Im Kino: Halt auf freier Strecke
Regisseur Andreas Dresen (u. a. „Sommer vorm Balkon“) gehört zu den kreativsten deutschen Filmemachern der Gegenwart. Sein neues Werk „Halt auf freier Strecke“ zeigt die letzten Monate des Hirntumorpatienten Frank (Milan Pschel). Er wirkt wie ein Dokumentarfilm – so unverstellt und erschütternd schaut die Kamera auf ein Menschenleben. Unausgesprochen stellt der Film zwei Fragen: Was ist wichtig im Leben? Und: Worauf dürfen wir hoffen?
Dies ist ein Film, bei dem man bis zum Ende des Abspanns sitzen bleibt. Danach möchte man nur noch heulen. Die Eingangsszene: Ein Paar wartet beim Arzt auf die Diagnose. Gehirntumor, bösartig, nicht operabel, sagt der Arzt fast flüsternd. Langes Schweigen. Wie viel Zeit noch bleibt? Ein paar Monate. Schweigen. Das Paar sucht nach Worten, der Arzt auch. Ein gemurmeltes Gespräch, Hilflosigkeit. Haben Sie Kinder? Ja, 14 und 8 Jahre alt.
Gerade ist die Familie umgezogen in ein Reihenhaus am Rande Berlins, weiß, kühl, modern, mit Gästeklo und Blick aufs Feld. Simone ist Straßenbahnfahrerin, Frank Fabrikarbeiter, beide sind Anfang 40 und berlinern dolle. Beim Abendbrot mit den Kindern fängt Frank – strubbeliges Haar, Brille, unrasiert – plötzlich zu weinen an.
Eine Handvoll Monate
Franks Eltern reisen an, unbeholfen, was soll man auch sagen. Die Mutter hat zwei CDs mitgebracht, „Hypnose“ und „Selbstheilungskräfte“, aber da heilt nichts mehr selbst. Es passiert eigentlich nicht viel in dem Film, der bei den diesjährigen Filmfestspielen in Cannes mit dem Hauptpreis in der renommierten Nebenreihe „Un certain regard“ ausgezeichnet wurde. Gezeigt werden unscheinbare Alltagsszenen: Einmal besucht Frank mit seiner Familie das Badeparadies im Bundesland Brandenburg, „Tropical Island“. Sie müssen den Ausflug abbrechen, weil Frank schlecht wird. Frank harkt Blätter im Garten, er versucht ein Hochbett im Kinderzimmer aufzubauen. Dit wird schon wieder, sagt ein Arbeitskollege, der ihm dabei hilft. Nischt wird. Eine Handvoll Monate bleiben noch, mehr nicht. Eine Lebensberaterin kommt zu Besuch. Haben Sie Angst?, fragt sie Frank. Ja. Man müsse die Krankheit als etwas Freundschaftliches annehmen, rät die Beraterin.
So lange ihr noch könnt …
Schleichend breitet sich der Tumor aus. Frank wird wunderlich, pinkelt ins Kinderzimmer, weil er es mit dem Bad verwechselt. Er klaut die Schokolade aus dem Weihnachtskalender seines Sohnes, beschimpft seine Frau. Wohl noch nie ist im Kino eine Krankheit in so quälender Eindringlichkeit gezeigt worden. In einer Szene küssen und lieben sich Frank und Simone, unsichtbar tickt dazu eine Uhr. Alles hat seine Zeit, sagen diese Bilder. Küsst euch, so lange ihr noch könnt.
Krieg’ ich dann dein iPhone?
Franks Körper zerfällt weiter. Simone schnürt ihm die Schuhe, Frank geht an der Stütze, später braucht er einen Rollstuhl, schließlich kann er das Bett nicht mehr verlassen. Ist es wahr, dass du stirbst?, fragt der 8-jährige Sohn seinen Vater. Schweigen. Nicken. Krieg’ ich dann dein iPhone?
Simone ist eine starke Frau, nun gerät sie ans Ende ihrer Kräfte. Eine Pflegerin wird nötig, Modul „kleine erweiterte Morgen- und Abendtoilette“, Mundpflege, Windelwechsel. Die Tage eines Menschen sind wie Gras, sagen die Bilder dieses Films, wenn ein Wind darüber geht, so ist es nimmer da.
Nirvana und Neil Young zur Beerdigung
Und dann ist Weihnachten. Es gibt Gans und Weihnachtsbaum, gesungen wird „O Tannenbaum“, der ostdeutsche Ersatz für Christkind-Lieder. Es ist ein moderner Film, ohne Gebet, ohne Gott – ohne Hoffnung, ohne Trost. Als Frank noch laufen kann, besucht er ein Bestattungsinstitut. Er sucht sich einen Sarg aus und wählt die Lieder, die zu seiner Beerdigung gespielt werden sollen: den Soundtrack „Dead Man“ von Neil Young, den Album „Nevermind“ von Nirvana.
Dann schläft er in die nächste Welt
Und dennoch gibt es in „Halt auf freier Strecke“ zarte Spuren, die auf Gott hinweisen. Irgendwann schläft er ein, sagt die Ärztin zu Simone. Dann schläft er in die nächste Welt. Ein paar Monate zuvor, als er noch laufen kann, greift Frank zu seiner Gitarre und spielt ein bisschen. Love and mercy is what you need, singt er dazu. Ja: Liebe und Gnade ist, was wir brauchen – im Leben wie im Sterben.
Start: 17. November | Regie: Andreas Dresen | Darsteller: Steffi Kühnert, Milan Peschel | 110 Minuten | FSK: ab 6
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