Hilfloser Kampf gegen das Öl
Seit Mitte Mai sprudelt das Öl im Golf von Mexiko. Aber nicht so, wie sich die Industrie das gewünscht hat. Nach dem Untergang der Bohrplattform „Deepwater Horizon“ gelangen inzwischen täglich zwischen 50.000 und 80.000 Barrel in das empfindliche Ökosystem an der Südküste der USA. Mit anderen Worten: In den nächsten 24 Stunden treten erneut zwischen acht und 14 Millionen Liter Öl aus dem Bohrloch. Mittlerweile ist klar: Die Politik schaut ohnmächtig zu. Und Verursacher „BP“ kennt auch keine Lösung
Wem dient die Öl-Katastrophe?
US-Kongress, Rayburn House Office Building, Sitzungsraum 2123 des Handels- und Energieausschusses. Um Punkt 10 Uhr trat BP-Chef Tony Hayward vor die Mitglieder des Unterausschusses, um live und auf allen Nachrichtenkanälen zu sagen, wie „deeply sorry“ er für die Öl-Katastrophe sei. Weitere Schuldzuweisungen ließ er aber nicht zu. Ihm gelang das Kunststück, zwar Bedauern für die Situation zu äußern, aber dann doch keine Verantwortung zu übernehmen.
Die Kongressmitglieder überboten sich derweil während der mehrstündigen Befragung in ihren Anschuldigungen. Von „strafbarer Fahrlässigkeit“ war die Rede und auch von „wiederholter Gefährdung von Menschenleben.“ Dabei fiel auf, dass vor allem Demokraten, die im Herbst um ihre Wiederwahl im US-Repräsentantenhaus fürchten müssen, besonders hart mit Hayward ins Gericht gingen. Die Republikaner hingegen nutzen jede Gelegenheit, Obama zu kritisieren, indem sie einstweilen Hayward sogar in Schutz nahmen. Die Anhörung verkam zu einer reinen Polit-Show.
In einer zweiten Anhörung wurden die Chefs anderer Öl-Multis vor den Kongress geladen. Die ganze Branche steht mittlerweile am Pranger. Die Vorsitzenden von „ExxonMobile“, „Chevron“, „Shell“ und „ConocoPhillips“ versicherten, dass diese Katastrophe zu verhindern gewesen wäre und warfen ihrem Konkurrenten BP schwere Versäumnisse vor. Das Kalkül der Manager: Um jeden Preis eine striktere Regulierung durch die US-Regierung verhindern. Dumm nur, dass die Notfallpläne der Konzerne für einen Fall, wie er nun bei BP eingetreten ist, alle Wort für Wort mit dem des britischen Konkurrenten übereinstimmen. Glaubwürdigkeit schafft so etwas nicht.
US-Regierung hilflos
Die Ölpest soll für Obama nicht das werden, was für Bush der Hurricane „Katrina“ war. Bei der Naturkatastrophe kamen Ende August 2005 mehr als 1.800 Menschen ums Leben und weite Teile des Großraums New Orleans standen monatelang unter Wasser. Der Bush-Regierung wurde damals vorgeworfen, bei der Evakuierung und dem anschließenden Wiederaufbau zu zögerlich gehandelt zu haben.
Barack Obama glaubt, aus Bushs Fehlern gelernt zu haben. Schnell war er vor Ort. Vier Mal hat sich der Präsident in der betroffenen Region schon blicken lassen und die volle Unterstützung der Regierung versprochen. Doch wie überfordert Washington mit den Gegenmaßnahmen ist, zeigen die verzweifelten Versuche, die Ölpest zu bekämpfen. Regierungsvertreter geben sogar öffentlich zu, dass die Öl-Konzerne mit besserem Equipment ausgestattet sind als sie selbst. Fast aberwitzig mutet da auch die Aufforderung an, dass Schauspieler Kevin Costner seine selbst entwickelten Zentrifugen an den Golf von Mexiko bringen soll, mit denen man Öl von Wasser trennen kann. Solange das 1,5km tiefe Bohrloch nicht geschlossen ist, wirken solche Ideen wie ein Tropfen auf dem heißen Stein.
Fleißige Imagearbeit bei BP
BP hat mittlerweile mehr als ein halbes Dutzend Versuche gestartet, der Lage Herr zu werden. Ohne Erfolg. Dabei wurden auch Stimmen von Journalisten laut, die BP vorwerfen, die Berichterstattung der Medien kontrollieren zu wollen. Bestimmte Gebiete sind für die Presse nicht mehr zugänglich und Kamerateams werden daran gehindert, in Gegenden, die besonders stark von der Ölpest getroffen sind, Filmaufnahmen zu machen.
BP verantwortet nicht nur die schlimmste Umweltkatastrophe in der Geschichte der Vereinigten Staaten, sondern kämpft auch mit dem größtmöglichen Image-Super-GAU. Das Unternehmen wollte eigentlich als Saubermann in der Branche gelten – doch jetzt muss es ölverschmierte Vögel und tote Fische am Strand erklären. Eine von vielen Gegenmaßnahmen der BP-Marketingabteilung war zum Beispiel der Kauf von „Google AdWord“: Sucht jemand bei der Suchmaschine nach bestimmten Worten wie „BP oil spill“ oder „Deepwater Horizon“, so erscheint über der Ergebnisliste eine von BP gesponserte Werbung, die auf eine konzerneigene Webseite verlinkt. Hier schildert man die Katastrophe aus Unternehmenssicht. Weniger kritisch versteht sich. So wirklich Schuld will man dann doch nicht sein.
Zwar willigte BP ein, 20 Milliarden Dollar in einen Entschädigungsfond für den Wiederaufbau der betroffenen Region im Süden einzuzahlen. Dies dürfte allerdings nur der Anfang sein. Wie hoch genau die Kosten sind, kann und will kein Experte beziffern. BP selbst kalkuliert hinter vorgehaltener Hand offenbar mittlerweile mit einem Betrag von 50 Milliarden Dollar.


