Gottesdienst mit Bier und Kippe
Konventionen interessieren viele Jesus Freaks nicht besonders. Bis heute erreicht die Anfang der 1990er Jahre in Hamburg gegründete Bewegung viele junge Menschen, die mit der Kirche nichts zu tun haben wollen. Viele Jesus Freaks erkennt man heute allerdings nicht mehr an Punkfrisuren oder Dreadlocks. Sie sind auf dem ersten Blick ganz „bürgerliche“ Leute. Doch um Jesus anzubeten, brauchen sie keine festgelegten Formen. Sie gestalten ihre Gottesdienste sehr frei. Zum Freakstock, dem jährlichen „Familientreffen“ der Jesus Freaks trafen sich Ende Juli wieder rund 3.000 Leute aus Deutschland und dem benachbarten Ausland in Borgentreich.
Die Beine in die Hand nehmen
In diesem Jahr stand das Festival unter dem Motto „Beine in die Hand“. Es gehe darum, wieder stärker nach außen zu treten und Menschen zum Glauben einzuladen, erklärt die Jesus-Freaks-Vorsitzende Lydia Bindrich (Dresden). „In den vergangenen Jahren hatten wir uns sehr mit uns selbst beschäftigt“, so die 27-Jährige. Sie bezog sich damit auf einen Erneuerungsprozess der Bewegung, der in den vergangenen Jahren auch zu Abspaltungen und Auflösungen von Gruppen geführt hatte. Inzwischen entstünden aber auch wieder neue Gemeinden, stellt Lydia klar.
Mit einer Schweige- und Gebetsminute gedachten die anfangs 1.200 Teilnehmer zum Start des Freakstocks der Opfer des Loveparade-Unglücks in Duisburg, bei dem 21 Menschen starben und über 500 verletzt wurden. Neben rund 50 Konzerten, Lobpreiseinheiten und Gottesdiensten gab es auf dem Ferstival auch zahlreiche Workshops. Ein Höhepunkt war eine Improvisation des Musikers Daniel Benjamin, an dem Dutzende Gitarristen mitwirkten. Praktische Tipps für KFZ-Fahrer erhielten Interessierte bei einem Auto-Workshop. Und im artLand lernten die Besitzer eines Pferdes am lebenden Objekt, wie man mit Graffiti die Hufe dieses Tieres verschönern kann.
Keine Durchschnitts-Christen
Auch sonst zeigten die Jesus Freaks wieder einmal, dass sie keine Durchschnitts-Christen sind: Die Musik bei den Gottesdiensten reichte von klassischem Lobpreis über HipHop bis PunkRock. Während bei anderen christlichen Jugendveranstaltungen Alkoholverbot herrscht, stellte es hier bei den Bibelarbeiten kein Problem dar, wenn jemand seine Kippe rauchte oder ein Bier trank. Doch waren längst nicht nur lässig gekleidete Jugendliche auf dem Freakstock. Von Jahr zu Jahr bevölkern mehr Familien das Gelände. Das Kidzstock – ein Angebot für Kinder von neun bis 13 Jahren – ist inzwischen zu einem festen Bestandteil des Festivals geworden. Und selbst wenn die Jesus Freaks „erwachsener“ geworden sind, kann man sich auf eines verlassen: Sie werden auch in Zukunft mit ihrer ganz eigenen Art Jesus nachfolgen.
Miteinander verschiedenster Christen
Zum zweiten Mal sind die Jesus Freaks nun auf dem ehemaligen Kasernengelände in Borgentreich untergebracht, das heute der koptischen Kirche gehört. Erstmals waren auch Vertreter der evangelischen und katholischen Kirche beim Auftakt dabei: „Wir können von euch lernen“, sagte der katholische Pfarrer Werner Lütkefend (Borgentreich). Die Jesus Freaks zeigten, „dass es vielfältige Möglichkeiten gibt, zu glauben und diesen Glauben an Jesus Christus auszudrücken“. Die evangelische Pfarrerin Almut Reihs-Vetter (Warburg) meinte: Trotz aller Unterschiedlichkeit „eint uns doch der Glaube an Jesus Christus“. Für Martin Hünerhoff, Pressesprecher des Freakstock, sind diese Worte ein Beleg dafür, dass andere Christen den Jesus Freaks nicht mehr skeptisch begegnen, sondern ein gutes Miteinander möglich ist.
Wie ein Familientreffen
Das hat auch rein praktische Gründe: Denn längst nicht überall existieren Jesus-Freaks-Gruppen, so dass Anhänger der Bewegung auch andere Gemeinden besuchen. So zum Beispiel Melanie und Fabian Kleß aus Memmingen. „Im Umkreis von 150 Kilometern gibt es bei uns keine Jesus-Freaks-Gruppe. Deshalb besuchen wir eine Freie evangelische Gemeinde.“ Der jährliche Besuch auf dem Freakstock ist für das junge Ehepaar für sie wie ein Familientreffen. „Man fühlt sich zuhause, trifft sofort Freunde und Bekannte wieder.“
Hier gibt’s mehr Infos zum Freakstock und zu den Jesus Freaks in Deutschland und der Schweiz.








