Wenn Mädchen und Frauen gewalttätig werden

Ein Mann, der von seiner Frau verprügelt wird? Ein Junge, der von seiner Mutter vergewaltigt wird? Gewalt gilt als typisch männlich. Sie passt irgendwie nicht in unser Bild von Mädchen und Frauen. Die sind vielmehr emotional, freundlich, gütig und weich, oder? Doch in den letzten Jahrzehnten hat die Zahl von Gewalttaten durch Mädchen und Frauen deutlich zugenommen. Und das sind nur die Taten, die zur Anzeige gebracht werden. Gewalt von Frauen ist ein Tabu-Thema.
  • Bild: istockphoto

 

Häusliche Gewalt

Es gibt kaum verlässliche Zahlen darüber, wie hoch der Anteil an weiblichen Tätern bei häuslicher Gewalt tatsächlich ist. Viele Männer schämen sich, ihre Frau oder Freundin zu verlassen, wenn sie von ihr misshandelt werden – oder sie gar anzuzeigen. Noch immer – und da müssen sich die Männer emanzipieren – werden Männer nicht ernst genommen und belächelt, die von Frauen misshandelt werden.

Häusliche Gewalt, die von Frauen ausgeht, ist ein Tabu. Sogar ein so großes Tabu, dass Forscher, die Frauen auch als Täter identifizieren, öffentlich angegriffen werden. So erging es zumindest 1994 dem renommierten US-amerikanischen Soziologieprofessor Murray A. Straus, der mit einer Studie gezeigt hatte, dass Frauen in den USA in Beziehungen sogar öfter zuschlagen als Männer – wenn auch nicht so hart wie Männer.

Sexueller Missbrauch

Missbrauch ist männlich. Wer würde dem widersprechen? Sind die Täter in Fernsehen und Nachrichten nicht immer Männer? Die Fakten sehen da anders aus: Laut einer Studie der Geschäftsstelle der Missbrauchsbeauftragten Christine Bergmann werden zehn Prozent aller Missbrauchsfälle von Frauen verübt. Der Psychologe Alexander Homes schätzt sogar 50 Prozent weltweit.

Die Dunkelziffer ist enorm. Denn Opfer weiblichen Missbrauchs finden kaum Unterstützung. Vor allem, wenn sie selbst männlich sind. Weibliche Missbrauchsopfer sind anerkannt (jedenfalls in der westlichen Kultur), sie erfahren Unterstützung und Sympathie. Männliche Missbrauchsopfer? Werden oft nur belächelt.

Girl-Gangs

Früher waren Mädchen in Gangs bestenfalls „schmückendes Beiwerk“, heute hat die Emanzipation auch die Unterwelt erreicht. Gerade in England und den USA sind sogenannte Girl-Gangs – mit Mädchen, die oft gerade einmal das Teenager sind – auf dem Vormarsch. Sie sind jung, weiblich und sehen unschuldig aus – die besten Voraussetzungen für eine kriminelle Karriere. Denn ein Augenaufschlag, ein nettes Lächeln und Mädchen kommen zumindest mit kleineren Vergehen leichter davon.

Das gefährlichste an Mädchen in Gangs: Wie auch in der nicht-kriminellen Berufswelt müssen sich Frauen oft mehr beweisen als Männer, um den gleichen Status zu erreichen. Das heißt unter Gangsmitgliedern: mehr Gewalt. Englische Zeitungen zeigen, dass beispielsweise auch alte Frauen als Opfer nicht tabu sind. Gleichzeitig berichten die Medien über Mädchengangs bisweilen fast schon ehrfurchtsvoll oder bewundernd. Auch das motiviert natürlich zu mehr Gewalt.

Neonazi-Mädchen

Auch zu dem ostdeutschen Neonazi-Trio des „Nationalsozialistischen Untergrunds“, das mindestens zehn Morde verübt haben soll, gehörte eine Frau – Beate Z. Sogar 20 Prozent aller Rechtsextremen sollen Frauen sein. Ihnen hilft ebenfalls das Image vom unschuldigen, naiven Mädchen. Oft gelten sie in der Berichterstattung über rechtsextremistische Straftaten als Mitläuferinnen, als manipulierte Geliebte der eigentlichen (männlichen) Täter. Dabei wissen diese Frauen natürlich ebenfalls sehr genau, was sie tun. Beate Z. soll unmittelbar an den Morden beteiligt gewesen sein und die Zwickauer Wohnung in Brand gesteckt haben, um Beweismittel zu vernichten.

Frauen sind häufiger psychisch gewalttätig

Das alles sind Beipiele vorwiegend körperlicher Gewalt. Doch es gibt auch noch andere Formen von Gewalt: Barbara Kavemann, Professorin an der Universität Osnabrück, betont, dass auch psychische Gewalt und Mobbing als Gewalt gezählt werden müssen. Und die geht sogar häufiger von Frauen aus als von Männern.

Selbst erlebte Gewalt ist meist die Ursache

Es darf keine Entschuldigung sein – aber (wie auch bei Männern) ist es eine Erklärung: Fast alle der weiblichen Missbrauchstäter haben selbst Missbrauch und Misshandlung erlebt. Auch Mädchen, die sich Gangs anschließen, kommen oft aus Familien, in denen Gewalt und Armut zum Alltag gehören.

Gewalt ist geschlechtslos

Es erleichtert vieles, die Welt in Schemen zu packen – Männer als Täter, Frauen als Opfer. Doch die Welt ist nicht schwarz-weiß. Frauen können genauso Täter sein und sind ebenso zu Gewalt fähig, wie Männer. Das Fazit ist darum recht einfach: Gewalt ist in den meisten Fällen falsch. Und genauso, wie Gewalt durch Männer, darf auch weibliche Gewalt kein Tabu mehr sein!

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1 Kommentar wurden bereits abgegeben

  • 1.  
    schrieb am 02.05.2012 11:41

    Eine Vorstudie zu dem Theme gab es 2005 vom Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend. Demnach hatte jeder 4. Mann Erfahrungen mit physischer Gewalt von Frauen gegen ihn gemacht. Seltsamerweise ist seitdem nichts mehr zu dem Thema erschienen. Zahlen aus den USA und Australien, also Gesellschaften die uns ähnlich sind, zeigen sogar ein größeres Ausmaß.

     

    Die Vorstudie gibt es hier: www.bmfsfj.de/BMFSFJ/root,did=20558.html

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