Indiens stille Frauenvernichtung
Es ist eine zynische Ironie des Schicksals, welche zurzeit Indien erschüttert: Der Feminismus brachte das Abtreibungsphänomen mit dem Ziel der „Frauenemanzipation“ nach Indien. Nun aber wird das weibliche Geschlecht mithilfe von Abtreibungen in Indien gezielt ausgerottet. Töchter zählen in dem hinduistisch geprägten Land wenig. Die unmittelbare Folge: Immer mehr Eltern treiben Mädchen vor der Geburt ab – der Pränataldiagnostik sei Dank. So kommen auf zu viele Jungen immer weniger Frauen. Es fehlen bereits 60 Millionen.
Mädchenmorde haben eine lange Tradition
Dass sich Töchter im mehrheitlich hinduistischen Indien keiner großen Beliebtheit erfreuen, ist ein altbekanntes Phänomen. Seit jeher werden in dem südasiatischen Land junge Mädchen ertränkt, verbrannt oder vergiftet. Die feministischen „Errungenschaften“ von Abtreibung und Pränataldiagnostik lassen das traditionelle Problem jedoch immer weiter ausarten. Allein im letzten Jahr wurden täglich 7.000 Mädchen abgetrieben, wie das UN-Kinderhilfswerk UNICEF berichtet. In einem Krankenhaus im Bombay befand sich unter 8.000 in den letzten zehn Jahren abgetriebenen Föten nur ein einziger Junge. Während im globalen Durchschnitt auf 1.000 Männer 1.050 Frauen kommen, steht die Welt in Indien Kopf: Tausend Männern stehen dort nur 927 Frauen gegenüber.
10 Millionen abgetriebene Frauen in den letzten zwanzig Jahren
Die Folgen für die Bevölkerungsentwicklung Indiens könnten drastischer nicht sein: Eine indisch-kanadische Studie geht davon aus, dass allein in den letzten zwanzig Jahren rund 10 Millionen weibliche Föten aufgrund ihres Geschlechts abgetrieben wurden –also durchschnittlich 500.000 Fälle jedes Jahr.
Das gravierende Missverhältnis zwischen den Geschlechtern stellt Indien aber nicht nur vor eine humanitäre Katastrophe: „Wir sind 50 bis 55 Jahre und haben noch immer keine Frauen“ erklärt ein indischer Mann in einem Video der Hilfsorganisation „Plan India“ – denn schon in seiner Generation gibt es zu wenige Frauen. Dieses Phänomen wird in Asiens zweitgrößtem Land künftig noch wesentlich stärker auftreten: In nur zehn Jahren werden rund 30 Millionen indische Männer kaum noch eine Frau finden. Das birgt schwerwiegende Gefahren: Sinkt das „Angebot“ an Frauen gegenüber der „Nachfrage“ weiter ab, sind Frauenhandel und noch frühere Verheiratung junger Mädchen die logische Folge. Auch die in Indien weit verbreitete Gewalt gegenüber Frauen dürfte dadurch zunehmen.
Staatliche Regelungen vermögen das Problem nicht zu lösen
Der indische Staat arbeitet gegen das Problem bislang vergeblich an. Zwar sind Abtreibungen in Indien seit 1971 legal, 1994 wurden aber geschlechtsselektive Abtreibungen und eine vorgeburtliche Auskunft des Arztes über das Geschlecht des Kindes verboten. Doch Abtreibungsärzte ignorieren das Verbot aus Profitgründen gerne, besonders in privaten Kliniken. Manche Arztpraxen werben sogar mit makabren Slogans wie „Zahl lieber 1.000 Rupien für einen (pränataldiagnostischen, Anm. d. Redaktion) Test als 100.000 Rupien für eine Hochzeit.“
Auch die 50-Prozent-Frauenquoten in den indischen Bezirksversammlungen, mit denen man den Stellenwert der Frau aufwerten will, können das Phänomen nicht schwächen – wie auch? Wann und warum Familien in die Großstadt fahren, lässt sich schließlich kaum kontrollieren – auch wenn das Fahrtziel eine Abtreibungsklinik ist. Hinter dem Problem steckt eine gesellschaftliche Mentalität, die das Thema stillschweigt, duldet und fördert.
Töchter bedeuten oft Verschuldung
Doch warum sind Frauen in der indischen Gesellschaft derart unerwünscht, dass sie in Massen abgetrieben und ermordet werden? In Indien gilt die Frau seit jeher als zweitrangig gegenüber dem Mann, hinduistische Traditionen gestehen ihr deutlich weniger Rechte zu. Das kristallisiert sich besonders innerhalb der Familie heraus: Töchter gelten als Bürde, Söhne als Gewinn für die Familie. Ein Grund dafür ist, dass bei einer Hochzeit die Eltern der Braut für Festlichkeiten und Mitgift aufkommen müssen – hierfür müssen sich nicht wenige Familien hoffnungslos verschulden.
Bei Söhnen sieht das anders aus: Sie bringen nicht nur die Mitgift ins Haus, sondern mit der Frau auch eine Arbeitskraft. Hinzu kommt, dass der Stand einer indischen Familie mit davon abhängt, wie viele Söhne die Mutter gebärt – Töchter gelten nach dieser Denkweise als Plage. Das trifft besonders auf Familien zu, die bereits eine oder zwei Töchter haben: Diese versuchen umso mehr, möglichst einen Sohn zu bekommen. Mädchen werden zu diesem Zweck einfach abgetrieben.
„Eine Tochter ist ein Jammer“
Dieses Gedankengut steht auch in „Rig Veda“, einer der ältesten hinduistischen Schriften, festgeschrieben: „Eine Tochter ist ein Jammer“. Sprichwörter im indischen Volk sprechen eine ähnliche Sprache: Floskeln wie „Eine Tochter groß ziehen, das heißt, den Garten des Nachbarn bewässern“ und „Trommeln erklingeln bei der Geburt eines Sohnes, aber nur Messingteller bei der Geburt einer Tochter“ beschreiben die frauenfeindliche Mentalität hinter den Massenabtreibungen nur zu gut.
Ein kontinentales Problem
Organisationen wie „Plan India“ versuchen daher, mit einer Bewusstseinsbildung gegen den stillen Genozid, die leise Vernichtung des weiblichen Geschlechts vorzugehen. Ob es ihnen gelingen wird? Man weiß es nicht. Zumal Indien bezüglich der geschlechtsselektiven Abtreibung nur die Spitze des Eisbergs ist: In ganz Asien breitet sich der grausame Massenmord am weiblichen Geschlecht aus – auf den gesamten Kontinent gerechnet gehen Experten wie der italienische Publizist Giuliano Ferrara von 100 bis 200 Millionen getöteten Frauen seit Einführung der Pränataldiagnostik aus.
Einen weiterführenden Artikel findest Du hier.


