Integrationsdebatte ohne Tabus
Deutschenfeindlichkeit, Christ als Schimpfwort – Lehrer an Schulen mit einem hohen Migrantenanteil könnten ganze Bände von misslungener Integration schreiben. Es ist aber noch nicht lange her, dass über derlei Probleme der Mantel öffentlichen Schweigens gelegt wurde. Schwierigkeiten in der Integration, vor allem von muslimischen Jugendlichen, wurden kleingeredet, statt sie ernst zu nehmen. Das scheint nun jedoch vorbei zu sein.
Integration ist kein Ponyhof
Integration ist kein Ponyhof. Angesichts der zahlreichen brennenden Fragen in der aktuellen Debatte um Migration, Islam und „Multikulti“, wird dem wohl jeder zustimmen. Diese werden vor allem dort akut, wo die unterschiedlichsten Kulturen und Glaubensüberzeugungen zwangsläufig aufeinandertreffen müssen. Zahlreiche Schulen in unserem Land geben Zeugnis davon. Nicht nur Schüler leiden darunter. Auch das Lehrpersonal sieht sich völlig neuen Anforderungen ausgesetzt.
Betül Durmaz, Lehrerin an einer Förderschule in Gelsenkirchen und selber Türkin, kennt die Probleme einer „Brennpunktschule“. Die „starke Religiosität“ unter muslimischen Kindern und ihren Familien lasse das Lernen „zweit- oder drittrangig“ werden, berichtet sie kürzlich im Rheinischen Merkur. Die Teilnahme von muslimischen Mädchen am Schwimmunterricht oder an Klassenfahrten werde zu „unüberwindbaren Hürden“. „Christ“, so Durmaz, sei zu einem gängigen Schimpfwort geworden. Religion werde dabei zu einem Merkmal von Abgrenzung beziehungsweise Ausgrenzung: „Ich bin Moslem – ich bin der bessere Mensch, du bist Christ, du isst Schweinefleisch und bist der schlechtere Mensch.“
Paradigmenwechsel in der Integrationspolitik?
Angesichts dieser Problemlage ist es mehr als unverständlich, dass darüber erst seit relativ kurzer Zeit ernsthaft und öffentlich diskutiert werden kann. Dennoch darf man feststellen: In der Integrationspolitik tut sich was. Einen nicht unbeträchtlichen Anteil an diesem Paradigmenwechsel hat die Bundesfamilienministerin Kristina Schröder (CDU).
Sie war es, die das politisch-korrekte Schweigen durchbrach und als eine der ersten unter den Politikern öffentlich über Deutschenfeindlichkeit unter Migranten sprach. Sie selbst sei schon als „deutsche Schlampe“ bezeichnet worden, so Schröder. Ende November forderte sie nun eine Integrationsdebatte, die „faktenbasiert, ohne Vorurteile, aber auch ohne Tabus“ stattfinden soll. „Wir müssen offen und ohne Tabus über die Probleme in der Integration reden, mit denen viele Menschen in ihrem Alltag konfrontiert sind.“
Dieses Umdenken in der Integrationspolitik scheint jedoch nicht ganz freiwillig vor sich zu gehen, möchte man meinen. Erst seitdem Thilo Sarrazin mit seinem Buch „Deutschland schafft sich ab: Wie wir unser Land aufs Spiel setzen“ die Bestseller-Listen stürmte, sieht sich das politische Establishment verstärkt genötigt, längst überfällige Themen auf die politische Agenda zu setzen.
Studien zeigen: Muslimische Migranten sind gewaltbereiter
Auch eine ganze Reihe an Umfragen und Studien markieren Schwierigkeiten im Zusammenhang von Migration, Jugend, Religion und Gewalt und fordern dringenden Handlungsbedarf. Zwei neue Studien, die im Auftrag des Bundesfamilienministeriums erstellt wurden, machen deutlich: Bei Körperverletzungsdelikten, sowie bei den Mehrfach- oder Intensivtätern seien männliche, nichtdeutsche jugendliche Tatverdächtige überrepräsentiert. Diese stellten somit bei Gewaltdelikten eine Risikogruppe dar. Auch verschiedene Dunkelfeldstudien zeigten, dass die Gewaltbereitschaft bei männlichen Jugendlichen mit Migrationshintergrund höher als bei einheimischen Jugendlichen liege. Die Gewaltbereitschaft muslimischer Jugendlicher sei wiederum höher als bei nicht‐muslimischen Jugendlichen.
Ursachen: „Kultur der Ehre“ und Männlichkeitsnormen
Bei der Frage nach den Ursachen nennen die Studien eine Vielzahl an Faktoren. Neben Ursachen, die sich auf alle Jugendlichen beziehen lassen, gibt es eine Reihe an Bedingungen, die die Gewaltbereitschaft und -anwendung insbesondere bei muslimischen Jugendlichen begünstigten.
Beispielsweise seien die Erziehungsziele muslimischer Eltern anders gelagert als bei deutschen. Statt auf Individualität, Selbstverwirklichung und Selbständigkeit würde Wert auf „Respekt vor Autoritäten“, „Ehrenhaftigkeit“, „Zusammengehörigkeit“ und „Lernen und Leistungsstreben“ gelegt. Außerdem nehmen Werte wie das „ausgeprägte Männlichkeitsbild“ oder die „bedingungslose Verteidigung der weiblichen Familienmitglieder im Kontext der Familienehre“ eine zentrale Rolle ein. Unter muslimischen Jugendlichen mit Migrationshintergrund könnten somit besonders eine „Kultur der Ehre“ und „gewaltlegitimierende Männlichkeitsnormen“ präsent sein.
Ähnlich deutliche Worte sprach bereits im Juni dieses Jahres ein Forschungsbericht des Kriminologischen Forschungsinstituts Niedersachsen e.V. hinsichtlich des Zusammenhangs von Migration, Religiosität und Gewaltbereitschaft. Die muslimische Religiosität fördere die Akzeptanz der Machokultur, so der Instituts-Direktor Christian Pfeiffer gegenüber der Süddeutschen Zeitung. Je religiöser, desto gewaltbereiter.
Auf der Suche nach Lösungen
Schön und gut. Nun wissen wir „offiziell“, was manche bereits vermutet haben: Mit der Integration muslimischer Jugendlicher gibt es ernsthafte Probleme, was auch aus deren Kultur und Religiosität herrührt. Ohne Zweifel handelt es sich dabei um einen notwendigen, und für manchen Multikulti-Träumer auch schmerzhaften, Erkenntnisprozess. Aber so wichtig diese Feststellung ist: Sie ist eben noch nicht das Eigentliche, sondern „nur“ eine Voraussetzung, auf die aufgebaut werden muss. Denn mit der Erkenntnis, dass viel schief läuft, haben wir noch nicht notwendigerweise die Antwort, wie man die schiefe Lage ausgleicht.
Einfache Lösungen verbieten sich angesichts der Komplexität und Vielschichtigkeit des Problems. Die oben bereits erwähnten Studien weisen eine Vielzahl an möglichen Ansätzen auf, die Probleme zu bewältigen oder zumindest zu entschärfen. Manche Vorschläge sind durchaus praktikabel und überlegenswert, wie z.B. Elterntrainings oder andere niederschwellige Angebote für muslimische Eltern. Auch ist es wohl richtig, dass „kulturell bedingte“ Gewalt keine mildernden Umstände bedeuten darf.
Andere - wie eine allgemeine Kindergartenpflicht - sind nicht unbedingt erstrebenswert. Diese wäre vielleicht sogar erfolgreich hinsichtlich der Probleme mit Migranten, würde die Eltern aber gleichzeitig in ihren erzieherischen Entscheidungen einschränken. Die Idee, Kultur- und Moscheevereine als Kooperationspartner zu gewinnen, muss ebenso differenziert gesehen werden, sind sie ja in vielen Fällen nicht Lösung, sondern Teil des Problems.
An ihren Früchten werdet ihr sie erkennen
Bei der Frage nach Lösungsansätzen darf aber auch nicht außer Acht gelassen werden, dass jede noch so gute staatliche oder gesellschaftliche Initiative scheitert, wenn sich die zu Integrierenden verweigern, was leider häufig der Fall ist. Fördern geht also immer auch mit Fordern einher. Integration ist immer eine Frage nach dem Willen derer, die sich integrieren wollen.
Grundlage für neue Wege im Bemühen um Integration ist aber eine vorurteilsfreie und tabulose Debatte über die Probleme, die behoben werden müssen. Es stimmt nicht gerade positiv, wenn immer noch jede Kritik am Islam bewusst pathologisch als „Islamophobie“ abgetan wird. Wie weit die neue Diskussionskultur reicht und was die Ansätze bewirken, die aus dieser neuen Integrationsdebatte geboren werden, muss sich noch zeigen. Gute Politik wird sich da an ihren Früchten messen lassen müssen.
Zum Weiterlesen
- Prof. Dr. Ahmet Toprak, Prof. Dr. Katja Nowacki: „Gewaltphänomene bei männlichen, muslimischen Jugendlichen mit Migrationshintergrund und Präventionsstrategien“
- Prof. Dr. Sonja Haug: „Jugendliche Migranten – muslimische Jugendliche. Gewalttätigkeit und geschlechterspezifische Einstellungsmuster“
- KfN-Forschungsbericht: „Kinder und Jugendliche in Deutschland : Gewalterfahrungen, Integration, Medienkonsum“
- Rheinischer Merkur: „Christ – ein Schimpfwort“
- idealisten.net: Je religiöser, desto gewaltbereiter?
2 Kommentare wurden bereits abgegeben
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2.schrieb am 15.01.2011 12:25
Ersteinmal möchte ich mich entschuldigen, dass ich bislang nicht auf den kritischen Kommentar geantwortet habe. Folgendes gibt es für mich dabei zu bedenken:
Zu "Individualität, Selbstverwirklichung und Selbständigkeit":
In diesem Beitrag geht es um die Integrationsdebatte, vor allem in Bezug auf die Integration von Muslimen, nicht um "Individualität, Selbstverwirklichung und Selbständigkeit" an sich und damit auch nicht um das Selbstverständnis moderner westlicher Jugendlicher. Ich finde es nicht unehrlich, wenn man sein Thema begrenzt.
Es wäre aber in der Tat eine lohnenswerte Aufgabe, Individualität, Selbstverwirklichung und Selbständigkeit in christlicher Perspektive unter die Lupe zu nehmen, gerade auch in historischer Dimension. Vielleicht werde ich diese Fragestellung für einen eigenen Artikel aufgreifen.
Vorab: Ich denke, man kann bei Individualität, Selbstverwirklichung und Selbständigkeit jeweils von beiden Seiten des Pferdes herunterfallen. Für mich markiert dabei die islamisch geprägte Kultur das eine Extrem, nämlich in der Verneinung dieser Werte, die moderne, liberale Kultur das andere, nämlich in der Absolutsetzung.
Zu Multikulti:
Mir ist kein überzeugter Multikulti-Vertreter bekannt, der offen Probleme bei der Integration eingestanden hätte. Einsicht ist aber der erste notwendige Schritt zur Besserung, zum Beheben von besagten Problemen. Dass es diese Probleme gibt, ist ja wohl hinlänglich bekannt.
Integration ist, zumindest bis zu einem gewissen Grad, eine Bringeschuld derer, die in einem anderen Land auf Dauer leben wollen. Dass einige türkische Kinder in der dritten Generation immer noch nicht (richtig) deutsch sprechen können, ist m.E. nicht Folge des "links liegen lassens", sondern des fehlenden Willens zur Integration bei bestimmten Einwanderergruppen.
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1.schrieb am 17.12.2010 23:36
Hm, was soll man dazu sagen?
"Beispielsweise seien die Erziehungsziele muslimischer Eltern anders gelagert als bei deutschen. Statt auf Individualität, Selbstverwirklichung und Selbständigkeit würde Wert auf „Respekt vor Autoritäten“, „Ehrenhaftigkeit“, „Zusammengehörigkeit“ und „Lernen und Leistungsstreben“ gelegt. Außerdem nehmen Werte wie das „ausgeprägte Männlichkeitsbild“ oder die „bedingungslose Verteidigung der weiblichen Familienmitglieder im Kontext der Familienehre“ eine zentrale Rolle ein. "
Gerade in "bibeltreuen", "evangelikalen" Kreisen wurde lange Zeit (und wird teilweise heute noch) gegen jenen "Zeitgeist" heftig protestiert, der so großen Wert auf Individualität und Selbstverwirklichung und Selbständigkeit legt(e).
Die Aufsätze und Bücher, die die "Selbstverwirklichung" als Irrweg geißeln, füllen ganze Regale.
Aber wenn es darum geht, sich gegen Muslime abzugrenzen, dann kann die "Selbstverwirklichung" plötzlich gar nicht mehr hoch genug gehalten werden, dann sind alle Polemiken dagegen vergessen. Dann kann man nur noch vor jenem "Respekt vor Autoritäten" warnen, dessen Mangel man selber gerade gerade noch in einem Artikel (sagen wir mal) gegen die so schlimmen 68er beklagt hatte...
Was soll man also sagen zu einer solchen Form des bibeltreuen Gedächtnisschwundes?
Es ist unehrlich, absolut unehrlich und schreit zum Himmel.
Die Probleme gibt es tatsächlich. Aber nicht, weil "Multikulti-Träumer" die Probleme nicht wahrhaben woll(t)en - die haben sich immerhin für ein Zusammenleben der Kulturen eingesetzt und an vielen Stellen auch praktiziert. Sondern weil zu viele der Multikulti-Diffamierer den Dialog der Kulturen ignoriert haben, weil sie zwar die Gastarbeiter geholt und den wirtschaftlichen Aufschwung seinerzeit genossen haben, diese Gäste in Deutschland aber ansonsten links liegen gelassen haben.



