Gewalt unterm Kamera-Auge
Immer wieder tauchten in den letzten Jahren und Monaten erschütternde Überwachungsvideos von brutalen Übergriffen auf Passanten in U-Bahnhöfen und S-Bahn-Stationen in den Medien auf. „Im Glanz des Kamera-Auges“ scheinen sich Straftäter besonders wohl zu fühlen, meint Journalist Götz Eisenberg. In einem Beitrag argumentiert er, dass Kriminelle erst recht durch die Überwachungsbilder zu Übergriffen angestiftet würden. Aber sind die vorwiegend jugendlichen Täter wirklich auf mediale Aufmerksamkeit aus?
Oft spielt soziale Ausgrenzung eine Rolle
Eisenbergs Argumentation erinnert frappierend an den Reflex, der nach einem tragischen Amoklauf im Lande zu spüren ist. Dort heißt es: Ego-Shooter seien für die Taten verantwortlich. Was man auf dem Bildschirm sieht, will man nun auch in der Realität erleben.
Dylan Klebold und Eric Harris in Columbine (1999), Robert Steinhäuser in Erfurt (2002) oder Matti Saari in Kauhajoki (2008). Drei Beispiele, die in die traurige Geschichte von Amokläufen weltweit eingegangen sind. Schaut man sich aber die Vorfälle der vergangenen Jahre an, so kristallisieren sich die unterschiedlichsten Motive heraus. Dabei fällt auf: Oft spielen soziale Ausgrenzung und der daraus resultierende Hass auf die Gesellschaft eine große Rolle. Eben Umstände, die einen Amoklauf begünstigen können.
Kein klares Motiv
Folgt man der Argumentation Götz Eisenbergs, so müsste die mediale Berichterstattung über diese Taten andere anspornen. Beweise hierfür finden sich jedoch nicht. In Tagebuch- oder Blogeinträgen von Amokläufern geht es in der Regel darum, sich an anderen zu rächen. Die Täter vom Bahnsteig, denen Eisenberg mediales Geltungsbedürfnis attestiert, geben aber häufig an, aus Langeweile gehandelt zu haben oder weil eben jemand „falsch geguckt“ habe. „Der Gewalt liegt kein klares Motiv zugrunde“, so Eisenberg. Damit hat sich der Autor in seiner Argumentation gleich zu Beginn selbst entzaubert.
Mediale Aufmerksamkeit ist nicht Ziel der Täter
Wenn man Deutschland als Beispiel heranzieht, fällt auf, dass viele Schulen keine Überwachungskameras nutzen. Insofern liegt die Schlussfolgerung nahe, dass mediale Aufmerksamkeit eben kein primäres Ziel von Tätern wie Robert Steinhäuser gewesen ist. Und Bahnsteige sind spätabends häufig dennoch ein gefährliches Pflaster, nicht weil sie kameraüberwacht sind, sondern obwohl sie es sind.
In London wird ein Mensch bis zu 300 Mal am Tag gefilmt
Wenn Kameras also keine Kriminalität fördern, stellt sich die Frage, ob sie Straftaten wenigstens reduzieren. Befürworter versprechen seit langem eine bessere Aufklärungsquote von Delikten und preisen gerne das Abschreckungspotential an. Gegner weisen auf die wenig bis gar nicht gesunkene Anzahl an Straftaten in kameraüberwachten Gebieten.
Chongqing, eine von Chinas Millionen-Metropolen, will in 500.000 Überwachungskameras investieren, um für ein „friedvolles“ Miteinander zu sorgen. Hamburg hat 2005 ein Dutzend auf der Reeperbahn installiert, um Raub und anderen Delikten vorzubeugen. Und in London, das bis heute als Stadt mit der größten Kameradichte weltweit gilt, wird ein Mensch nach Einschätzung von Experten bis zu 300 Mal am Tag gefilmt. Ob in der U-Bahn, auf der Straße oder im Geschäft – Big Brother is watching you.
Nicht jeder Täter handelt überlegt
Kameras können Bürgern – wenn überhaupt – lediglich ein passives Gefühl von Sicherheit geben. Sicherlich lässt sich ein rationaler Täter abschrecken und begeht seine Delikte anderswo, wenn er weiß, dass er gefilmt wird. Doch handelt nicht unbedingt jeder Täter so überlegt. Geschieht eine Tat im Affekt, bringen Kameras zunächst erst einmal nichts. Und ob sie bei der Aufklärung hilfreich sind, ist eine zweite Frage. Unlängst musste die Metropolitan Police (MET) in London zugeben, dass trotz der hohen Dichte an staatlichen Überwachungskameras in der britischen Hauptstadt nicht jede Kamera ständig Bilder aufzeichnet. Ein interner Untersuchungsbericht der MET spricht sogar davon, dass in einem durchschnittlichen Monat im Jahr 2009 nur eine Straftat pro 1.000 eingesetzten Kameras aufgeklärt wurde.
Effektiv sind Kameras in Bussen
Anders sieht es hingegen bei der Überwachungstechnik von privaten Betreibern aus. Die Videoaufnahmen in Londons Bussen konnten beispielsweise helfen, die Aufklärungsrate in den letzten Jahren von fünf auf 40 Prozent zu steigern. Das mag immernoch wenig anmuten, stellt aber für eine Millionenmetropole, in der ein Polizist auf jeweils 203 Einwohner kommt, eine relativ beachtliche Zahl dar. Wie viele Kameras tatsächlich in der Stadt an der Themse eingesetzt werden, liegt im Dunkeln. Eine offizielle Statistik wird nicht erhoben. Die gefühlte Zahl ist jedoch enorm. Wer einmal in London war, wird dem zustimmen.
Schnellere Ergreifung der Täter
Aber zurück zum „Glanz des Kamera-Auges“: Noch etwas scheint Götz Eisenberg in seinem Beitrag nicht zu bedenken: Die aufgezeichneten Bilder können in manchen Fällen sehr schnell zur Ergreifung von Tätern führen. Die Selbstmordattentäter der Londoner Bombenanschläge vom 7. Juli 2005 konnten durch Videoaufnahmen schnell identifiziert werden. Zahlreiche Verhaftungen von Komplizen folgten. Auch die Täter, die an Bahnstationen Menschen zu Tode treten, werden in der Regel schnell gefasst. Dem allsehenden Auge sei Dank.
Kommentare Schreib den ersten Kommentar zu diesem Beitrag


