Google+ – der Kampf um die Online-Netzwerker

Lange Zeit war Facebook der König der Social Networks im Internet. Nun will Google das blaue Netzwerk vom Thron stoßen: Die neue Plattform Google+ verspricht, praktischer, strukturierter und sicherer zu sein. Der Kampf um die Gunst der Online-Netzwerker hat begonnen. Eine Erkundungstour.

 

„ACHTUNG liebes FB-Volk! Facebook hat sich verändert und nichts gesagt...(wie immer).“ So beginnt die jüngste Warnung eines meiner Facebook-Kontakte vor den hinterhältigen Sicherheitslücken des bekannten Netzwerks. Es folgt eine Erklärung des Problems und der Hinweis, wie ich mich künftig schützen kann, indem ich irgendwo in den Sicherheitseinstellungen ein Häkchen mache.

Schlechtes Image für Facebook

Solche „Sicherheitshinweise“ sind bei Facebook nicht selten. Immer wieder ändert das Netzwerk irgendwelche Einstellungen, um den einzelnen Nutzer gläserner zu machen. Facebook ist überall dabei, das kleine blaue Logo findet sich auf fast jeder Webseite – kein Wunder, dass das Netzwerk als „Krake“ im Internet gilt, die alles umschlingt. Und dann erheben die Zwillinge Tyler und Cameron Winklevoss, frühere Freunde von Marc Zuckerberg, auch noch den Vorwurf, Zuckerberg hätte ihre Idee eines weltweiten Online-Netzwerks geklaut. Facebook hat kein gutes Image. Trotzdem ist jeder dabei. Wo auch sonst?

Die Alternative: Google+

Diese Frage will jetzt ausgerechnet eine andere Online-Krake beantworten. Google, das auch sonst fast überall im Netz mitmischt, startet ein eigenes Online-Netzwerk. Bisher hatten die „Blauen“ und die „Bunten“ unterschiedliche Nischen des WWW besetzt. Nun aber sagen die Bunten mit Google+ Marc Zuckerberg den Kampf an. Und das mir Erfolg: Brauchte Facebook mehr als zwei Jahre, um 10 Millionen Nutzer zu aquirieren, dauerte das bei Google+ gerade einmal 16 Tage!

Noch kommt nicht jeder rein

Doch Google gibt sich vorerst exklusiv. Nicht jeder kann sich einfach registrieren. Erst mit der persönlichen Einladung eines Bekannten kann ich mir Zutritt zur neuen Facebook-Alternative verschaffen. Das hat was Elitäres. „Sie sind Teil einer kleinen Gruppe von Personen, die dabei helfen, Google+ zu testen“, werde ich auch gleich informiert. Das besondere Gefühl bleibt trotzdem aus – aber die Neugier wächst.

Fragen über Fragen

Aber was will Google eigentlich besser machen als Facebook? Trotz aller Mauscheleien läuft Facebook doch ganz gut. „Mit dem Google+ Projekt fühlt sich das Teilen im Web mehr wie das Teilen im richtigen Leben an.“ Ein unglücklich umständlicher Satz, mit dem ich nicht viel anfangen kann. Das Web ist für mich auch richtiges Leben. Aber wie soll Teilen im Web denn irgendwas mit Teilen offline zu tun haben?

Und Google bietet Antworten

„Circles“, „Hangout“ und „Sparks“ sind die Antworten von Google. Auf den ersten Blick sieht meine neue Google+-Seite etwas – sagen wir mal – ramschig aus. Lauter kleine bunte Symbole, die zwar – typisch Google – mit vier verschiedenen Farben auskommen, aber die Seite überladen. Und die kurzen Erklärungen unter den Symbolen erklären mir gar nichts. Dafür gibt es englische Videos, die mir kurz und knackig erzählen, was ich wissen will. Die eine Minute Lebenszeit war es wert – nun weiß ich Bescheid.

Bunte Kreise

„Circles“ sind – wie im Offline-Leben – Gruppen von Menschen, die ich unter einem Überbegriff zusammenfassen kann: Familie, Komilitonen oder Kollegen. Ich kann bei Google+ also all meine Kontakte sortieren. Und später entscheiden, mit welcher Gruppe ich welche Informationen teile. Genauso kann ich entscheiden, von welchem Kreis ich gerade Infos haben will. Wenn ich nun meinen engsten Freunden mitteilen will, was für einen süßen Typ ich gerade kennengelernt habe, müssen das nicht Tante Luise und mein Chef oder gar der süße Typ selbst mitbekommen. Die habe ich schon längst in andere Kreise gepackt.

Virtuelles Rumhängen

„Hangout“ klingt wie etwas, was unbedingt ausprobiert werden muss. Einen Hangout kann ich mit einem Klick starten. Es öffnet sich ein neues Fenster und ich habe einen Live-Videochat begonnen. Jeder, den ich einlade, kann sich dabei einklinken! Bis zu zehn Nutzer können hier gleichzeitig chatten, reden oder YouTube-Videos schauen. Eine beliebte Freizeitbeschäftigung, für die nun keiner mehr das Haus verlassen muss. Klassisch chatten ohne Video geht natürlich auch – ganz nützlich früh morgens direkt nach dem Aufstehen.

Informative Funken

Und nun zu „Sparks“. Sparks verspricht, mir all die Infos zu bringen, die ich auch haben will. Das ist typisch Google. Diese Infos soll ich dann ganz einfach mit anderen teilen und tolle Unterhaltungen darüber führen können.

Alles müsst ihr nicht wissen!

Leute suchen, in Kreisen sortieren, meinen ersten Hangout planen und Interessengebiete überlegen macht so viel Spaß, dass ich auch gleich noch mein Profil vervollständigen will. Dachte ich. Und höre sofort auf, als ich sehe, was Google alles wissen will. Ein Motto, meine Ausbildung, Berufe, Beziehungsstatus, Erreichbarkeit, bisherige Wohnorte – Google+ will mehr wissen, als Personaler in einem Bewerbungsgespräch. Meinen Lebenslauf behalte ich dann doch erstmal für mich. Und nehme das Häkchen aus „Kann in den Suchergebnissen erscheinen“ heraus. Wie findet man die Balance zwischen den Vorteilen virtueller Netzwerke und Privatsphäre? Immerhin kann ich bei jeder Information einstellen, für welche Kreise sie sichtbar ist.

Von Facebook bekannt

Google+ hat auch ein paar Features, die Facebook-Nutzer schon lange kennen. Eine Browser-App bietet neben den verschlankten, bereits bekannten Funktionen die Möglichkeit, auf einer Karte zu sehen, welche Kontakte sich in meiner Nähe aufhalten. Und wo ich bin. So muss sich niemand mehr zufällig über den Weg laufen. Kennt man von Facebook. Ebenso wie den Like-Button, den Google+ als „+1-Button“ anbietet.

Was fehlt

Was noch fehlt, aber eher für Firmen und Vereine interessant sein dürfte, sind sogenannte Fanpages. Auch Einladungen zu Veranstaltungen sind nicht möglich – aber bei Facebook ein beliebtes Feature. Gruppen lassen sich ebensowenig gründen und Veranstaltungseinladungen verschicken geht auch nicht. Wahrscheinlich will Google hier den eigenen Anwendungen Google Groups und Calendar keine Konkurrenz machen. Und – ein echtes Manko – es gibt keine Pinnwand. Endlose Gratulationen zum Geburtstag oder ein kurzer Gruß auf meiner Seite bleiben dadurch aus. Das ist schade.

Der Sinn hinter den Netzwerken

Facebook hat über 750 Millionen Nutzer. Mal ehrlich, wer will schon zwei große Online-Netzwerke? Entweder muss sich jetzt jeder bei beiden registrieren oder du findest einfach nicht mehr alle Leute, weil jeder woanders ist. Damit ist der Sinn eines solchen Netzwerks völlig verfehlt. Also muss sich einer durchsetzen. Facebook nimmt die Herausforderung an und zieht mit neuen Funktionen nach. Eine Kooperation mit Skype soll den Hangout von Google+ auch bei den „Blauen“ ermöglichen.

Zweiter Anlauf

Google wagt übrigens nicht zum ersten Mal einen Vorstoß in das Revier von Facebook. Google Buzz wurde Anfang 2010 vorgestellt und ist an Google Mail gekoppelt. Alle Nutzer von Google Mail sind darüber genauso vernetzt, können Status-Updates posten oder Bilder teilen, wie auf Facebook. Aber wer Google Mail nicht nutzt, ist auch bei Google Buzz nicht zu finden. Google+ soll nun auch alle anderen Internetnutzer erreichen, die sich nicht über Google ihre E-Mails schicken. Und bietet eben noch einige neue Features.

Welcher Krake trauen wir mehr?

Facebook gilt als Krake. Kaum eine Webseite, die ich nicht über Facebook teilen, „liken“ oder sonstwie verknüpfen kann. Auch Google ist aus dem Internet nicht mehr wegzudenken. Es ist schon lange her, dass wir mit der Suchmaschine mit dem ulkigen Namen nur gesucht haben. Dann kam E-Mail, Satellitenbilder und ganz viel anderes. Nun können wir Google und allen anderen auch noch unsere Freunde, Familie, Interessen, Berufe oder Sehnsüchte preisgeben. Wollen wir das?

Ein kleiner Hinweis zum Schluss

Auch Google hat schon manche Datenschutzverletzung hinter sich. Vorsichtshalber habe ich deshalb das voreingestellte Häkchen bei „Google darf meine Informationen verwenden, um Inhalte und Werbeanzeigen auf Websites Dritter zu personalisieren“ rausgenommen.

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