Google Street View: Chance oder Gefahr?

Spezialfahrzeuge fotografieren für Google Street View Straßenschluchten, Häuserfronten, Radwege und Nationalparks. So die offizielle Version von Google. Zusätzlich wurden aber auch private Netzwerke, im Vorbeifahren erfasst und gespeichert. Laut Google ungewollt, auf Grund eines Programmierfehlers. Außerdem wurden Häuserfronten 3D-gescannt. Warum das alles?
  • Foto: Flickr/Jon Delorey

 

Urlaubsplanung am Rechner

Google erklärt auf den bisher bestehenden (deutschsprachigen) Street View-Seiten die Daseinsberechtigung für sein Programm in etwa so: Man will mit den 360°-Straßenansichten das "Google Maps"-Angebot erweitern und fortsetzen. Detaillierte Karten, kostenfrei zugänglich für jeden. Mehr als das: fotografische Aufzeichnungen von Straßenzügen, Häuserschluchten, ganzen Stadtvierteln und Städten. Urlaub ließe sich mit Nationalparks und Wanderwegen ganz anders planen: Bereits am Rechner könnten Routen "abgefahren" werden. Daneben ergibt sich außerdem eine Vielzahl an kommerziellen und sogar gemeinnützigen Nutzungsmöglichkeiten.

Präsentationsmöglichkeit für kleine Firmen

Für Firmen mit kleinem (bis nicht vorhandenem) Werbeetat könnte das tatsächlich eine gute Möglichkeit zur Präsentation des eigenen Standortes im Internet bieten. So ähnlich funktioniert es ja schon mit Google Maps. Wer hat denn nicht schon mal einen Club, ein Hostel, ein Geschäft oder einfach nur die Straße der/des neuen Freundin/Freundes "gegoogelt" und die günstigste Anfahrtsmöglichkeit „ausgespäht“? Wie viel mehr "Wiedererkennungssicherheit" würde eine Straßen-Ansicht (und nicht nur -Draufsicht, wie sie Google Earth bietet) ermöglichen?

Kaum Kontrolle

Die Frage ist vor allem, wie Google die benötigten Daten erhebt und damit umgeht. Als Unternehmen mit nicht geringem, eigenem Wirtschaftsinteresse geht das natürlich nur durch "Eigeninitiative". Das heißt, Google muss eigene Leute mit der technisch notwendigen Ausrüstung losschicken, deren und Aktivität erst einmal keiner objektiven Kontrolle unterliegt. Anders als es beispielsweise die "Open Maps"-Bewegung realisieren kann, die auf die freiwillige Aufzeichnung von geographischen Gegebenheiten durch weltweit operierende Sympathisanten setzt. Und die nicht zuletzt in Folge der Erdbebenkatastrophe auf Haiti Anfang des Jahres und der nachfolgenden digitalen "Neu"-Kartographisierung der Insel durch Katastrophenhelfer das beeindruckende Potential dieses Gedankens gezeigt hat.

Alles wird geknipst

Google also knipst von speziell präparierten Fahrzeugen aus en passant, also „im Vorbeigehen“, die durchfahrende Umgebung und fügt die so entstandenen Momentaufnahmen zu einem stimmigen und virtuell "nachfahrbaren" Ganzen wieder zusammen. Moment mal: en passant? Und: Sind da nicht auch mal Leute auf der Straße zu sehen? Oder andere Fahrzeuge? Und deren Insassen? Und deren Kennzeichen? Im Weiteren: Falsch geparkte PKWs? Einheimische beim Überqueren roter Ampeln? Romantische Treffen in Cafés am Stadtpark? Kindereinrichtungen, Banken, Großbaustellen?

"Nein" sagt Google, zumindest zu Erstgenannten und verweist auf aufwendige Prozeduren zur "Unkenntlichmachung" von Gesichtern und Kennzeichen. Nun gut, es hängt natürlich immer auch am User und was er aus den angebotenen Informationen macht. Dennoch klagen Ladenbesitzer, Straßengemeinschaften, ganze Städte und lassen die Veröffentlichung der Bilddaten verbieten.

Nur ein Programmierfehler?

Verwunderlich nun: Bei all diesem Aufwand und Gegenwind will über zwei Jahre lang bei Google niemand gewusst haben, dass die Fahrzeuge nicht nur Bilder speichern, sondern, auf Grund eines "unabsichtlich" mit eingebauten Programms aus einem anderen Projekt, ebenfalls ganz beiläufig verfügbare Funknetzwerke erfassen. Im Zuge dieser Registrierung wurden auch Daten aus der in diesem Moment stattfindenden Kommunikation, zumindest aus offenen Verbindungen, gespeichert. Zwei Jahre lang! "Selber schuld, wer sein Netzwerk nicht schützt", mag man sagen. "Wo ist Googles angeblicher ‚Datenschutzeifer’ im Fall der Netzwerkerfassung", kann man entgegnen.

Google nutzen oder boykottieren?

Bin ich damit einverstanden, dass Google eventuell einmal meine Netzwerkdaten für eine mögliche W-LAN-Navigation veröffentlicht? Ich selbst bin bereit zu teilen und stimme der Kartographisierung meiner Umwelt in gewissem Maße sofort zu. Was ich nicht möchte ist, meine Kontodaten preisgegeben zu wissen.

Also: Finde ich das Angebot gut, so wie Google es offiziell vorstellt und werde ich es ab und an nutzen? – Ja. Ich habe einen Googlemail-Account, nein, sogar zwei, die ich regelmäßig nutze. Ich bin somit jemand, der seine eigenen und auch die Daten der mit ihm in Kontakt stehenden Menschen potentiell einem immer wieder fragwürdig erscheinenden Konzern in die Hände spielt. Ich habe mich bewusst dazu entschieden. Nicht, dass ich jemandem schaden möchte. Aber die Kosten-Nutzen-Rechnung (ich bin nicht die Bundesbank oder ein sonstiger Geheimnisträger, brauche aber dennoch sehr viel Platz in meinem Postfach) erschien mir tragbar.

Finde ich es andererseits verwerflich, unmoralisch und nicht-unterstützenswert, wie Google seine "Großmachtstellung" missbraucht und sollte ich den Dienst boykottieren? – Ja. Ich stecke also in einer Zwickmühle. Irgendwie unbefriedigend.

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