„Homevideo“: Die Ohnmacht im Netz

Was passiert, wenn ein bloßstellendes Video eines jungen Schülers plötzlich im Netz landet und er dadurch in der Schule zum Opfer von Cybermobbing wird? Der ARD ist mit „Homevideo“ ein einfühlsamer Film gelungen, der von der Brutalität der neuen Medien erzählt und vor allem die Ohnmacht zeigt, mit der Menschen versuchen, gegen den Terror anzukämpfen. Cybermobbing kann jeden treffen – und sich dagegen zu wehren, ist unglaublich schwierig.
  • Foto: NDR/Gordon Timpen

 

Wirklich offen ist Jakob nicht. Der 15jährige Gymnasiast spielt zwar mit Freunden regelmäßig Basketball, aber ansonsten zieht er sich lieber zurück. Melancholisch und schüchtern ist er. Die Welt betrachtet der Jugendliche viel lieber durch Video- und Fotokameras. So schafft er eine künstliche Distanz zu seiner realen Welt. Hier kann er sein, wer er ist. Schüchtern und nicht angreifbar.

Intime Szenen auf der Videokamera

Doch Jakobs Herz schlägt für Hannah aus seiner Parallelklasse. Er traut sich schließlich, mit dem jungen Mädchen ins Gespräch zu kommen. Gerade als sich beide näher kennenlernen, gelangt durch einen Zufall Jakobs Videokamera in die Hände seines besten Freundes Erik. Das Material, das er auf der Speicherkarte findet, zeigt aber nicht nur private Aufnahmen von Jakobs Familie, sondern auch Szenen, in denen der Schüler Hannah seine Liebe gesteht und sich kurz danach selbst befriedigt. Auch Eriks Freund Henry sieht das Video. „Das ist Herrschaftswissen“, sagt er stolz. Man ahnt schon, was als nächstes passiert.

Als er das Mobbing nicht mehr aushält, nimmt er sich das Leben

Nachdem Henry versucht, Jakob mit dem Video zu erpressen, stellt er es ins Internet. Kurze Zeit später kursiert das Video in allen Klassen – auf Handys und auf Rechnern. Für Jakob bricht eine Welt zusammen. Er wird anonym beschimpft und bedroht. In dieser Situation versuchen ihm seine Eltern, die gerade frisch getrennt sind, Halt zu geben. Doch Jakob lässt niemanden an sich ran. Nur vordergründig scheint es so, als ob er irgendwann über die Sache hinwegkommt. Als er das Mobbing schließlich nicht mehr aushält, nimmt er sich unter Tränen das Leben.

Niemand gibt Jakob Halt

„Homevideo“ von Regisseur Kilian Riedhof ist ein Film, der gut in die heutige Zeit passt. Und dennoch kommt er ein wenig spät. Cybermobbing ist schon viele Jahre ein Thema – nicht nur an Schulen. Aber eben auch gerade dort. Das Schicksal von Jakob steht stellvertretend für die vielen Jungen und Mädchen, die sich nicht trauen, über ihre Situation zu sprechen und an ihr mitunter zugrunde gehen. In Jakobs Situation kommt verschlimmernd hinzu, dass ihm in seinem Leben niemand Halt geben kann. Weder seine Eltern, die sich ständig streiten, noch seine weingen Freunde. Jakob ist auf sich allein gestellt.

Bewegend komponiert

Mit gutem Auge gibt Kameramann Benedict Neuenfels einen realistischen Einblick in einen Fall, wie er täglich in Deutschland passiert. Besonders bewegend ist die Synchronizität der Handlung und die damit verbundenen Kontraste an verschiedenen Stellen des Films: Während Jakob und Hannah ihr erstes gemeinsames Date haben, trennen sich im gleichen Moment seine Eltern Irina und Claas. Das kompromittierende Video macht derweil die Runde durch die Weiten des Internets als Jakob und Hannah romantisch im Wasser einander näher kommen.

Die Ohnmacht im Kampf gegen Cyber-Mobbing

„Homevideo“ zeigt auch die Ohnmacht, die herrscht, wenn Cybermobbing passiert. Jakobs Rektor ist ebenso hilflos (er suspendiert ihn vorläufig vom Unterricht) wie die Eltern seiner Mitschüler, die auf einem Elternabend über das Schicksal des 15jährigen diskutieren. Ironischerweise ist Jakobs Vater Claas dann auch noch Polizist. Aber selbst das schützt den Jungen nicht vor dem Gräuel, das ihm widerfährt. Niemand wird mehr Herr der Lage. Am wenigstens Jakob selbst, der in der Schule sogar eine Schlägerei anzettelt, weil ein Mitschüler das Video auf seinem Handy anschaut. Die Aufnahmen verbreiteen sich in rasender Geschwindigkeit – da nützt auch kein beherztes Handeln der Erwachsenen oder ein Schulwechsel. „Die haben das alle auf ihren Handys“, erzählt Jakob verzweifelt seinen Eltern. „Ich kann mich gleich umbringen.

Ein Weckruf für uns alle!

Was Jakob für seine Eltern vielleicht nur im Affekt gesagt hat, macht er am Ende des Films wahr. Es spricht für „Homevideo“, dass die finale Szene, in der sich Jakob das Leben nimmt, unaufgeregt und in einer kühlen Bildsprache erzählt wird. Sie lässt den Zuschauer zwar allein, zeigt ihm aber unmittelbar, welche Konsequenzen Cyber-Mobbing im extremsten Fall haben kann. Kilian Riedhofs „Homevideo“ ist ein Weckruf für uns alle!

Wiederholungstermine:
Sa, 22.10., 20:15 Uhr (EinsFestival)
Do, 17.11., 20:15 Uhr (3sat)
Mo, 12.12., 23.15 Uhr (NDR Fernsehen)

Der Film ist auch in der Mediathek der ARD verfügbar.

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