„Ich habe nichts gelernt.“

Rütli-Schule, Bildungsversager mit Migrationshintergrund, Jugendkriminalität und Gewaltvideos. Die Schlüsselbegriffe zur Beschreibung von Integrationsproblemen an Schulen sind vielfältig. Bei vielen, die das lesen, wird dabei ein innerer Film ablaufen, der Szenarien auf dem Schulhof entwirft. Doch in Ländern wie Frankreich brennt die Luft noch viel mehr als in Deutschland. Der Film „Die Klasse“ deckt dies illusionslos auf.
  • Foto: PR/Concorde Filmverleih

 

Zum vorletzten Mal lief am vergangenen Sonntag auf ARD zu später Stunde die Reihe „Neues französisches Kino“. Der Sender strahlte „Die Klasse“ aus und entschied sich damit für einen mehrfach ausgezeichneten Film, der Anfang 2009 auch in vielen deutschen Arthouse-Kinos lief und dem die Bundeszentrale für politische Bildung ein Filmheft gewidmet hat.

Wenn Unruhe in der Klasse ein Dauerzustand ist

Jeder von euch kennt diese Szene: Alle Schüler sind etwas nervös, weil heute der erste Tag nach den Ferien ist. Alle haben viel zu erzählen – vom schönsten Ferienerlebnis, von den Tagen am Badesee und, und, und. Der Höhepunkt dieser Unruhe ist erreicht, wenn es ins Klassenzimmer geht und der Kampf um die besten Plätze beginnt. Die potentiellen Störenfriede streiten sich um die hintersten Plätze und bei den Mädchen entscheidet sich just in diesem Moment, wer für die nächste Zeit die beste Freundin sein wird. Für zusätzliche Aufregung sorgt vielleicht, dass die Klasse komplett neu zusammengewürfelt wurde und einige Gesichter oder sogar der neue Klassenlehrer unbekannt sind.

Normalerweise legt sich diese Überdrehtheit des schulischen Alltags nach einiger Zeit. „Die Klasse“ des engagierten Französischlehrers François Marin (François Bégaudeau) aber ist da anders. Schüler aus zig verschiedenen Herkunftsländern besuchen den Unterricht an seiner Pariser Vorort-Schule, an der an Lernen nur in den seltensten Fällen zu denken ist. Am Ende des Schuljahrs gesteht ein junges Mädchen ihrem Lehrer: „Ich habe nichts gelernt.“ Dieser ist entsetzt, obwohl er sich eigentlich die Gründe denken könnte. Sie versteht die Unterrichtssprache – Französisch – ebenso wie ein Großteil der anderen Schüler nur sehr schlecht. Ihre Zukunftsaussichten sind miserabel.

Unterricht mit Schülern aus zig verschiedenen Ländern

Der 2009 für den Oscar nominierte Film „Die Klasse“ von Laurent Cantet entwirft kein Horrorszenario, was so in der Realität nicht zu finden ist. Vielmehr hat sich der Regisseur bis über die Genregrenzen des Spielfilms hinweg der Wirklichkeit angenähert. Die Geschichte basiert auf autobiographischen Schilderungen des Hauptdarstellers François Bégaudeau. Dieser hat als Lehrer die multikulturelle Schule annähernd so empfunden, wie im Film inszeniert. Cantet ist darüber hinaus noch einen gehörigen Schritt weitergegangen und hat Schüler aus sozialen Brennpunkten als Schauspieler eingesetzt.

Eine fehlende strenge Dramaturgie macht „Die Klasse“ zuweilen etwas langatmig. Die geschilderten Episoden sind dafür umso eindringlicher. Erschreckend muten zum Beispiel die illusionären Vorstellungen der Eltern über ihre Kinder an. Obwohl sie selbst kein oder kaum Französisch sprechen, gehen sie davon aus, ihre Kinder würden es trotzdem ganz weit schaffen. Eine Mutter eines „Problemfalls“ spricht sogar von dem zukünftigen Besuch einer Eliteuniversität.

„Pädagogische Notfallambulanz“

Der Schulalltag sieht anders aus: Aufgrund von Sprach- und Disziplinlosigkeit ergibt sich kein Vorankommen. „Die Klasse“ wächst zu keiner Gemeinschaft heran, sondern streitet sich herkunftsbedingt darüber, wer beim Africa-Cup die beste Fußballmannschaft ist. Angesichts dieser Zustände verlieren die Lehrer zunehmend die Nerven und zeigen Schwächen. François Marin fängt selbst an zu pöbeln und läßt sich provozieren, was aufgrund der Dauerstörung seines Unterrichts wohl etwas „Menschliches, Allzumenschliches“ ist.

Als der Film Anfang 2009 in die deutschen Kinos kam, gingen die Meinungen über die Aussagekraft des Schuldramas weit auseinander. Während der Spiegel Optimismus in Bezug auf die Integrierbarkeit der jungen Migranten entdeckt haben wollte, lobte die Süddeutsche Regisseur Cantet dafür, dass er die französische Problemschule als das darstellte, was sie ist, nämlich eine „pädagogische Notfallambulanz“.

Mehr Gefängnis als ein Ort zum Lernen

Auch der Originaltitel „Entre les Murs“, auf Deutsch „Zwischen den Mauern“, bestätigt diese eher pessimistische Einschätzung. Mit dieser Anspielung kritisiert Cantet die Architektur der Schule, die mit ihrer Enge und dem kleinen Pausenhof eher einem Gefängnis als einem kreativen Ort des Lernens ähnelt. Der Film zeigt, wie in diesem stickigen Klima interkulturelle Konflikte eskalieren, die am Ausgang des Dramas dazu führen, dass der undisziplinierte Souleymane von der Schule fliegt. Diese Szene hat Aussagekraft genug: Alle Integrationsbemühungen sind gescheitert. Zurück bleibt ein Junge, der sicherlich auch an seiner nächsten Bildungsanstalt (sollte sie wieder „zwischen den Mauern“ gelegen sein) so seine Probleme haben wird.

Die ARD hat vor einigen Wochen die Reportage „Kampf im Klassenzimmer: Deutsche Schüler in der Minderheit“ ausgestrahlt. Diese zeigt, dass auch manch deutscher Lehrer nicht mehr weiter weiß und die Zukunft von vielen jungen Migranten düster aussieht. In Paris sind die Probleme in ihrer Intensität zwar stärker, aber auch manche Eindrücke aus Essen, Berlin-Neukölln oder Hamburg schockieren.

Die Dokumentation „Kampf im Klassenzimmer“ wird am 16. September um 22 Uhr im WDR wiederholt.

Soziale Netzwerke:

Willkommen! idealisten.net – Das Netzwerk zum Mitmachen!

Deine Beiträge - ob Text, Bild oder Video - sind gefragt! Registriere dich mit Benutzername, E-Mail und Passwort und schon kannst du mitmachen.

 
 
 
 


Du musst eingeloggt sein, um einen Beitrag kommentieren zu können.