Im Sog des Relativen

Wir leben in einem Zeitalter, in dem alles „irgendwie“ und „relativ“ ist: Vor lauter Angst, man könne Menschen mit anderer Auffassung düpieren, wird die Äußerung handfester Überzeugungen und Bekenntnisse zur Seltenheit. Versprechen und Schwüre sind leeren Worthülsen und Lippenbekenntnissen gewichen. Die substanzlose Kultur des Relativismus hat längst nicht nur die Politik ergriffen, sondern verwässert die gesamte Gesellschaft und altgediente Wertvorstellungen. Zeit zum Umdenken!
  • Sich durch einen Schwur festzulegen wird immer weniger gesellschaftsfähig. Foto: Pixelio/Uli Carthäuser

 

„Da muss man differenzieren…“, „das kann man nicht so schwarz-weiß sehen“: Wie oft hört man heutzutage derartige Sätze, wenn man einen kontroversen Standpunkt, eine Überzeugung äußert? So ziemlich alles, was heutzutage über Worthülsen wie „Frieden“, „Freiheit“ und „Toleranz“ hinausgeht, ist ein Tabu, was nur in Verbindung mit den zehntausend anderen Betrachtungswinkeln, die es gibt, gesagt werden darf. Schließlich könnte man jemanden vor den Kopf stoßen, der ganz anderer Meinung ist!

Ist das christliche Glaubensbekenntnis noch opportun?

Ist es nicht verletzend für die Hinduisten, Buddhisten und Muslime dieser Welt, den Wahrheitsanspruch der Bibel öffentlich zu bekräftigen? Kann ich mich noch zu Jesus Christus bekennen, ohne die Möglichkeit zu erwähnen, dass er vielleicht gar nicht der Gottessohn ist, sondern nur ein Prophet unter vielen, wie es der Koran besagt? Stellen die Kruzifixe in den Klassenzimmern des mehrheitlich katholischen Bayerns nicht eine Diskriminierung für Atheisten und Andersgläubige dar, müssen sie nicht abgehängt werden?

Man relativiert den eigenen Glauben aus Rücksicht und Toleranz auf andere Religionen, schließlich gibt es ja noch zig andere Sichtweisen, denen der gleiche Entfaltungsraum eingeräumt werden muss. In Italien, bis in die 80er Jahre noch Kirchenstaat und noch immer Inbegriff des Katholizismus, gibt es bereits keine Kruzifixe in den Schulen mehr, weil der Europäische Gerichtshof im vergangenen Jahr angeordnet hatte, das Mittelmeerland sie abhängen.

Der Relativismus macht sich die Globalisierung zunutze

Doch das religiöse Bekenntnis ist nur ein Schlachtfeld des um sich greifenden Relativismus, der sich längst in jedem erdenklichen Bereich der Gesellschaft festgebissen hat. Er nutzt die Flexibilität der globalisierten Welt, den stetigen Drang nach Modernisierung und angeblichem „Fortschritt“, als Wegbereiter: Wie die Faust aufs Auge passen die Beliebigkeit und Unverbindlichkeit des Relativismus zum „Jederzeit-verfügbar“-Zeitgeist der Globalisierung. Alles muss immer zur Rundumerneuerung bereit sein, alles ist relativ und kann schon morgen der Vorvergangenheit angehören.

Warum das ganze Leben mit einem Partner verbringen, wenn der schon nach ein paar Jahren langweilig wird? Warum noch heiraten, wenn man sich als „Lebensabschnittspartner“ viel mehr Möglichkeiten offenhalten kann? Die Ehe, das feste Versprechen ewiger Treue, „bis dass der Tod uns scheide“, wirkt dagegen reichlich antiquiert. So sehr, dass Verheiratete en masse nicht davor zurückschrecken, das Versprechen gegenüber Gott und dem Partner zu brechen und die Scheidung zu vollziehen: Nach Angaben des Innenministeriums ist dies inzwischen bei jeder dritten Ehe der Fall. Hedonistische Beweggründe wie der Wahn nach „Selbstverwirklichung“ wiegen heutzutage zumeist schwerer als die mit der Eheschließung einhergehende Verbindlichkeit.

Die Beliebigkeit des Eids

Eine ähnliche Bedeutungsinflation erfährt in den letzten Jahrzehnten der Eid. Auch er hat das Problem, durch seinen lebenslangen und unwiderruflichen Charakter den Prinzipien des Zeitgeists zu widersprechen: Spontan, flexibel, global und multikulturell sind Kriterien, denen der Eid in seinen unterschiedlichen Ausprägungen immer wieder in die Quere kommt. So wurde in der Medizin der Eid des Hippokrates durch das Genfer Ärztegelöbnis ersetzt. Der Unterschied fällt erst auf den zweiten Blick auf. Ein Eid bindet den Schwörenden bis zu seinem Tode, er ist verpflichtend und bindend. Beim Gelöbnis dagegen „gelobt“ der Mediziner zwar, sich beispielsweise „in den Dienst der Menschlichkeit zu stellen“ und „die Gesundheit des Patienten“ als „oberstes Gebot“ seines Handelns wahrzunehmen. Verstößt er allerdings dagegen, kann er immer noch sagen, er hätte ja für nichts garantiert. Als Ärzte noch den Eid des Hippokrates ablegen mussten, waren Sterbehilfe, Abtreibung und Euthanasie durch Ärzte noch unmöglich, denn der Arzt hätte seinen Schwur gebrochen. Heute übersieht die Medizin wohlwollend, wie unzählige Ärzte sich am Leben versündigen, statt ihre eigentliche Aufgabe wahrzunehmen.

Vom „Staatsbürger in Uniform“ zum Weltbürger der „bunten“ Armee Ähnlich sieht es beim militärischen Eid aus. Zeit - und Berufssoldaten der Bundeswehr haben noch immer zu schwören, „der Bundesrepublik Deutschland treu zu dienen und das Recht und die Freiheit des deutschen Volkes tapfer zu verteidigen“, so wahr ihnen Gott helfe. Es ist mehr als ein leeres Versprechen, es ist ein Schwur, ein Eid. Die Politik sieht darüber jedoch großzügig hinweg. Nicht anders ist zu erklären, warum Justizministerin Leutheussen-Schnarrenberger (FDP) schon vorschlug, muslimische Soldaten davon freizustellen, in Ländern wie Afghanistan gegen ihre Glaubensbrüder kämpfen zu müssen. Haben diese Soldaten denn nicht durch ihren Eid klar genug bekräftigt, auf wessen Seite sie im Einsatz stehen - auch wenn sich dieser Einsatz gegen ihre „Glaubensbrüder“ richtet? Auch Verteidigungsminister zu Guttenberg (CSU) wandelt auf fragwürdigen Pfaden, wenn er davon fabuliert, die Bundeswehr durch die Rekrutierung von Soldaten ohne deutsche Staatsangehörigkeit „bunter“ zu machen. Kann ein Bürger eines anderen Landes denn überhaupt auf die Bundesrepublik Deutschland schwören, ist sein Schwur tatsächlich bedingungslos ernst zu nehmen?

Wir brauchen Halt und Orientierung

All diese Beispiele, altgediente Traditionen und Wertvorstellungen, sind aus dem Betrachtungswinkel des Relativismus verstaubt und tradiert. Das Feste, Bindende, Stabile, das ihnen beiwohnt, ist der Spaßgesellschaft ein Dorn im Auge - weil es Fragen beantwortet, die der Zeitgeist am liebsten gar nicht erst stellt. Dabei sind Treue, Verlässlichkeit und Vertrauen Fragen, denen man sich auf Dauer gar nicht entziehen kann. Das betrifft auch unsere Identität als Deutsche und Christen. Eine Gesellschaft ohne feste Wertvorstellungen, die Orientierung und Rahmen bieten, ist dem inneren Zerfall schutzlos ausgeliefert.

 

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9 Kommentare wurden bereits abgegeben

  • 9.  
    schrieb am 27.02.2011 23:25

    Schwören, Schwur halten, Eide sprechen oder sogar halten? Bis zum letzten Blutstropfen kämpfen, Arbeiten im Schweiße deines Angesichts oder bis zum umfallen, alles sogenannte altbackene starke Abhängigkeitsbegriffe und Treueäußerungen, die zwar noch gebräuchlich aber in modernen Vertragswerken wie Arbeits- oder Gesellschaftsverträgen eines modernen Wirtschaftssystems nicht mehr vorkommen. Die Auswirkungen eines Eides oder eines Schwurs auf eine Tätigkeit, Bindung oder Gemeinschaft lassen sich hinsichtlich Zuverlässigkeit oder Treue bestimmt nur schwer nachweisen und sind - systematisch genau bestimmt - noch nie erforscht worden, weil es auch in keine Statistik oder KLR passt! Keine Gewerkschaft oder Betriebsrat außer bei der Bundeswehr oder vor Gericht, werden die Worte " Schwören oder Eid, Vereidigung" heute heute noch benutzen. Außerdem steht eigentlich schon in der Bibel die Ermahnung, dass du nicht schwören sollst, sondern "ein Ja soll ein Ja und ein Nein ein Nein" sein soll (Matthäus 5, 33-37)!

  • 8.  
    schrieb am 17.02.2011 09:43

    @LukasLange: Danke erstmal für Deine Einwände. Ich biete die folgende Erwiderung:

    "Mit dem 'Zeugnis der Liebe' gewinnt man keinen politischen Richtungsstreit und erst recht keine mediale Dominanz"

    Eine christlich-konservative Politik ist auch mein Anliegen. Dominanz allerdings nicht. Ich setze mehr darauf, Menschen zu überzeugen, statt sie zu beherrschen. Ich halte das auch nicht für einen christlichen Ansatz, im Gegenteil:

    "Wir müssen anfangen, Klartext zu reden. Uns zu christlichen Positionen glasklar bekennen, ohne peinlichst genau darauf zu achten, ob man hier nicht zulasten des politischen Gegners manipuliert oder zu konfrontativ auftritt."

    Dieses Denken "Gott gibt mir in der Sache recht, deswegen darf ich andere unter seinen Willen zwingen (d.h. manipulieren)" hat in der Geschichte des Christentum schon viel Leid verursacht, s. Inquisition, Hexen- und Judenverfolgung, Kreuzzüge, und genau diese Haltung kritisieren wir auch bei politischen und religiösen Extremisten.

    Ich dagegen meine, ich kann mich glasklar zu christlichen Positionen bekennen u n d dabei gegenüber Andersdenkenden fair bleiben. Ich sehe da keinen Widerspruch. Aus christlicher Sicht kommt politischer Wandel vor allem durch eine demütige Haltung der Christen, s. 2. Chronik 7,14. Dominanz ist dagegen eine stolze Haltung, und das wird von Gott selbst bekämpft, s. 1. Petrus 5,5; Jakobus 4,6; Sprüche 3,34; 2. Buch Samuel 22,28. (hier bekenne ich mich übrigens gerade 'glasklar' zu einer christlichen Position zwinker !)

    "Natürlich lässt sich die hedonistische Beliebigkeit des Zeitgeists in gewisser Form als 'Wertvorstellung' verdrehen."

    Das ist ein Strohmann-Argument, denn das habe ich nicht getan.

    "Aus christlich-konservativer Sicht ist sie allerdings höchstens das Entartungsstadium eines entfesselten Werteverfalls"

    Wiederholungen bringen uns nicht weiter. Ich bitte um neue Argumente für diese Behauptung. Ansonsten kann ich ebenfalls nur meine Erwiderung wiederholen: Die hedonistische Beliebigkeit unterbindet lediglich die Kritik an anderen Wertesystemen. Dass jeder Mensch ein Wertesystem hat ist durch die Psychologie und durch die biblische Offenbarung belegt. Einen Werteverfall zu unterstellen ist daher sachlich falsch und in der Debatte nicht hilfreich, auch wenn es aus unserer Sicht danach aussieht.

    "Den offensichtlichen Eidbruch mit dem Verweis auf eine "andere Ethik" zu entschuldigen, das ist genau die Art von Relativierung, um die sich der Artikel dreht."

    Ob ein Eidbruch vorliegt oder nicht hängt unmittelbar davon ab, wie man Abtreibung bewertet. Es ist daher nicht sinnvoll, über den Eidbruch statt der Abtreibung zu debattieren.

    "Abtreibungen sind, egal, wie man es dreht, sicher kein Akt der Menschlichkeit".

    Ich kann das schon nachvollziehen, dass ein Arzt die Not der Schwangeren höher bewertet als die Not des Ungeborenen, schließlich hat er die Schwangere vor Augen, den werdenden Menschen dagegen nicht (gutheißen kann ich es aber trotzdem nicht!). Selbst wenn Ärzte in vielen Fällen opportunistisch handeln und keine solche Abwägung treffen, also tatsächlich ein Eidbruch vorliegen mag, ist es nicht fair, generell einen Eidbruch zu unterstellen.

  • 7.  
    schrieb am 16.02.2011 21:47

    Zum Arzteid: Den offensichtlichen Eidbruch ("in den Dienst der Menschlichkeit"; Abtreibungen sind, egal, wie man es dreht, sicher kein Akt der Menschlichkeit!) mit dem Verweis auf eine "andere Ethik" zu entschuldigen, das ist genau die Art von Relativierung, um die sich der Artikel dreht. Du relativierst diese klar ersichtliche Schuld damit, sie hätten halt eine andere Sichtweise: "Schließlich könnte man jemanden vor den Kopf stoßen, der ganz anderer Meinung ist!"

     

    Genau diese Haltung ist das Grundproblem christlicher Politik. Wir müssen aufhören, von "argumentum ad irgendwas" herumzufabulieren, wir müssen anfangen, Klartext zu reden. Uns zu christlichen Positionen glasklar bekennen, ohne peinlichst genau darauf zu achten, ob man hier nicht zulasten des politischen Gegners manipuliert oder zu konfrontativ auftritt.

     

    "Nur weil Andersdenkende nicht unsere Werte vertreten bedeutet ja nicht, dass sie keine hätten." Natürlich lässt sich die hedonistische Beliebigkeit des Zeitgeists in gewisser Form als "Wertvorstellung" verdrehen. Aus christlich-konservativer Sicht ist sie allerdings höchstens das Entartungsstadium eines entfesselten Werteverfalls, dem schnellstmöglich der Garaus bereitet werden muss. Mit dem "Zeugnis der Liebe" gewinnt man keinen politischen Richtungsstreit und erst recht keine mediale Dominanz. Mit deutlichen Worten und einem offensiven Auftreten schon eher.

  • 6.  
    schrieb am 16.02.2011 12:27

    Wir brauchen Halt und Orientierung, das ist schon klar. Ich kenne keinen, der da widersprechen wollte. Nur weil Andersdenkende nicht unsere Werte vertreten bedeutet ja nicht, dass sie keine hätten. So etwas zu unterstellen ist schon fast arrogant. Selbst die Bibel bezeugt, dass jede Gesellschaft in der Geschichte eine Werteordnung hat (Röm 2,15).

    Das ist nicht anderes als ein 'Falsches Dilemma', ebenfalls ein Versuch, die Debatte zu manipulieren.

    Ich persönlich bin froh, in einer pluralistischen Gesellschaft zu leben statt in einem Gottesstaat. Ich sehe es zwar mit Schmerz, dass die christlichen Werte sich derzeit in unserer Gesellschaft nicht durchsetzen. Aber diesem Ziel kommen wir nur dann näher, wenn wir fair und ehrlich argumentieren, was bereits ein Zeugnis der Liebe ist. Manipulationsversuche dagegen helfen niemandem weiter.

  • 5.  
    schrieb am 16.02.2011 12:14

    Inhaltlich ist der Eid des Hippokrates – aus christlicher Sicht – aber auch nicht wirklich vertretbar, wenn es da heißt:

    "Ich schwöre bei Apollon, dem Arzt, bei Asklepios, Hygieia und Panakeia und bei allen Göttern und Göttinnen, indem ich sie zu Zeugen mache, daß ich entsprechend meiner Kraft und meinem Urteilsvermögen folgenden Eid und folgenden Vertrag erfüllen werde."

    Allerdings geht es hier ja mehr um den Eid als solches im Vergleich zum Gelöbnis.

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