Kirchenaustritt nach den Missbrauchsfällen?
Anfang des Jahres machten erste Missbrauchsfälle katholischer Patres gegenüber ihren Schülern die Runde. Innerhalb weniger Tage häuften sich die Vorwürfe. Einige Wochen später werden Missbrauchsfälle in evangelischen Schulen bekannt. Und auch die Fälle bei den Freikirchen sorgen dafür, dass sie nicht besser dastehen. Und so fragt man sich als Kirchgänger zurecht „Wie lange muss ich das noch mitmachen und ist es nicht schon längst überfällig, dass ich austrete?“
Die Verunsicherung wächst
All die Berichte von Geistlichen, die ihre Autorität und ihr Amt missbrauchen, um sich Befriedigung zu verschaffen, lassen nicht nur bei jungen Menschen die Frage aufkochen: „Kann ich mich noch sicher fühlen?“ Wenn selbst die obersten Geistlichen sich so verhalten als wüssten sie nicht zwischen Recht und Unrecht zu unterscheiden, wer lebt den Glauben dann noch wahrhaftig? Wer ist noch ehrlich? Wo finde ich überhaupt noch Glauben in Reinform? In der Kirche scheinbar nicht. Also müssen Konsequenzen her. Doch welche Optionen bleiben? Gehen oder bleiben!
Gehen oder bleiben! - gar nicht so einfach
Aber sind wir mal ehrlich: Gehen oder bleiben klingt irgendwie leichter als es ist. Auf der einen Seite steht die Unsicherheit und der Unwille eine so kaputte Kirche weiter zu unterstützen. Auf der anderen Seite steht die Sehnsucht nach einem geistlichen Zuhause, einem Ort wo man sich fallen lassen und mit den Menschen über Gott und die Welt reden kann.
Um der Unsicherheit zu trotzen und der Kirche ein neues Gesicht zu geben, bedarf es der Christen, die sich mutig und mit Charakter gegen das Unrecht stellen und das Wort Gottes als Wahrheit bekennen.
Ja, die Verbrechen in den Kirchen machen uns Angst. Doch nur mit Menschen, die wieder beginnen Glauben ehrlich zu leben, ist es möglich auch unseren Mitmenschen diese Angst zu nehmen.
Erschüttert über Hartherzigkeit und Egoismus
Ja, wir sind erschüttert über so viel Hartherzigkeit und Egoismus, die sich im Missbrauch ausdrücken. Doch die Menschen um uns herum werden das wahre Wesen Gottes nicht kennenlernen, wenn es nicht Christen gibt, die dieser Unbarmherzigkeit trotzen und mit ihrem Leben Gott spiegeln.
Gott muss in unseren Kirchen wieder in den Mittelpunkt gestellt werden. Erst wenn das geschieht wird Kirche wieder möglich. Kirche, wie Jesus sie sich gedacht hat. Mit ehrlicher Gemeinschaft. Wie traurig sähe es um unsere Kirchen aus, wenn all diejenigen, die ihren Glauben leben möchten und ein ausgeprägtes Unrechtsbewusstsein haben, ihrer Kirche den Rücken kehren würden.
Wir brauchen heilende Gemeinschaft
Letztlich brauchen wir als Gläubige Gemeinschaft. Denn wo ehrliche Gemeinschaft stattfindet, werden Mauern niedergerissen, Masken abgelegt und Türen geöffnet. In der Gemeinschaft der Christen kommt Gott mir im Anderen ganz nah. Der Andere wird für mich und ich für ihn zum Segen. In ehrlicher Gemeinschaft kann aus Hass Liebe werde. Vergebung macht die Herzen weich.
Ob wir diese Gemeinschaft nun Kirche, Gemeinde, Versammlung, Hauskreis, Hauskirche oder sonst wie nennen - sie bleibt für den Gläubigen ein unvergleichlicher Schatz.
Gemeinschaft bleibt fehlbar
Selbst wenn wir der Kirche, zu der wir bisher gehörten, den Rücken kehren, so werden wir uns doch nach anderen Gemeinschaften umschauen. Und egal in welche andere christliche Gemeinschaft wir uns begeben, um Glauben zu leben - Menschen werden fehlerhaft bleiben. Und dann ist es nur eine Frage der Zeit, bis auch in den neuen Gemeinschaften Dinge geschehen, die uns zutiefst erschüttern. Sei es körperlicher, seelischer oder geistlicher Missbrauch oder irgendeine andere Art der Lieblosigkeit und Unbarmherzigkeit.
Dort wo Menschen versagen, sich nicht ganz unter Gottes Schutz stellen oder sich mehr um sich als um die Anderen drehen entstehen Enttäuschungen.
Ehrliche Gemeinschaft überwindet die Enttäuschung
Doch dürfen wir nicht bei diesen Enttäuschungen stehen bleiben. Im Gegenteil: Es geht darum zu entdecken, wie sehr wir dadurch beschenkt sind, dass wir in Gemeinschaft leben dürfen. Und so sollten wir beginnen all die Enttäuschungen, die durch die Missbrauchsfälle entstanden sind, durch ehrliche Gemeinschaft zu überwinden. Durch echte Gemeinschaft und Liebe untereinander sollten wir unseren Kirchen ein neues Gesicht geben. So, dass den Menschen nicht die Hartherzigkeit und Unmenschlichkeit einiger Geistlicher im Gedächtnis bleibt, sondern die Herzlichkeit und Liebe, die wahre Christen bereit sind in ihren Kirchen zu leben.
Bleiben und einen Unterschied machen
Deshalb wünsche ich mir, dass nicht die Fehlbarkeit Einzelner uns dazu verleitet unseren Kirchen den Rücken zu kehren. Das Fehlverhalten einzelner großer Kirchenleute darf nicht dazu führen, dass wir Gemeinde Gottes an sich als gescheitert erklären. Wenn wir unseren Glauben in Gemeinschaft leben dann kommen wir an Kirchen - welcher Form auch immer - nicht vorbei. Und diese Gemeinschaften werden fehlbar bleiben.
Doch wir sind diejenigen, die den Unterschied machen dürfen und können. Echte und ehrliche Gemeinschaft ist möglich - daran werden auch einzelne fehlgeleitete Geistliche nichts ändern. Also bleib und sei Kirche!


