Arbeiter aus EU-Krisenstaaten anwerben?
Deutschland im Aufschwung: Mehr als bei anderen EU-Staaten wächst die Wirtschaftsleistung der Bundesrepublik, während andere Staaten schwächeln. Die Bundesagentur für Arbeit sucht aus diesen Gründen im Moment gezielt nach Arbeitskräften aus Krisenstaaten. Ist das moralisch? Ja.
Deutschland – einsamer Spitzenreiter beim Wirtschaftswachstum
Auch wenn die aktuell veröffentlichten Zahlen etwas anderes vermuten lassen: Die wirtschaftlichen Zeichen stehen in Deutschland stark auf Wachstum. Forscher trauen der Bundesrepublik laut Manager Magazin in diesem Jahr sogar einen Zuwachs von satten 4 Prozent zu. Damit ist Deutschland erfolgreicher, aber einsamer Spitzenreiter in Europa: Vor wenigen Wochen erst haben andere europäische Staaten ihre Zahlen bekanntgeben: Darunter finden sich 0,8 Prozent in Griechenland, 0,5 Prozent in Großbritannien und 0,3 Prozent in Spanien. Ein nachhaltiger Aufschwung sieht anders aus.
Den Aufschwung langfristig sichern
Diesen Umstand macht sich die Bundesagentur für Arbeit derzeit zu nutze. Sie wirbt gezielt um Mediziner, Ingenieure und IT-Spezialisten, um den hiesigen Mangel an qualifizierten Arbeitskräften abzufedern. Neben dem internationalen Warenverkehr nun die verstärkte Arbeitsplatzmigration. Weil in Deutschland nicht genügend Fachkräfte ausgebildet werden, will man das Problem durch den Zuzug von qualifiziertem Fachpersonal aus anderen EU-Staaten lösen und damit Deutschlands Aufschwung langfristig sichern.
17.000 Spanier an Arbeit in Deutschland interessiert
Ob spanische Ärzte, portugiesische Pflegekräfte oder griechische Computerexperten: Da die Arbeitslosigkeit aufgrund von schwachen Wirtschaftsdaten in vielen südeuropäischen Ländern nach wie vor überdurchschnittlich hoch liegt, gibt es durchaus ein hohes Potential an Menschen, die für eine Stelle in die Bundesrepublik ziehen würden. Die Bundesagentur für Arbeit spricht alleine von 17.000 Spaniern, die grundsätzlich an einer Arbeit in Deutschland Interesse hätten.
Zuerst an den deutschen Arbeitsmarkt denken?
Kritik kommt unter anderem von der Linkspartei. Sie fordert, dass zunächst einmal das Potential des hiesigen Arbeitsmarktes ausgeschöpft werden müsse, bevor man Arbeitnehmer aus dem Ausland in die Bundesrepublik holt.
Auch wenn dieses populistische Argument sicherlich bei einigen Beteiligten Anklang findet, lässt es im Kern doch eine wichtige Tatsache außer Acht: Vor mehr als fünfzig Jahren sorgte eine massive Arbeiterbewegung vom wirtschaftlich schwachen Süden in den starken Norden nicht nur für eine große Migrationswelle. Vielmehr schaffte diese Entwicklung etwas, was heute ein zentraler Aspekt der Europäischen Union ist: Offenheit. Heute, mit freiem Binnenmarkt und der Bewegungsfreiheit für Arbeitnehmer, ist die Europäische Union ihrem Ziel einer perfekten Union ein Schritt näher gekommen.
Deutschland ist ein Einwanderungsland
Nun mag es ein zeitlicher Zufall sein, dass den deutschen Universitäten durch die Verkürzung der Schullaufbahn von 13 auf 12 Jahre, ein großer Ansturm an Bewerbern droht. In diesem Zusammenhang argumentieren einige, dass durch den Zuzug ausländischer Fachkräfte den deutschen Studenten zukünftige Arbeitsplätze genommen werden. Aber auch diese Sichtweise greift zu kurz – und zwar erheblich. Deutschland ist ein Einwanderungsland. Eine Tatsache, die sogar die CDU hat mittlerweile anerkannt hat.
Fachkräfte werden jetzt benötigt
Mit einer schrumpfenden Bevölkerung ist es für den deutschen Arbeitsmarkt unerlässlich, sich für Kräfte aus dem Ausland zu öffnen. Darüber hinaus werden Fachkräfte jetzt benötigt und nicht erst in vielen Jahren. Jetzt fehlt es an Ingenieuren, die sich Bau- und Infrastrukturprojekten widmen. Jetzt fehlt es an Ärzten, die die flächendeckende Versorgung von Patienten sicherstellen. Jetzt fehlt es an IT-Spezialisten, die sich um die Herausforderungen in Industrie und Wirtschaft kümmern.
Besser hier eine Anstellung, als im Heimatland arbeitslos
Ob ein Spanier aus Madrid, ein Portugiese aus Lissabon oder ein Grieche aus Athen: Sie alle sorgen mit ihrem Einsatz dafür, dass Deutschlands Position in der Welt gestärkt wird. Eine Gefahr, dass durch die gezielte Anwerbung von Fachkräften ihre derzeit schwächelnden Heimatländer noch weniger Chancen auf einen soliden wirtschaftlichen Aufschwung haben, gibt es ebenso wenig. Arbeitsmärkte sind beweglich und gerade deshalb ist es ein natürlicher Prozess. Außerdem ist es für den einzelnen Arbeiter besser, in Deutschland eine Anstellung zu finden, als im eigenen Land arbeitssuchend zu bleiben.
Viele Staaten beneiden europäischen Mikrokosmos
Auch so kann also Globalisierung funktionieren. Im europäischen Binnenmarkt, dem von vielen Ländern der Welt beneideten Mikrokosmos, funktioniert es nicht anders als jenseits der europäischen Grenzen. Und obgleich Brüssel stets Mobilität von Arbeitskräften fordert, scheitert so manche ausländische Karriere an etwas, das selbst die Europäische Union mitunter schwer beeinflussen kann: an der Bürokratie, die mit ihren zahlreichen Vorschriften, den unterschiedlichen nationalen Standards bei der Berufsausbildung und vor allem am mangelnden Angebot an Sprachkursen. Das macht in vielen Fällen einen beruflichen Wechsel ins Ausland nur für einen gewissen Zeitraum möglich. Wenn überhaupt.


