Houellebecq gibt neue Rätsel auf

Am Mittwoch ist in Frankreich ein neuer Roman von Michel Houellebecq erschienen. In „La carte et le territoire“ („Die Landkarte und der Landstrich“) erzählt der bisher hauptsächlich als politisch unkorrekter Provokateur aufgefallene Autor über das Leben des Künstlers Jed Martin – beinahe „klassisch“, wie die ersten Kritiker finden. Nun wird gemutmaßt, er wolle sich durch seine neue zahme Art den wichtigsten französischen Literaturpreis, den Prix Goncourt, sichern. Kann diese Theorie stimmen?
  • Foto: Wikipedia

 

Zunächst: Der Roman liegt noch nicht als deutsche Übersetzung vor. Von daher lässt sich über den genauen Inhalt nur spekulieren. Das deutsche Feuilleton hat sich an den Vermutungen ihrer französischen Kollegen jedoch bereits ausgiebig beteiligt. Die ZEIT (Link: www.zeit.de/2010/36/Michel-Houellebecq) fragt, „wieso schreibt der jetzt so brav“? Wenn man den groben Inhalt des Romans betrachtet, erscheint „La carte et le territoire“ jedoch gar nicht so brav, wie im Blätterwald behauptet.

Houellebecq arbeitet wie in seinen vorangegangenen Romanen weiter an einer Theorie des ins Alltagsleben diffundierten Kapitalismus und zeichnet Identitäts- und Normenverlust nach. Diesmal macht er das eben am Beispiel des Kunstmarktes, der keine Qualität mehr kennt, sondern nur noch einen Preis. Und wenn der für Einzelteile von Michelin-Landkarten (daher der Titel des Buches) bezahlt wird, dann kann man mit diesem seltsamen „Kunsthandwerk“ eben auch berühmt werden.

Houellebecq hat mehr zu Papier gebracht als nur provokante Romane

Dem Protagonisten Jed Martin gelingt dies. Houellebecq setzt dann noch einen drauf und führt sich selbst als Figur in den Roman ein. Er soll der Autor des Ausstellungskatalogs der Landkartenkunst werden. Am Ende folgt ein großes Untergangsszenario. Der Schriftsteller lässt sich selbst ermorden und sein Land, Frankreich, mutiert zu einem seelenlosen Touristenparadies.

Das also soll brav sein? Houellebecq soll eine Kehrtwende vollzogen haben? Die meisten Kritiker haben den von ihnen selbst als „Skandalautor“ Abgestempelten einfach nicht komplett durchdrungen, denn wer ihn begreifen will, muss ausnahmslos alles von ihm lesen: seine Essays, seine Briefwechsel, seine Gedichte und selbstverständlich alle Romane – angefangen bei „Ausweitung der Kampfzone“  bis hin zu seinem bisherigen literarischen Höhepunkt „Die Möglichkeit einer Insel“.

Alle Romane vor „Die Möglichkeit einer Insel“ sind Fingerübungen für diesen großen Wurf, in dem Houellebecq das Eindringen des Kapitalismus bis in unser Intimleben, die Auswirkungen biotechnischer Innovationen sowie die Ausweglosigkeit des moralischen Verfalls Europas beschreibt. Dann im letzten Teil dieses Romans deutet sich die Suche nach einer Insel an, wo das Formgesetz des Abendlandes zu retten ist. Das Abendland ist demzufolge also nicht mehr als großes Ganzes zu restaurieren, aber eine Einzelperson kann diese Kultur mit unbändigem Formwillen auf kleinem Raum erhalten.

Verse zur Wiedergeburt lesen!

Das ist das Thema, was das Lebenswerk von Houellebecq ausmacht. Drei kleine Beweise aus dem vielfältigen Schaffen des Schriftstellers sollen das belegen. Erstens: noch als Student arbeitete Houellebecq an einem „Handbuch der spirituellen Erziehung des Studenten“. In dem zehnseitigen Heft äußert er sich zu Richard Wagner, Sigmund Freud, Van Gogh und anderen Größen des europäischen Geisteslebens. Und mittendrin dann eine kleine Anleitung zum alltäglichen Leben: „Unpolitisch sein – ist immer konservativ.“

Zweitens: die Suche nach der absoluten Form findet mittels seiner Gedichte statt. Houellebecq verfasst klassische Alexandriner-Verse. Allein der Titel des Gedichtbandes „Wiedergeburt“ zeigt, dass es dem Schriftsteller um mehr als Provokation mit Sex und Tabubrüchen geht, wie es ihm häufig vorgeworfen wird. Die Gedichte kreisen um die Themen Verfall und die Möglichkeit eines individuellen Ausweges. Das klingt dann so: „Ich bin vielleicht selbst sogar ein Gefäß Gottes,/ Aber das ist mir nicht wirklich bewusst/ Und ich schreibe diesen Satz „als Experiment“.“

Drittens: in einem öffentlichen Briefwechsel mit Bernhard-Henri Lévy schreibt Houellebecq über die Gegenwart: „Denn unsere Gesellschaften haben jetzt ein Endstadium erreicht, in dem sie sich weigern, ihr Unbehagen anzuerkennen, in dem es sie nach der Fiktion der Sorglosigkeit, des Traums verlangt; sie haben schlichtweg nicht den Mut, ihrer eigenen Realität ins Gesicht zu sehen.“ Houellebecq hat diesen Mut und genau deshalb steckt in ihm viel mehr als nur ein „Skandalautor“.

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