Irak: Es gibt keine Freiheit
Der 14-jährige Naseem Jalal Shaaya ist gerade auf Arbeit, als plötzlich eine Nachbarin anruft. „Da sind vermummte Männer bei euch zuhause“, sagt sie. Dort findet er ein Bild des Grauens vor: Seine Mutter liegt tot im Vorgarten. Ermordet vor den Augen seiner sechs Geschwister. Weil sie Christin war. Der Vater ist verschwunden. Die Geschwister flüchten nach Deutschland zu den Großeltern. Zu gefährlich ist es für sie im Irak zu bleiben.
Sie planten schon die Flucht
Die Großeltern der Geschwister leben bereits seit Mitte der 90er Jahre im mehrere tausend Kilometer entfernten Essen. Noch eine Woche vor dem Anschlag hatte Fiktoria Hanah mit ihrer Tochter telefoniert. Diese berichtete, dass sie gezwungen würden, zum Islam zu konvertieren. Die Mutter riet ihr, alles Hab und Gut zu verkaufen und wegzuziehen. Doch die Täter waren schneller. „Tagelang habe ich geweint und gebetet“, sagt die Frau heute. Am liebsten wäre sie sofort in den Irak geflogen. Aber das wäre zu gefährlich gewesen. Naseem und seine Geschwister (zwischen 5 Monaten und 7 Jahren alt) schaffen es mit Hilfe der deutschen Botschaft in Syrien schließlich selbst, in die Bundesrepublik einreisen.
Keine Freiheit für Christen
Naseem ist froh, den Irak hinter sich gelassen zu haben. Schon mit 14 Jahren musste er arbeiten gehen, weil das Gehalt des Vaters nicht reichte. Aber vor allem die Lage für Christen habe sich in dem Land verschlechtert. An einen regelmäßigen Schulbesuch sei für ihn und seine Geschwister nicht zu denken gewesen – zu gefährlich. „Es gab keine Freiheit“, sagt Naseem. Ihren Glauben konnten sie nur im Privaten leben, denn eine Kirche gibt es in seinem Heimatort Samarah nicht. Nur zweimal im Jahr besuchten sie den Gottesdienst. „An Weihnachten und Ostern sind wir drei Stunden nach Teskof gefahren, um dort mit anderen Christen Gottesdienst zu feiern.“ In Essen kann er nun regelmäßig die Gottesdienste der chaldäisch-christlichen Gemeinde besuchen.
Alpträume belasten die Kinder
Die Vergangenheit lässt die Kinder nicht los. Oft werden sie von Alpträumen gepackt. Egal, wie sich die Lage im Irak weiter entwickelt: Naseem will auf keinen Fall zurück. Stattdessen will er sich hier eine eigene Existenz aufbauen. Doch zunächst braucht der inzwischen 16-Jährige, der zurzeit die 7. Klasse der Hauptschule besucht, einen Schulabschluss oder eine Ausbildung. „KFZ-Mechaniker, das wäre etwas für mich“, sagt er.
Der Vater lebt
Dann kommt eine freudige Nachricht: Der Vater lebt. Ein Mitarbeiter der katholischen Sozialarbeit der Caritas in Essen, der sich auf Reisen in den Irak um Flüchtlinge kümmert und Kontakte knüpft, hat ihn gefunden. Der 38-Jährige hatte sich an verschiedenen Orten vor den islamistischen Freischärlern versteckt gehalten, die seine Frau vor den Augen der eigenen Kinder erschossen hatten. Das Wohnhaus der Familie wurde inzwischen völlig zerstört, berichtet der Sozialarbeiter. Der Vater habe nur dank der Hilfe von Freunden, Verwandten und anderen Christen überleben können.
Wiedersehen mit dem Vater?
„Meine Gebete wurden erhört“, sagt Naseem. Als er in Damaskus war – in der Erwartung ein Visum für Deutschland zu erhalten –, sei er jeden Tag in der Kirche gewesen, habe zu den am Kreuz hängenden Jesus aufgesehen und eine innere Gewissheit gespürt, dass er seinen Vater wiedersehen wird. Nun könnte sich diese Hoffnung bald bewahrheiten. Die Caritas bemüht sich derzeit intensiv um eine Familienzusammenführung. „Die Kleinen fragen jeden Tag, wenn sie von der Schule nach Hause kommen, wann denn ihr Vater nach Hause komme“, sagt die Großmutter. Bislang muss sie sie immer vertrösten. Doch der Caritasmitarbeiter will noch einmal in den Irak, um sich vor Ort für eine Ausreise des Vaters einzusetzen.
Infos zur Lage im Irak gibt es hier:
Internationale Gemeinschaft für Menschenrechte www.igfm.de
Gesellschaft für bedrohte Völker www.gfbv.de
Open Doors www.opendoors-de.org


