Getrübter Spaß-Patriotismus

Der 29. Mai war für die Deutschen dank Lenas Sieg beim Eurovision Song Contest ein vorgezogener Sommeranfang – trotz des schlechten Wetters. Dieser gute Anfang könnte nun in ein schwarz-rot-goldenes Sommermärchen münden, sollte die deutsche Fußballnationalmannschaft in Südafrika erfolgreich sein und ihrem Verletzungspech trotzen. Aber es gibt auch Schattenseite: Der unrühmliche Abgang von Horst Köhler offenbarte diese Woche, dass es keine Politiker mit Charisma mehr gibt.
  • Foto: Blaue Narzisse

 

Seit dem steifen und wortkargen Rücktritt des Bundespräsidenten am 31. Mai beteiligen sich unzählige Kommentatoren des Politikbetriebs an wüsten Spekulationen über Köhlers Nachfolger. Nicht ganz ernst gemeint, brachten mehrere Medien auch den Name Lena Meyer-Landrut ins Spiel. Doch das deutsche Staatsoberhaupt muss mindestens 40 Jahre auf dem Buckel haben. Damit ist das Casting für Lena schon gelaufen.

Horst hat kein Charisma. Lena schon!

Dass sie aber überhaupt scherzhaft als Kandidatin gehandelt wurde, sollte auf einen Missstand in unserem Land aufmerksam machen. Die deutsche Politik hat keine Charismatiker anzubieten. Niemand von denen, die das Rennen um das Amt des Bundespräsidenten unter sich ausmachen, hat die Gabe, die Bürger emotional auf einen schwierigen Weg mitzunehmen. Horst Köhler, Ursula von der Leyen, Wolfgang Schäuble oder Jürgen Rüttgers – alle tragen sie den Geruch des Bürokraten mit sich herum.

Wann haben denn eigentlich die Deutschen ihre Fahnen das letzte Mal vor einem Politiker freiwillig geschwenkt? Nicht mal zum 20-jährigen Jubiläum des Mauerfalls am 9. November 2009 holten sie Schwarz-Rot-Gold aus dem Schrank. Auch zu den Feierlichkeiten zu „60 Jahre Bundesrepublik“ im Mai letzten Jahres war nichts von breitem Patriotismus zu spüren.

„Kaiser“ Franz Beckenbauer als Bundespräsident?

Die jüngere Generation – also letztendlich wir – kennt das öffentliche Bekenntnis zur eigenen Nation nur in Verbindung mit Fußballfesten (WM 2006, EM 2008) oder anderen popkulturellen Erscheinungen wie jetzt dem Sieg von Lena. Vielleicht sollte deshalb Jogi Löw oder „Kaiser“ Franz Beckenbauer Bundespräsident werden. Aber die Politik hat ja bekanntlich schlechte Erfahrungen mit Quereinsteigern gemacht. Deshalb wird´s wohl jemand aus der altbekannten Riege.

Zurück zum Wesentlichen: Wenn unser Patriotismus nur beim Public Viewing kurz aufscheint, dann hat er eine äußerst geringe identitätsstiftende Kraft. Dieser „Spaß-Stolz“ führt die Gesellschaft zusammen, wenn es einfach ist, sich gemeinsam über etwas zu freuen. Sobald das Ereignis verklungen ist, strömen die Menschen jedoch auseinander – jeder in sein Gässchen, jeder wuselt sich individuell wieder durch seinen Alltag und keiner kann gegenseitige Solidarität erwarten, nur weil man sich nach einem Fußballspiel mal in den Armen lag.

Gemeinschaft ist vor allem in Krisenzeiten gefragt

Wahrhafter Patriotismus erweist sich in schweren Stunden. Dann zeigt sich, ob die Deutschen eine Schicksalsgemeinschaft sind oder nicht. Die Bewährungsprobe könnte dabei gar nicht mehr so fern sein. Mit dem Rücktritt von Horst Köhler ist die Bundesrepublik endgültig in eine Staatskrise getrudelt, die dann bedrohliche Ausmaße annehmen wird, wenn es um die Entwertung des Geldes der Bürger geht. Kurz und knapp: An der Euro- und Europafrage wird sich zeigen, wie stark die Gemeinschaft der Deutschen ist.

 

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1 Kommentar wurden bereits abgegeben

  • 1.  
    schrieb am 14.06.2010 20:57

    Vorweg: Ich weine Horst Köhler keine Träne nach. Er war mir nie sympathisch. Und in meinem persönlichem Umfeld kenne ich auch keinen, der ihn sympathisch fand. Aber angeblich so viele andere Deutsche - na ja.

    Und von den anderen Unions-Kandidaten haut mich auch keiner um - obwohl ich aus Hannover stamme. Lena, Frau von der Leyen, Herr Wulff - alles Niedersachsen! Bin ich also kein Patriot? Doch! Lena find ich toll!

    Warum nicht Herrn Wulff? Da sich in den letzten Jahren nach meiner Einschätzung die CDU nicht wesentlich von der SPD unterschieden hat, habe ich auf die Personen geachtet. Und da die damalige rot-grüne Bundesregierung von zwei Mehrfach-Ehebrechern geführt wurde, hatte ich bei den letzten Bundes-Wahlen CDU gewählt. Und bei der Niedersachsen-Landtagswahl auch. Dann brach Herr Wulff seine Ehe. Und da soll er mich repräsentieren? Bitte nicht!

    Dann schon lieber Frau von der Leyen. Obwohl mich das Dauer-Grinsen schon bei ihrem Vater gestört hat. Aber dass sie aus dem Rennen genommen wird, weil dann Deutschland zwei protestantische Frauen an der Spitze hätte - ja, wo sind wir denn!

    Herr Gauck ist meinen Augen wirklich der beste Kandidat. Er besitzt mein Vertrauen, weil er nach meiner Ansicht die Stasi-Sache gut aufbereitet hat.

    Zum Patriotismus will ich mich nicht groß äußern, da ich seit mehr als 5 Jahren in Österreich lebe und hier einen Patriotismus entwickle, zu dem ich in Deutschland nicht fähig war.

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