mir nichts mehr, als dass er mich kennenlernt! Weißt du was? Du könntest für ihn beten. Ich werde dir zuhören. Und dann warte ab. Erinnerst du dich eigentlich daran, was du sonntags im Vaterunser betest? „Vergib uns unsere Schuld, wie auch wie vergeben unseren Schuldigern …“ Wie kann ich dir vergeben, wenn du nicht selbst vergeben kannst? Denk mal darüber nach.
Dein Vater im Himmel

Herbst 2006

Hallo Gott,
du musst mir glauben! Ich tu wirklich alles, um nicht verbittert zu werden. Warum stellst du mich auf eine solch harte Probe? Ich bete mehr oder weniger regelmäßig für Manuel, aber er ist immer noch so wie vor einem halben Jahr. Fast jede Woche muss ich mir anhören, wie schlecht ich in der Schule bin oder wie hässlich ich aussehe. Zum Glück lacht Steve nicht mehr so oft darüber … Trotzdem sinkt mein Selbstbewusstsein ganz schön in den Keller. Richtig wohl fühle ich mich nur in meiner Clique. Da kann er nicht so laut rumschreien, weil Katja und Gina da sind und Steve ihm deshalb sagt, er soll sich nicht danebenbenehmen. Aber er fährt mit demselben Bus heim wie ich. Dann klopft er immer so fiese Sprüche. Bin froh, wenn ich aus dem Bus komme und er weiterfährt. Ich möchte ihm ja gerne vergeben. Warum fällt es mir so schwer?
Gruß, Joanna

Geliebte Joanna,
mittlerweile lädst du deine Sorgen und Nöte bei mir ab. Das ist gut so! Glaub mir, bei mir sind sie gut aufgehoben, weil ich sie ernst nehme. Schön ist, dass du prinzipiell bereit bist, Manuel zu vergeben. Wieso knüpfst du diese Bereitschaft an Bedingungen? Habe ich das getan, als ich meinen Sohn auf die Erde schickte? Stell dir mal vor, ich hätte gesagt: „Ja, ich errette euch, aber erst, wenn ihr das und das macht.“ Nein! Liebe und Vergebung kennen kein „Aber“. Dieses Wort benutzt du oft. Versuch mal, Dinge zu tun, ohne etwas zu verlangen. Das nenne ich Demut. Kennst du eigentlich die Geschichte von meinem Sohn, als seine Jünger ihn fragten: „Wie oft muss ich meinem Schuldiger vergeben? Sieben Mal?“ Und mein Sohn antwortete: „Sieben mal siebzig Mal.“ Du musst jetzt keine Strichliste führen, wie oft du vergibst, und nach dem vierhundertneunzigsten Mal sagst du: „Ab jetzt nicht mehr!“ Das ist so gemeint: Sieben ist für mich die Zahl der Vollkommenheit. Das heißt, du sollst vollkommen oft vergeben. Ich weiß, dass es dir schwerfällt, doch vertrau darauf, dass ich dich unterstützen werde!
Dein liebender Vater

Winter 2006

Mein Gott,
ich könnt mich … Es tut mir wahnsinnig leid! Ich hatte geglaubt, ich hätte es geschafft, und dann fall ich heute wieder. Entschuldigung, dass ich dir Kummer mache. Ich bin echt wütend auf mich. Dabei hatte ich mir fest vorgenommen, nicht mehr mit Steve zu chatten. Eine Zeit lang hab ich es ja auch hingekriegt und nun das. Er weiß immer noch nicht, dass er gar nicht mit Katja flirtet, sondern mit mir. Hoffentlich bekommt er es nie raus! Was ich eigentlich sagen will: Ich bereu es wirklich, dich mit demselben Schrott belasten zu müssen. Bitte, vergib mir! Ich brauche deine Hilfe, um das loszuwerden.
Joanna

Meine Joanna,
was meinst du mit „schon wieder“? Ich kann mich nicht daran erinnern, dass du je mit Steve gechattet hast vor heute. Das verzeih ich dir, keine Frage. Du benimmst dich echt vorbildhaft, wenn es darum geht, Sünde zu bekennen. Hast du eine Ahnung, was ich mit den Sünden mache? In meinem Wort sage ich, dass ich sie ins tiefste Meer werfe, wo sie keiner mehr rausholen kann. In anderen Worten könnte man es mit „vergeben und vergessen“ ausdrücken. Ich gedenke der Schuld nicht mehr. Sie sind aus meinem Gedächtnis gelöscht und ich greife sie nicht mehr auf, um sie dir unter die Nase zu halten. Das machst du von dir aus und es macht dich unglücklich. Lass es los. Gib es mir.
In Liebe, dein Gott

Sommer 2007

Vater,
erhöre mich! Es ist passiert. Das, was ich befürchtet habe. Wie peinlich das alles ist. Kannst du mich nicht entrücken? In der Pause kam Steve zu Katja und hat sie gefragt, ob sie mit ihm gehen will. Sie hatte keine Ahnung, warum er sie fragte. Sie wusste ja nichts von meinen Chats und hat ihn zurückgewiesen. Er hat nachgehakt, ob das im Chat denn nichts für sie bedeutete. Und dann habe ich es ihnen gebeichtet. Der ganzen Clique. Ich habe mich tausend Mal entschuldigt. Aber sie haben sich von mir abgewandt. Manuel hat mich ausgelacht. Katja und Gina wollen nichts mehr mit mir zu tun haben. Steve erst recht nicht. Er ist voll sauer auf mich. Ich bin bei allen unten durch. So kann ich mich doch nicht mehr in der Kirche sehen lassen, wo es auch die anderen Mädchen vom Schulhof mitbekommen haben. Das Schlimmste ist, dass ich jetzt keine Freunde mehr habe. Meine Clique war alles! Wer will sich jetzt noch mit mir anfreunden?
Joanna

Geliebte Joanna,
ich fühle deinen Schmerz. Es ist nicht einfach zu sehen, wie sich nach und nach alle von dir abwenden. Dein Betrug hat sie misstrauisch gemacht und es wird dauern, bis sie sich dir wieder annähern. Aber du musst keine Angst haben, alleine zu sein. Es gibt genug andere Mädchen, mit denen du dich anfreunden kannst. Nicht jeder, der das mitbekommen hat, will über dich herziehen. Du solltest dich nicht zu sehr an deine Clique klammern und dadurch allen anderen keine Chance lassen, deine Freundin zu werden. Auch die Gemeinde ist nicht dazu da, um dich fertigzumachen, sondern um dich aufzubauen. Und ich bin immer für dich da. Vergiss das nie! Ich möchte dir durch diese Krise helfen und dich halten. Doch ich möchte auch, dass du aus deinen Fehlern lernst und die Folgen für das trägst, was du angerichtet hast. Sei stark, mein Kind. Ich gebe dir Kraft. Und ich bin stolz auf deine Ehrlichkeit, als sie angebracht war. Mit der größten Liebe, die es gibt …
Dein ewiger Vater

Die Evangelische Nachrichtenagentur idea hat zusammen mit dem Verband Evangelischer Bekenntnisschulen erstmals einen Schülerschreibwettbewerb veranstaltet. Die Themen waren „Vergebung“ (Klassen 8-10) und „Familie“ (Klassen 11-13). Die besten Beiträge des Wettbewerbs veröffentlicht idealisten.net in den nächsten Wochen. Mit ihrem Briefwechsel zwischen Joanna und Gott belegte Christina Drechsel Platz 1 unter den Oberstufenschülern.

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