Geschwisterliebe

Die Kleider der Mutter tropfen von Benzin. Gleich wird sie sich und ihre zwei kleinen Kinder anzünden. Wäre da nicht noch die große Schwester. Nach dem Tod des Vaters und dem psychischen Zusammenbruch der Mutter übernimmt die gerade einmal die 16-Jährige die Verantwortung für ihre Geschwister. Ein Text über das „Geschenk Familie“ in schweren Zeiten.
  • Foto: Pixelio/ S.Hofschlaeger

 

Ich kam nach Hause. Der leichte Nieselregen vom Nachmittag hatte sich nun endgültig in große, schwere Tropfen verwandelt, die zu Tausenden vom Himmel fielen. Schwarz und bitterkalt stürzten sie in einem stetigen Strom von oben herab. Nur unter den kleinen Inseln aus Licht, die die vereinzelten Straßenlaternen schufen, färbten sie sich silbern. Aber welche Farbe sie auch hatten, bitter schmeckten sie alle.

Als ich durch die verlassenen Straßen ging, dachte ich darüber nach, was mich zu Hause erwarten würde. Wie jeden Tag würde Margret vor dem Fernseher in ihrem Zimmer auf dem schmuddeligen Bett liegen. Bis auf die monotonen oder aber viel zu überdrehten Stimmen aus dem Flimmerkas­ten würde man vor dem nächsten Morgen nichts von meiner Tante hören oder sehen.

Unter Aufwartung all meiner Kräfte, stemmte ich die Haustür auf. Mein Blick fiel auf die Briefkastenschlitze an der gegen­überliegenden Wand. Was einmal dazu gedient hatte, Post aufzubewahren, bestand jetzt nur noch aus Dellen und verbogenem Metall. Meine Schritte hallten dumpf in dem dreckigen Treppenhaus wider, während ich auf unseren ehemaligen Briefkasten zuging. Das vage empfundene Glücksgefühl, das ich verspürt hatte, als mein Chef mir nach Schichtende einen Bonus ausgezahlt hatte, löste sich in Luft auf. Unsere Post war unauffindbar. Jetzt half es mir wenig, dass ich eine wirklich großartige und zuvorkommende Kellnerin war. Wenigstens wusste ich jetzt, wofür ich den Bonus ausgeben würde.

Manchmal tat es weh, keine Eltern zu haben

Meine Familie – meine beiden jüngeren Geschwister –, für die es sich lohnte, jeden Morgen aufzustehen. Für die ich zu sorgen hatte, die ich ernähren musste. Ganz allein, mit meinen nicht einmal siebzehn Jahren. Ich setzte den Fuß auf die erste Stufe. Manchmal tat es weh, keine Eltern zu haben.

Später an diesem Abend saß ich vor meinen Hausaufgaben an unserem Küchentisch. Es war kurz vor Mitternacht. Ich war allein. Niklas und Biene, zehn und fünf Jahre alt, lagen wohlbehütet in ihren Betten und schliefen – davon hatte ich mich die letzten Stunden Dutzende Male überzeugt. Und wieder überkam mich dieses Drängen, nach meinen Geschwistern zu sehen, mich zu vergewissern, dass es ihnen gutging.

Auf Zehenspitzen schlich ich zu der Tür mit dem großen Winnie-Poo-Poster und drückte so leise ich konnte die Klinke herunter. Dann spähte ich vorsichtig in das dunkle Zimmer. Es war dasselbe Bild, das sich mir schon das letzte Mal geboten hatte: zwei kleine Körper, in zwei schmalen Betten, die sich – bis auf das gleichmäßige Heben und Senken ihrer Brustkörbe – nicht rührten. Es war der tröstlichste Anblick, den ich mir vorstellen konnte.

Wieder allein in der Küche rief ich mir die Nacht vor über zwei Jahren ins Gedächtnis, in der mich dieser Drang zum ersten Mal überkommen hatte …

Ich schlafe nicht ein, etwas hält mich davon ab

… gleichmäßiges Rauschen und Prasseln weht von draußen herein. Regen. Meine Augen schließen sich wie von alleine. Mehr schlafend als wach, lasse ich noch einmal den Tag Revue passieren: Da sind die unterdrückten Schluchzer meiner Mutter aus dem Badezimmer; da ist der Pfarrer im Religionsunterricht, der von Jesus und seinen Taten berichtet; das lächelnde Gesicht des Predigers, als er uns alle auffordert, Jesus zu folgen … Doch ich schlafe nicht ein. Etwas hält mich davon ab. Neben den vielen Bildern und Sinneseindrücken des Tages tobt noch etwas Weiteres in mir: das Bedürfnis aufzustehen und nach meinen Geschwistern zu sehen. Unruhig wälze ich mich in meinem Bett hin und her. Meine Mutter würde sich schon um sie kümmern …

Das Bild ihres verklärten und verhangenen Blicks während des Abendessens lässt mich meine Augen aufschlagen. Nein. Meine Mutter würde nicht nach ihnen sehen. Sie hatte wieder diese Medikamente genommen. Leise stehe ich auf und eile zu dem Zimmer meiner Geschwister.

Wie erstarrt bleibe ich stehen

Wie erstarrt bleibe ich im Türrahmen ihres Kinderzimmers stehen. Biene, die in Niklas’ Bett gekrochen ist. Meine weinende Mutter, die Streichhölzer in der Hand hält. Und dann dieser Geruch, den ich von Tankstellen her kenne. Wo kommt er her? Diese Pfütze auf dem Boden. Die tropfenden Kleider meiner Mutter …

Nach dieser Nacht folgte ich der Aufforderung des Pfarrers, der uns am Tag vorher besucht hatte, und entschied mich für Jesus. Ich fragte mich oft, warum Gott meine Mutter hatte krank werden lassen. Sie war an dem Tod meines Vaters verzweifelt, der jetzt sechzehn Jahre zurücklag. Auch Affären mit anderen Männern hatten sie nicht davon abhalten können, sich und zwei ihrer Kinder umbringen zu wollen. Ich habe sie einmal gefragt, warum sie mir nichts hatte antun wollen. Sie sagte, dass sie das unmöglich hätte tun können. Sie und mein Vater hatten unbedingt eine Familie gründen wollen und ich war sein einziges Kind, das sie ihm nicht hatte nehmen können. Ich habe meine Mutter danach nie wieder in der Klinik besucht.

Familie ist ein Geschenk Gottes

Jahre später denke ich über all das nach und danke Gott für seine Hilfe in jener Nacht – und für sein Geschenk „Familie“. Denn auch wenn dieses Geschenk nicht immer einfach zu bewältigen ist und mich nicht selten verzweifeln lässt, ist es all die schweren Momente wert: das Lachen meiner beiden Geschwister; die Freude der beiden darüber, wenn ich am Abend nach Hause komme, und auch die Briefe meiner Mutter, wenn sie darüber schreibt, dass es ihr besser geht und sie uns alle drei schrecklich liebt.

Familie ist ein Geschenk Gottes, das es jeden Tag aufs Neue auszupacken und zu entdecken gilt. Und das einen immer wieder überrascht.

Die Evangelische Nachrichtenagentur idea hat zusammen mit dem Verband Evangelischer Bekenntnisschulen erstmals einen Schülerschreibwettbewerb veranstaltet. Die Themen waren „Vergebung“ (Klassen 8-10) und „Familie“ (Klassen 11-13). Die besten Beiträge des Wettbewerbs veröffentlicht idealisten.net in den nächsten Wochen. Ann-Marie Schmidt aus Bad Endbach konnte mit „Geschwisterliebe“ den dritten Platz der Oberstufenschüler belegen.

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